Das Doberaner Münster: Geschichte und Kultur sinnlich erlebbar an der Ostseeküste

Die Hohenzollern wussten schon sehr gut Bescheid. Die Ostseeküste bietet nicht nur gute Meeresluft. Sie ist gelebte Geschichte, wenn der Sonnengott mitspielt, was er ja oft tut, reicht der Horizont bis nach Dänemark.

Endlose Weiten: Die Ostsee, im Blick - die Seebrücke
Endlose Weiten: Die Ostsee, im Blick – die Seebrücke

Am Garten des Grand Hotels im Seebad Heiligendamm und unweit von den großen Strandkörben auf den 2007 Angela Merkel mit den Mächtigsten der Welt beim G8 Gipfel saß und sich in Plauderlaune zeigte, sticht ein großer Stein hervor, der 1843 zum 50. jährigen Jubiläum, an die Gründung des ersten Seebades (Bade- und Kurbetrieb) in Deutschland im Jahr 1793 erinnert. Die Zimmerpreise sagen deutlich, dass das Luxussegment die Zielgruppe für dieses Hotel ist. Kleinere Geldbeutel werden in der Region auch fündig und glücklich.

Heiligendamm und Bad Doberan sind geschichtlich untrennbar verbunden. Vier km von dem „Grand Hotel“ entfernt, liegt das kleine Örtchen namens Bad Doberan* im Volksmund „Die Zappa-Stadt“, weil dort das jährliche Open-Air „Zappanale“, welches das musikalische Erbe des Musikers und Workoholikers Frank Zappa ist, am Leben hält.

Das Grand Hotel
Im Garten des Grand Hotel

In Jahr 2021 findet das Festival zu 80% online statt. Die Macher*innen waren zunächst voller Hoffnung, das Festival wie gewöhnlich auf dem Terrain der Trabrennbahn in der Präsenz stattfinden zu lassen, mit einer Kombination von völlig Geimpften und Personen mit Bürgertests vor Ort, aber die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern hatten eine andere Einschätzung der Lage. So ein umfangreiches Festival mit Gästen aus ganz Europa und Bands aus der großen weiten Welt braucht auch seine Zeit der Vorbereitung.

Im Jahr 2020 fand die Zappanale 30.50 bis auf ein kleines Come Together draußen vor der legendären Garage im Hof des Kulturzentrums, alles nur online, statt. Als Trostplaster am 17.07. zwischen 18 Uhr und 22 Uhr gibt es ein beschauliches Konzert mit insgesamt drei Bands. Danach geht es im Onlineformat weiter.

Zappa Fans geben aber nie auf. Die Hard-Core-Fraktion reist an, kampiert vor der Trabrennbahn und stolziert mit Zappa-T-Shirts in der Innenstadt. Die Bronzeskulptur, die im Ortszentrum liegt, wird immer am zweiten Wochenende im Juli mit Sonnenblumen geschmückt. Ganz gleich ob, das großes Publikum vor Ort ist oder nur ein Rauch von der weltweiten Zappagemeinschaft. (Link: zappanale.de)

Nostalgie mit Meeresblick

Für Eisenbahnliebhaber*innen fährt die Molli-Bahn stündlich auf Schmalspur auf der Strecke Bad Doberan-Rennbahn-Heiligendamm Kühlungsborn Ost-Mitte und West. An der letzten Station werden die Eisenbahnliebhaber*innen erst recht auf ihre Kosten kommen, im Molli Musem. Für Käffchen und Kuchen ist das Cafe direkt neben dem Museum. (Link: Molli Bahn)

 

Die Molli
Die Molli

Der König unter den Münstern

Unweit vom Ortszentrum liegt eine der schönsten Klosterkirchen Europas: Das Doberaner Münster. In einem Heft zum Münster vom Deutscher Kunstverlag München/Berlin aus dem Jahr 1992, schreibt Carl-Christian Schmidt: „Die Stadt Bad Doberan verdankt ihre Existenz zwei wichtigen Entscheidungen des mecklenburgischen Fürstenhauses: (…) Die Gründung des Zisterzienserklosters am Ende des 12. Jahrhunderts und die Errichtung des ersten deutschen Seebades am Heiligen Damm 1793″.

Doberaner Münster
Doberaner Münster/©Martin Heider

Martin Heider ist das Herz, der Kopf und die Seele des Münsters, als Allround-Manager. Als Junge, noch zu DDR-Zeiten, ging er während der Ferien dorthin und sollte einen zweitägigen Crashkurs für die Führung durch das Kloster absolvieren und gleich am nächsten Tag mit der Praxis loslegen. Ein gewagtes Unterfangen, wie er mir erzählte, an einem sehr heißen Nachmittag im Juli 2020. Während der einstündigen Exklusiv-Tour für Inberlin liefen wir durch das breite Gelände des Klosters, inklusive der atemberaubenden Gartenanlagen.

Martin Heider
Martin Heider/©Fátima Lacerda

Trotz einer robusten Menge an Informationen über die lebhafte Geschichte des Klosters, welches sogar den 30. jährigen Krieg überlebte und dazu den hohen Qualitätsanspruch gerecht zu werden, schafft Martin Heider die Tour durch die Kirche oder aber die Außenführungen zu einem visuellen und sinnlichen Erlebnis werden zu lassen. Die Besucher*innen werden dieses Erlebnis lange in freudiger Erinnerung behalten.

Die Tour dauert eine Stunde. Im Juli und August 2021 finden immer um 11 Uhr die Außenführungen statt. Die Orgelkonzerte, die in der Region einen legendären Ruf haben (ich kann es bestätigen!) sind pandemiebedingt außer Kraft gesetzt. Am besten, vor der Anreise, sich über den aktuellen Stand auf der Webseite informieren. Die Öffnungszeiten sind (Stand jetzt) zwischen 11:00 und 17:00 Uhr. Es wird eingeladen zu zwei Rundgängen am Freitag, dem 16. Juli um 15 Uhr und um 17 Uhr mit Münsterkustos Martin Heider. Treffpunkt ist die Kapelle Althof. (Link: Führungen)

Eingangstafel
Eingangstafel

Berufung und Hingabe

Die Geschichte lebt durch ihr Fachwissen, ihre Leidenschaft und durch die Bemühungen, immer mehrere Puzzleteile zu einem bemerkenswerten Gesamtbild zusammenzufügen.

Heider ist nicht „nur“ fürs organisatorische und für die Pressebetreuung zuständig, sondern ist oft unterwegs in den Bibliotheken und Archiven in Mecklenburg-Vorpommern, lässt sich von Historiker*innen beraten, schreibt Bücher übers Kloster, wie (Verlag & Medien GbR) zum Beispiel: “Das Doberaner Münster in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges”. Auch die Restaurierung muss bewerkstelligt werden. Finanzmittel müssen her.

Es wird ausdrücklich empfohlen mehrere Stunden für die Führungen drin (wenn zu dem jeweiligen Zeitpunkt angeboten) und draußen, aber auch eine Zeit zum selbst erkunden oder die erlangten Eindrücke nachwirken zu lassen, einzuplanen.

Ein Spaziergang über den Bach und die weissgestrichene Brücke bis hin zu den Ruinen, bei denen im Herbst Apfel- und Birnenbäume eine extra Portion Landleben anbieten, ist ein Must.

Kaffee und Kuchen

Nach ereignisreichen Stunden kann es auch mal sein, dass der Magen sich bemerkbar macht. Dafür gibt es im Torhaus die leckersten Kuchen oder die besten chinesischen Tees und ganz sicher die netteste Gastgeberin der ganzen Region. Sie kommt oft vorbei, begrüßt die Gäste mit ihrem asiatischen Kundenverständnis. (Link: Torhaus)

 

Torhaus Bad Doberan
Torhaus Bad Doberan

 

Drei Haselnüsse Marstall mit Inhaberin „Jeannette Polzin“

Wer einige Souvenirs als Erinnerung oder Geschenk mitbringen möchte oder seinen Liebsten überraschen möchte, für diese Absichten ist das Geschäft „Drei Haselnüsse Marstall“ – gleich nebem dem Torhaus –  ein Volltreffer. (Link: Drei Haselnüsse Marstall)

Jeannette Polzin ist eine Lichtgestalt: Herzliche Begrüßung und exzellente Beratung sind für die Inhaberin eine Selbstverständlichkeit. Vielfalt beim Sortiment ist hier Programm.

Die Klosterküche
Die Klosterküche/©Fátima Lacerda

Für das Abendessen empfiehlt sich das Restaurant “Die Klosterküche” mit regionalen Rezepten und Zutaten direkt gegenüber. Die Speisekarte wird jede Woche aufs neue konzipiert, um akkurat auf die saisonalen Bedingungen abgestimmt zu sein. Egal was Ihr bestellt, sorgt dafür, dass Tomaten Teil des Gerichtes sind. Diese schmecken himmlisch!

Die Bedienung am Tisch ist nicht besonders aufmerksam und oft als einzige Kraft für mehrere Tische im hektischen Modus tätig, aber wer aus Berlin kommt, wird keinen Unterschied bemerken und wenn, es sicher sportlich nehmen.

Für ein Essen in der „Klosterküche“ wird wärmstens empfohlen, den Tisch vorher zu reservieren. Der Ort ist klein und Besucher*innendrang, gerade am Wochenende und in der Ferienzeit ist sehr gross. Die Köche Robert Leiser und Patrick Ball haben sich mit dem Restaurant, welches oft für eine Hochzeitsfeier genutzt wird, einen Lebenstraum erfüllt. Und in der Küche verstecken sie nichts. Glastüren gewehren dem hungrigen Gast einen Einblick in das Kochgeschehen.

Tagesausflug

Das Doberaner Münster ist ein ganz besonderer Ort, 78 m lang, im Kreuzschiff 39 m breit. Das Hauptschiff ist 26 m mit seiner Ausstattung, dass es gezielter besucht wird. Bei der einstündigen Führung erzählt Martin Heider, wie er zum Münster kam, über das Forschen in Stadtarchiven, über japanische Touristen und über die Relevanz von dem Münster, welches zur prestigereichen Route der Backsteingotik gehört.

Der Altar, die Glasfenster, der Turm, das Beinhaus, die an Schönheit nicht zu überbietende mittelalterliche Glasmalerei von Fürstin Anastasia von Mecklenburg um 1300 aber auch die Geschichte über die Plünderungen “durch die Schwedische Soldateska im Jahr 1638” und den Raub von Silberfiguren von der Doberaner Uhr gehören zur Geschichte einer bemerkenswerten Architektur. Und dies obwohl laut Büchlein “Das Münster zu Doberan” (Deutscher Kunstverlag München/Berlin 1992) der Chronist Helmodl von Bosau noch im Jahr 1170 das heutige Bundesland Mecklenburg-Vorpommern verdammt.

Mecklenburg ist ein Land des Mangels und des Hungers, wo der Sitz des Satans und aller bösen Geister ist”. Und doch steht das Kloster heute noch immer als Widerstand gegen die Zeit, der Plünderungen, der Zerstörung und des Raubes. Und trotzdem sticht das Kloster mit allen seinen Unvollkommenheiten aus der Landschaft hervor und fungiert als Kultur und Mahnung zugleich.

Inberlin: Eigentlich erstaunlich, dass dieses Gebäude noch steht, bei der lebhaften Geschichte der Gräueltaten, Zerstörungen und Plünderungen.

Martin Heider: Es gab im 30- jährigen Krieg größere Schäden am Dach, sogar das Gewölbe war defekt, aber im Grunde genommen, ist die Bausubstanz über die Jahrhunderte erhalten geblieben. Eben auch die Ausstattung. Heute ist es die reichste mittelalterliche Ausstattung aller Zisterzienser Klosterkirchen, europaweit. Das ist die Einmaligkeit. Man darf nicht nur den Vergleich wählen zwischen den Zisterzienserkirchen untereinander, sondern auch den Vergleich zu den großen Domen, Münsterkirchen und den großen Stadtkirchen. Da kann das Münster als eine große Kirche, vom baulichen her, eigentlich der Kathedralbautyp, mit den großen mithalten. (…)

Die Touristen sind da
Die Touristen sind da

Was suchen die Touristen hier? Trost, Halt oder den kulturellen Wert? Sie haben sicherlich mit vielen gesprochen

Es ist eine Mischung. (…) Viele Motive spielen eine Rolle: das Touristische, das Kulturelle, aber auch die Besinnung.

Wer im Internet schaut und nach Bad Doberan sucht, wird sofort auf das Münster aufmerksam gemacht, als Zugpferd der Region.

Sind die Besucher*innen aus dem In- oder aus dem Ausland?

Es sind viele auch internationale Touristen (USA, England, Portugal, Spanien, eigentlich aus der weiten Welt. Es kommen, gezielt, viele Gäste von den sehr beliebten Kreuzfahrtschiffen als Tagesausflug. Vier Tipps, die ein Must See im Gebäude und im Garten sind:

  • Der Kreuzaltar
  • ALLES rund ums Beinhaus
  • Die Mittelalterliche Glasmalerei mit Fürstin Anastasia um 1300
  • Die Gartenanlage samt Ruinen (Im Spätsommer beschmückt mit Birnen- und Äpfelbäumen)

Nach der langen Zeit der Pandemie, wie ist die Stimmung bei den Besucher*innen? Wortkarg, allein schon aufgrund der Maske? Wie ist Ihre Beobachtung?

Die Leute sind erstmal dankbar, dass sie wieder reisen dürfen, die Ostsee erleben und die frische Meeresluft geniessen können. Wir hören oft Worte der Dankbarkeit, dass das Münster überhaupt wieder geöffnet ist.

Sie sind vom Haus aus Betriebswirt. Wie sind Sie hier stecken geblieben? War es Liebe auf den ersten Blick?

Also ich bin das erste Mal als 16 Jähriger nach Bad Doberan gekommen. Es gab eine Aktion der Doberaner Kirchengemeinde und der evangelischen Kirche an sich, dass junge Leute eingeladen waren, die Touristen durchs Münster zu führen und 14 Tage im Sommer hier gemeinsam mit anderen Jugendlichen zu leben. (…). Das habe ich dann im Sommer 15 jahrelang durchgeführt. Daraufhin habe ich meine Ausbildung gemacht, studiert und habe den Sommerjob immer so beibehalten. Seit 20 Jahren bin ich hier hauptamtlich tätig.

Wie haben Sie sich als junger Mann vorbereitet, die Touriste*innen durchs Münster zu führen. Mussten Sie viel büffeln?

Es gab einen Crash-Kurs von zwei Tagen. Wir sind am Donnerstag angereist, am ersten Abend hat man eine Einführung bekommen. Am Freitag gab es erst den Rundgang durchs Münster. (…) Ich hatte damals das Glück, dass die erste Gruppe die ich geführt hatte wenige Besucher hatte. Es handelte sich um einzelne Touristen und da war ich selber mit mir gar nicht zufrieden. Die zweite war eine japanische Reisegruppe. Da war auch der Dolmetscher dabei, dann hatte ich immer Zeit zu überlegen, was ich demnächst sage. Die dritte Führung, die regulär für deutsche Touristen war, die lief dann. (…) Nach ein paar Jahren habe ich selber angefangen die neuen Münsterführer*innen anzuleiten und auszubilden.

Sie sind das Gesicht des Doberaner Münsters. Was ist genau Ihre Aufgabe?

Ich bin nicht alleine. Es gibt den Pastor, die Gemeindepädagogin, einen Kantor und weitere Mitarbeiter*innen (…). Meine Aufgabe am Münster ist die Organisation des Tourismus, der Baumaßnahmen, die Finanzen zu organisieren, die gesamte Öffentlichkeitsarbeit, das Sonderführungsprogramm auch mal wieder aufzufrischen und die Historie weiter zu erforschen.

Historie weiter zu erforschen. Lässt sich diese Infos in einem Band zusammenfassen oder ist es ein ständiger Prozess mit immer wieder neuen Erkenntnissen?

Neulich wurde ich gefragt, wie weit ich da wäre mit der Bearbeitung der Akten in chronologischer Reihenfolge, dass man die Zusammenhänge erkennt, was war zu einer bestimmten Zeit mit diesem Kirchengebäude, die Nutzung dieser Kirche aber auch wie ging es weiter mit den Nebengebäuden, die zum Teil heute noch stehen, das Beinhaus, das Wirtschaftsgebäude. Das Schicksal dieses Gebäudes ist nicht ausreichend erforscht gewesen. Da kann man versuchen, zu bestimmten Themen immer wieder neue Veröffentlichungen herauszubringen.

Haben Sie die Unterstützung von Historiker*innen?

Wir sind im Gespräch miteinander in Greifswald und Leipzig. Die staunen selber, weil ein Professorenamt ist auch nicht in der Lage dies alles in der Tiefe zu recherchieren. (…) Meterweise stehen die Akten. Jemand, der eine Studienarbeit macht, kann das gar nicht leisten. Ich mache das alles in meiner Freizeit (…), aber ich kann mir immer den fachlichen Rat einholen, auch was die methodische Arbeit anbelangt.

Ein einziger Artikel reicht niemals, um der Bedeutung dieses Werkes hier schriftlich gerecht zu werden. Deswegen das Anstiften der Autorin dieses Textes: Nehmt Euch Zeit und macht die Gegend unsicher! Die Reise von Berlin nach Bad Doberan mit Umsteigen in Rostock dauert 3 Stunden.

Allein die frische Meeresluft wäre schon eine Reise wert, wäre nicht so viel mehr zu entdecken und zu geniessen und das braucht Zeit. Gut Dinge will Weile haben, sagt der Volksmund.

 

 

*Der Sage nach soll der Name Doberan mit dem Versprechen Heinrich Borwins I., Fürst zu Mecklenburg zusammenhängen, an der Stelle seines ersten erlegten Hirsches ein Kloster zu errichten. Die aufgeschreckten Schwäne kreischten dobre, dobre (gut).[6] Bis heute zieren Hirsch und Schwan das Wappen der Stadt. (Quelle:Wikipedia).

About Fatima Lacerda

Kultur, Fußball, Musik sind meine Leidenschaften. Reiseberichte sind ein Genuss!

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