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Strandbad Plötzensee: Dort weht ein neuer Wind und ein Holländer beschenkt Berlin

Es waren viele Jahre des Missmanagements und Kundenfeindlichkeit, die sogar für Berliner Verhältnisse eine Nummer zu groß war. Der Blog hatte berichtet. Wie gut, dass Veränderungen auch mal positiv ausgehen können! Seit Ende Mai ist das Freibad im historisch bedeutsamen Ort im Norden Berlins geöffnet. Die Schlüssel bekam der neue Betreiber erst nach sechs Wochen, nachdem alles juristisch in trockenen Tüchern war.

Das Hauptgebäude
Das Hauptgebäude

Amsterdam-Berlin

Der neue Betreiber ist Michel Verhoeven, ein erfahrener Beach-Bar- und Eventagentur-Betreiber. An der Küste seiner holländischen Heimat hatte er zwanzig Jahre gerockt in der Beach Bar Woodstock 69. Dann stand eine Veränderung bevor mit unterschiedlichsten Optionen, um etwas Neues anzupacken: Kroatien, Südafrika und Berlin. Für die Hauptstadt hat sich Michel entschieden, denn „Ich habe mich sofort in diesen Ort verliebt, als ich vor einem Jahr hier war“, sagte der Holländer mit unverwechselbarem Akzent. Der Mann ohne Allüren und mit einer Frisur, die stark an Paul McCartney zur Zeit der Beatles erinnert, ist hin und weg von Berlin. Während des Interviews, welches wir auf einer Holzbank auf der Terrasse machten, erzählte er, begeistert aber auch ein bisschen stolz, von der neuen Herausforderung. Dann kam seine Frau Šemsa dazu. Sie ist aus Serbien und kommt ins Schwärmen, wenn es um die neue Herausforderung geht.

Was viel kostet der Spaß?“, wollte ich wissen, und er nannte mir die Eintrittspreise. „Wie viel der ganze Spaß kostet“, wollte ich wissen. „1 Million Euro.“ Das Paar aus Holland ist nicht allein mit der herkulischen Aufgabe, das Strandbad Plötzensee zu einem Ort für Wasserratten, Naturliebhaber, Jugendliche und Familien mit Kindern zu gestalten. Ein anderes, befreundetes Paar aus Deutschland ist mit von der Partie.

Es erwies sich als klug, die ausgiebigen Recherchen für diesen Bericht (auch aus terminlichen Gründen von beiden Seiten) auf insgesamt drei Ortstermine zu verteilen.

Allein schon der Umgang mit Kunden an der Kasse fiel mir gleich beim ersten Besuch dieser Saison auf. Der Kassierer, der zum Feierabendandrang eine sehr lange Schlange allein zu bewältigen hatte, sprang hektisch aus dem Häuschen und versuchte, zwei Besucherinnen abzufangen und davon abzuhalten, wegen eines fehlenden Studentenausweises und der damit verbundenen Ermäßigung nach Hause zu gehen. Er hatte es sich kurzfristig anders überlegt: „Ihr müsst den jetzt nicht extra holen. Ich glaube es Euch auch so.“ Selbst in der Schlange stehend merkte ich auf Anhieb: Moment! Hier weht ein neuer Wind. Just in diesem Moment kam Sarah an mir vorbei. Sie sagte zum Pförtner: „Ich arbeite hier als Rettungsschwimmerin.“ Ein verständnisvoller Kassierer, eine Frau als Rettungsschwimmerin an einem Ort, der vor nicht allzu langer Zeit von clanartigen, böse aussehenden Kerlen dominiert war, und bei dem Tickets verkauft wurden, obwohl man wusste, das Freibad werde gleich geschlossen, und einem Ort, bei dem der letzte Geschäftsführer oft den Eindruck erweckt hatte, als hätte er zu tief ins Glas geschaut…

der Eiswagen
Der Eiswagen

Meine Vermutung hat sich bewahrheitet. Sarah stellte mir Michel vor und alles nahm seinen Gang. Als ich ihn sah und von seinen Plänen gehört hatte, wusste ich sofort: Ich muss einen Bericht darüber machen. Nicht „nur“ wegen des Updates sondern, aber weil das Konzept eine vorsichtige Begeisterung zulässt. In Berlin ein Beach Feeling haben, rundum versorgt sein, sich sicher fühlen und das mitten im Wedding? Ist das zu viel verlangt? Nein!

Wenn Gewitter vorhergesagt ist, macht sich ein gut ausgesuchtes Team an die Arbeit, um alle wichtigen Vorkehrungen zu treffen. Ein großer, dünner und sympathischer Mann, ein Allrounder, hat die Aufgabe, nach dem Rechten zu schauen. „Wie ein Hausmeister“, sagte er bei einer kurzen Pause unter dem Zelt, unter dem ich stand und mir den Sturm aus nächster Nähe anschauen wollte. Er ziert sich nicht, mit anzupacken, wenn Gewitter im Anmarsch sind. Hier klappt offenbar auch die Vorbildfunktion des Geschäftsführers. Nach einer Durchsage war der Strand fast gänzlich geräumt. Ein paar wilde Jugendliche liefen herum und übten den Pflichtsprung ins Wasser, Bauchplatscher sozusagen. Wie eine fürsorglicher Onkel, der seine Pappenheimer kennt, ging er zur Stegspitze und machte mit einem Handzeichen klar, sie könnten noch schnell ins Wasser springen. Er sah zu, wie sie sich austobten, und wich ihnen keine Minute von der Seite. Als es dann soweit war und man die ersten Donner hörte, signalisierte er ihnen, herauszukommen, und prompt waren die Jungs wieder draußen. Ein Geschäftsführer, der um das Wohl aller Besucher besorgt ist. Das dürfte in der Servicewüste Berlin einmalig sein.

Michel hat bisher ein glückliches Händchen bei dem Aufbau seines Teams bewiesen. Noch ist viel zu tun im Freibad, aber es gibt Fortschritte: ob es die Utensilien für Standing Paddeln sind oder einfach die Überraschung, dass die Hauptuhr im Haupthaus, die jahrelang stehen geblieben war, wieder geht!

Auch der Eisverkäufer Malte Paulsen von der Firma YEAY Organic Foods passt in das holländische Konzept, wie die Faust aufs Auge. Er und Michel haben sich unterhalten und nach vier Stunden stand sein Wagen auf dem Gelände. Eine sichere Quelle flüsterte mir, er habe ganz klein angefangen mit Brezelverkauf. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmer und bringt Bio-Eis unters Volk: Am Strandbad Plötzensee für den fairen Preis von 1,50 € die Kugel. Einen Eisstand am Treptower Park hat er auch.

Michel Verhoeven und seine Gattin auf der Terrasse
Michel Verhoeven und seine Gattin auf der Terrasse

Holländische Verhältnisse

Wer schon mal im Fremdenverkehrsbüro in Amsterdam war, war als Berlingeschädigter gestaunt über die Freundlichkeit der Mitarbeiter, die im Minutentakt je nach Kunde die Sprache wechseln müssen. Die Holländer gelten als ein verrücktes Volk und leben bekanntlich gern in Zelten. Michel Verhoeven, der auf alles schwört, was „Hauptsache Draußen“ heißt, füllt dieses Klischee gleichermaßen mit Inhalt, Empathie und Bauchgefühl. Fast gerührt, aber allemal dankbar, erzählte er über die Bereitschaft seiner 30 Mitarbeiter, zusammen mit 200 freiwilligen Berlinern in den letzten zehn Wochen den hinterlassenen Dreck wegzuschaffen.

Unmittelbar nachdem Michel den Zuschlag bekam, gab es Vandalismus auf dem Gelände. Zufall? Wohl kaum! Da kam, so Michel im Interview, die Idee, mit der Karawane direkt auf dem Gelände zu wohnen. Für einen Holländer, erprobt in die Weite Welt zu reisen und Länder zu erobern, ist das mit links zu schaffen. 100.000 Euro sind allein für eine grundlegende Infrastruktur schon weg, um das Gelände nach dem Vandalismus zu sichern. Ein Amphibienfahrzeug kam auch zum Einsatz. Der Badebereich, insbesondere am FKK-Sandstrand, musste dringend gesäubert werden. Der Strand, der noch um 2011 für die Badegäste ein Muss war, vergammelte buchstäblich mehrere Jahre lang. Bis jetzt.

Die Daten sprechen für sich:
25 Container Müll je 3 Tonnen
5 Container allein für Gartenabfall

Das Thema Sicherheit kommt nicht zu kurz. Aber anstatt angsteinflößender Ordner ist die Firma SeKUHRity im angemessenem Umfang dabei. In der Woche sind zwei Mann vor Ort. Am Wochenende auch schon mal ein Sechser-Team, teilte mir einer der Security-Mitarbeiter mit, als er mich vom Eingang übers Gelände zum Chef für den zweiten Teil des Interviews führte. Auch das gehört zum Service-Verständnis dazu. Der Ton macht die Musik und diese Sicherheitsfirma macht bisher eine gute Figur. Am Freitag, als ich den dritten Tag dort weilte, stand eine Polizeiwanne vor der Tür. Ein Badegast war umkreist von den Ordnungshütern und die Security-Mitarbeiter haben alles getan, um die Ermittlungen zu unterstützen.

Keine Allüren

Er ist ein freundlicher Gastgeber, unabhängig davon, ob er mit einer Journalistin vom RBB oder vom Tagesspiegel oder mit einer Autorin von Inberlin.de zu tun hat. Die Vorbildfunktion wird eins zu eins auf die Mitarbeiter übertragen und nach Jahren des Drangsalierens der Kunden wächst die Hoffnung auf etwas ganz Besonderes für alle Berliner. Bei der Vorgeschichte, die mich auch dazu brachte, zwischen 2013 und 2017 nicht mehr dahin zu gehen, ist es nur logisch, dass Wasserratten sich riesig freuen, wenn dort ein ganz anderer Führungsstil herrscht. Nie mehr vom Bademeister von weit weg angeschnauzt werden, das Wasser zu verlassen, obwohl man gerade erst reingegangen war, und das schon um 20 Uhr, obwohl das Bad bis 21 Uhr geöffnet hatte. Hoffentlich nie mehr hässliche Auseinandersetzungen vor der Kasse. Schließlich, und das haben die anderen Betreiber völlig aus dem Sinn verloren, geht man dahin, um zu schwimmen, zu relaxen und zu entspannen. Michel hat es offenbar verstanden. Man gewinnt den Eindruck, er möchte, dass die kleinen und großen Familien zum Plötzensee zurückkehren.

Plötzensee
Plötzensee

Auch wenn die Eröffnung an Himmelfahrt nicht zu lange zurückliegt (die Schlüsselübergabe ließ erheblich auf sich warten), sind die Atmosphäre und das Ambiente am Strandbad Plötzensee vollkommen anders als in den letzten Jahren.

Nach den Plänen von Michel soll das Freibad ein regelrechtes Strand Resort werden. Er möchte „den Leuten das Ostsee- und das Nordsee-Feeling geben. Nicht nur tagsüber, sondern auch Abends am Lagerfeuer. Dann kann man sich Abends umziehen, etwas essen und trinken, und das bis Mitternacht.“

Zu den sozialen Unruhen von einst sagte er: „Ich kann sehr stolz sein auf die Menschen, die hier sind. Vielleicht hat es auch etwas mit der Security zu tun und damit was wir ausstrahlen. Ich sehe hier viele alte Menschen, die zurückgekommen sind, aber auch viele Touris, Studenten und viele Weddinger. Es ist buntgemischt, so wie Berlin sein muss.“

Weite Sicht
Weite Sicht

Was kommt?

200 Strandliegen sind bereits bestellt. 50 sind schon da (Stand vom 21.06.) und 100 sind für den Beach-Club vorgesehen. In dem verwahrlosten Cabana direkt am FKK-Strand werden bald Massagen angeboten. So etwas kenne ich vom Strand von Zandvoort in Holland und von der Copacabana in meiner Heimatstadt Rio de Janeiro.

Im Gegensatz zur Autorin dieses Textes ist Michel vollkommen frei von Vorurteilen, die man Berlin entgegenbringt. Und darin besteht die immense Chance durch die Wahl seines Konzeptes. Hermann Hesse hat einmal gesagt: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ und Michel und sein Team strahlen genau das aus.

Rettungsschwimmerin Sarah
Rettungsschwimmerin Sarah

Frauen am Start

Sarah machte das Abitur 2006. Sie ist Sportlehrerin und im Nebenjob arbeitet sie am Plötzensee als Rettungsschwimmerin. Am dritten Tag der Recherchen für diesen Bericht und noch schnell bevor Sarah in den Urlaub verschwand besuchte ich sie direkt an ihrer Arbeitsstelle am Turm. Es war voller Betrieb, die Sonne massakrierte meinen Kopf und erschwerte die Konzentration.

Wie die Besucher auf sie als Frau reagieren, wollte ich wissen. Seitens der Besucherinnen habe sie keine Verwunderung wahrgenommen, sagte sie. Was das Besondere an dem Job sei, beantwortete sie später schriftlich: „Ich habe schon einen Job, aber mich hat es gefreut, dass in meiner Nachbarschaft in Wedding ein neuer inspirierender Ort entsteht. Ich wollte es sowohl unterstützen als auch ein Teil davon sein“, und sie fügte hinzu, sie finde es „ganz besonders“, dass das Rettungsschwimmer-Team von einem ehemaligen Geflüchteten geleitet wird.

Berlin kann und soll sich glücklich schätzen, dass ein Holländer völlig unvoreingenommen aus einem Müllhaufen und einem heruntergewirtschafteten Ort einen Beach-Club mit Service, der diesen Namen verdient, machen will. Das Know how aus dem Beach-Bar „Woodstock 69“ in Holland hatte er bereits im Gepäck. Jetzt muss das Ganze noch Form annehmen und es braucht ein bisschen Zeit, ehe alle Facilities in Anspruch genommen werden können. Lichtblicke gibt es aber schon. Es lohnt sich, das Strandbad Plötzensee wiederzuentdecken.

Ganz schön schlau, diese Holländer. Sie wissen, wie sie mit Lagerfeuer die Berliner für Sommerromantik begeistern. Spaß bei Seite. Der Mann hatte einen Traum und zog es vor, diesen nicht in Südafrika und nicht in Kroatien, sondern in Berlin zu verwirklichen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Das für die Lagerfeuer notwendige Brennholz liegt schon am Strand.

Der Überblick
Der Überblick

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Aus dem feindlichsten Freibad von Berlin (wie der Artikel von 2013 beschreibt) ist ein Ort geworden, zu dem Berliner wieder zurückkehren können, und zwar jeder nach seiner Fasson, wie Friedrich der Große uns lehrte.

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