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Berlinale: Frauen als Protagonistinnen, das Ende einer Ära und eine rote Linie

Bei der Eröffnungszeremonie im Berlinale Palast 2015 plädierte Kulturstaatsministerin Grütters für „mehr Frauen-Präsenz“ bei der Berlinale. Die Antwort kam prompt. In der Ausgabe 2016 war die meistprämierte Frau Hollywoods die Jury-Präsidentin. Zwei Fliegen mit einer Klappe waren geschlagen, also der Wunsch von Frau Grütters und der Glamoureffekt aufgrund des Bekanntheitsgrades der dreimaligen Oscarpreisträgerin bei insgesamt 21 Nominierungen.

© Fred Meylan
Jury Präsidentin/Juilette Binoche © Fred Meylan

Die europäische Filmkunst steht in diesem Jahr besonders im Fokus. Nach Bekanntgabe von Madame Binoche für die prestigeträchtige Aufgabe als Jury-Präsidentin wurde ein anderes Highlight für Kinoliebhaber angekündigt: Die britische Film- und Theaterschauspielerin Charlotte Rampling bekommt den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk. Eine Hommage bekommt sie auch. Am 14.02., bei der Gala zur Überreichung des Bären, wird der Film “Il portiere di notte” (Der Nachtportier, Italien, 1974) gezeigt. Die Regie führte auch eine Frau, Liliana Cavani. Rampling ist eine Routiniere bei der Berlinale. Im Jahr 2006 fungierte sie als Jury-Präsidentin, im Jahr 2015 ergatterte sie den Silbernen Bären als beste Schauspielerin für die Hauptrolle im Film “45 Years”.

Charlotte Rampling Foto/photo:©Jean-Claude Moireau Studiocanal

Abschied im großen Stil

Die nächste Berlinale wird die letzte sein, die von Dieter Kosslick geleitet wird. Fast 20 Jahre prägte er das wichtigste Kulturevent in Deutschland wie kaum ein anderer. Die einzige Ausnahme dürfte Alfred Bauer sein. Der Initiator der damals so genannten Internationalen Filmfestspiele Berlin musste um eine Erlaubnis beim Magistratsrat des britischen Sektors bitten, um ein Festival zu gründen, die Berlin aus der Isolation bringen sollte, aber auch um der Welt ein neues Image der Stadt nach dem zweiten Weltkrieg zu vermitteln, Berlin also im Licht der Kunst und Kultur erscheinen zu lassen. Die Rechnung ging ganz auf. Von 1951 bis 1976 war der Sohn des Universitätsoberbibliotheksrates Fritz Bauer Leiter des Festivals. Bald gehörten Bilder von Stars wie Marlene Dietrich, Gina Lollobrigida und vielen anderen aus den Flugmaschinen kommend, im Tempelhofer Flughafen, zur Routine in der Berichterstattung in den Abendnachrichten.

Ein Jahr nach seinem Tod (1986) wurde Alfred Bauer in der inzwischen umgetauften Berlinale verewigt. Seitdem, jährlich, wird der nach ihm benannten Preis vergeben, der „neue Perspektiven in der Filmkunst eröffnet“.

Bevor Dieter Kosslick in die Filmbranche wechselte, war er Referent und Redenschreiber für Hamburgs Oberbürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD). Dann arbeitete er als Pressesprecher der „Leitstelle für die Gleichstellung der Frau“ und schrieb zum selben Zeitraum für das Magazin „konkret“. Danach weilte er kurz bei der Filmstiftung Hamburg und wechselte 1992 in die gerade gegründete Filmstiftung Nordrhein-Westfallen und wurde Förderer von damals sehr jungen und heute weltberühmten deutsche RegisseurInnen.

Anders als in der Zeit von Alfred Bauer hatte Dieter Kosslick die ausgeprägte Medienlandschaft ganz auf seiner Seite. Im Laufe der Jahre wurde er mit seinem roten Schal und gelegentlich mit Designer-Sneakern in Berlinale-Motiv das Gesicht des Festivals. Weltweit. Die Pressekonferenz, die traditionell zehn Tage vor Beginn des Festivals in der Pressestelle der Bundesregierung stattfindet (in diesem Jahr am 29.01.), ist seine Veranstaltung, sein roter Teppich. Dort ist er die Hauptfigur. Als Nebendarsteller die begehrte Liste der Stars, „die nach Berlin kommen“. Diese gibt er erst zum Schluss raus, um die Spannung hochzuhalten.

Klar sind die anderen SektionleiterInnen dabei, aber die Presse hat nur Augen für den sympathischen und immer humorvollen Kosslick. Einige seiner Sätze werden in Erinnerung bleiben: „Filme zeigen uns, was in der Welt los ist“, sagte er noch in der Zeit VOR der Entstehung des Begriffs, Fake News. Der Satz behält – nach wie vor – Aktualität. Die lange Geschichte der Berlinale ist voller Beispiele für Filme, die undemokratische, geradezu perfide und doppemoralische Regime entlarvten und den MacherInnen oft Ärger mit den Behörden einbrachte. Die Kuratoren der Sektion Forum können Lieder davon singen. Aber der legendärer Satz des Mr. Berlinale ist ohne jeden Zweifel „Mein Englisch ist so gut, dass man es sogar auf Deutsch versteht!“, in Anlehnung an sein sehr rustikales Englisch. Sarkastischer und mit derart genialer Pointe wäre sicherlich nur der Meister der deutschen Satire, Vicco von Bülow, alias Loriot, eingefallen.

Dieter Kosslick hinterlässt ein gewichtiges Erbe: Er hat den deutschen Film in der Sektion Wettbewerb etabliert. In der Zeit seines Vorgängers, Moritz de Hadeln, war der Film aus Germany eine Alibi-Veranstaltung. Ein bis zwei Filme auf dem Programm im Rennen um die Bären waren das höchste der Gefühle. Mit der Präsenz des deutschen Films gab es auch das schöne Szenario, dass Berliner Regisseure wie Tom Tykwer oder Christian Petzold gleich nach der Verleihungszeremonie die Bären am selben Abend zu Hause ins Regal stellen konnten. Christian Petzold hatte einmal augenzwinkernd erzählt, wie cool er genau das findet; zuletzt 2012 als er den Silbernen Bären für die Beste Regie für das DDR-Drama „Barbara“ erhielt.

©Internationale Filmfestspiele Berlin/Velvet Creative Office

#MeToo Debatte

Zunächst fing es an mit Anzeigen gegen den mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein. Schauspielerinnen aus Hollywood haben mit ihren Statements und ihren Erfahrungen sehr viel Mut bewiesen und eine längst notwendigen Debatte losgetreten. Diese Frauen sind zu Protagonistinnen ihrer Geschichte geworden und haben – weltweit – eine Debatte ausgelöst, die nicht „nur“ die Filmbranche und zünftige Generationen von Schauspielerinnen, Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen beeinflussen wird, sondern viele Frauen unabhängig davon, welche Berufe sie ausüben, um ihre Träume zu verwirklichen.

Eröffnungsfilm PDK 2019 Foto/photo: © Janis Mazuch

Liebe als Rote Linie

In der Berlinale gibt es die berühmte Rote Linie, einen thematischer Schwerpunkt, also, der sich in allen Sektionen (in diversen Nuancen und Identitäten) widergespiegelt findet. Bei der Sektion Perspektive Deutsches Kino (PDK) ist die Liebe der Aufhänger der diesjährigen Filmauswahl, die in diesen Tagen zu Ende geschnürt wird. In dieser Reihe, ganz besonders, können sich junge Regisseure bzw. Hochschulabsolventen ausprobieren. In der Ausgabe 2018 waren 69 Langspielfilme und 110 Kurfilme von Regisseurinnen zu verzeichnen. In der Pressemittlung vom 20.12.2018 heißt es: „An den Spielarten der Liebe lässt sich ein ausdrucksstarkes Bild der heutigen Generation der 25- bis 45-Jährigen aufzeigen“, kommentiert Sektionsleiterin Linda Söffker.

Zur Auswahl der sehr beliebten Reihe, die immer wieder für ein filmisches Abenteuer sorgt, heißt es weiter „Die Filmemacher*innen und ihre Figuren sind kreativ, egozentrisch, hedonistisch und bewegen sich im Spannungsfeld von Abenteuerlust und Selbstverwirklichung einerseits und der Sehnsucht nach Vertrauen und Sicherheit andererseits.“ Mit Stand von heute (05.01.19) sind sechs Filme für die Reihe PDK angekündigt worden. Der Eröffnungsfilm der Reihe heißt „Easy Love“ von Regisseur und Drehbuchautor Tamer Jandali (jandali-film.de), der sein Studium in der Kunsthochschule für Medien in Köln beendet hat. Seine Kurzfilme sind weltweit in Festivals gelaufen.

Was kommt…

Die nächste Berlinale (07.02-17.02.) verspricht viel. Die bisher veröffentlichte Filmauswahl einiger Sektionen lässt hoffen, aber allemal Juliette Binoche als Jury-Präsidentin und sicherlich ein gebührender Abschied für Mr. Berlinale dürften das Festival um einige Highlights bereichern.

Link: berlinale.de

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