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Der alte Flughafen Tempelhof

Von Tegel und Schönefeld bin ich schon geflogen, Tempelhof hab ich im Livebetrieb nicht mehr miterlebt. Umso interessanter war es, die stillgelegte Anlage bei einer Führung mal „von innen“ ohne den normalen geschäftigen Flugbetrieb kennen zu lernen.

Der Flughafen liegt recht zentral in Berlin und wurde 1923 als einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands auf dem Tempelhofer Feld eröffnet. Dieses Gelände war früher ein Exerzierplatz, 1909 machte Orville Wright hier einige seiner berühmten Flugvorführungen und Rekordflüge. Zunächst fing der Flughafen recht klein am Nordrand des Tempelhofer Feldes an, schnell erwiesen sich jedoch die ersten Flugzeughallen als zu klein und die noch in Planung befindlichen wurden schon größer gebaut. Für den Ausbau des Flughafens wurde u.a. der Aushub der gerade in Bau befindlichen Verlängerung der Nord-Süd-U-Bahn (heutige Linie U6) verwendet sowie 18.000 Fuhren Müll. Eine Flughafenanbindung durch eine U-Bahn war 1927 zum Ende des ersten Bauabschnitts weltweit einzigartig (heute U-Bahnhof Paradestraße).

Im ersten Jahr kam der Flughafen auf 100 Starts und Landungen mit 150 Passagieren und 1.300 kg Fracht. Die Deutsche Luft Hansa A.G. machte Tempelhof zu ihrem Hauptsitz. Schnell war aber klar, dass die Größe des Flughafens mit der stetigen Entwicklung des Luftverkehrs nicht mithalten konnte – schon 1930 wurde ein Antrag für einen Neubau gestellt, es wurde mit bis zu 6 Mio. Passagieren pro Jahr geplant.

Die Baupläne wurden später nach den Wünschen Adolf Hitlers noch monumentaler gestaltet, Tempelhof sollte das größte Flugkreuz Europas werden. Ursprünglich war sogar vorgesehen, dass vom naheliegenden Kreuzberg eine Wasserkaskade bis zum Empfangsgebäude reichen sollte. Hitler wollten den Flughafen für Flugschauen nutzen, auf den Dächern der Hallen waren daher Tribünenplätze für mehr als 100.000 Zuschauer vorgesehen und es wurden Treppentürme für den Zugang des Daches gebaut. Der Neubau war zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung im Jahr 1941 für zwei Jahre das flächengrößte Gebäude der Welt, ehe es vom Pentagon abgelöst wurde. Die Gesamtlänge des bogenförmigen Teils des Gebäudes beträgt etwa 1,2 Kilometer – es ist damit eines der längsten Gebäude Europas. Die ganze „Gigantomanie“ zeigte sich sehr eindrucksvoll bei der Führung.

Die Bauarbeiten wurden 1939 jedoch zunächst gestoppt, da Hermann Göring verfügte, Teile des Flughafenbereichs als Montagehallen für Luftbomber zu nutzen. In den unterirdischen Hallen und im Eisenbahntunnel, der ursprünglich zur Versorgung des Flughafen gedacht war,  kamen viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zum Einsatz. Das ehemalige Militärgefängnis auf dem Tempelhofer Feld wurde zudem ab 1933 als Konzentrationslager „Columbia-Haus“ genutzt und der Gestapo unterstellt. In 136 Zellen saßen bis zu 450 Insassen – vorwiegend Sozialdemokraten, Kommunisten und ab 1935 zusätzlich Homosexuelle. Seuchen, Hunger, Prügel und willkürliche Erschießungen waren an der Tagesordnung. Im Zweiten Weltkrieg wurden die unterirdischen Räume des Flughafens auch als Luftschutzbunker genutzt. Heute noch sind als Aufmunterung gemeinte Motive von Wilhelm Busch dort erhalten geblieben.  Wenn man in diesem Luftschutzbunker steht, ist es jedoch schwer vorstellbar, dass dies die Flüchtenden nachhaltig auf andere Gedanken gebracht hat… Die Gerüchte, dass der Flughafen fast 10 Etagen in die Erde reicht, sind übrigens maßlos übertrieben.

Zu Kriegsende hin wurde der Befehl Hitlers, den Flughafen zu sprengen, missachtet, die Rote Armee besetzte daraufhin im April 1945 den Flughafen. Der Flughafen hatte durch den Krieg schwere Schäden genommen. Die alten Flughafengebäude waren restlos zerstört und das Flugfeld voller Einschläge. Auch der unterirdische Bunker mit dem Filmarchiv, in dem Luftbilder zu Überwachungszwecken gelagert wurden, brannte nach einer gewaltsamen Öffnung durch sowjetische Truppen  komplett aus und alle Zelluloid-Filme wurden dabei zerstört. Auch diesen Teil kann man bei der Führung mit besichtigen.

Nach dem Krieg wurde der Flughafen von den US-amerikanischen Truppen als amerikanischer Militärstützpunkt genutzt (Tempelhof Air Base). Der ursprünglich als Ballsaal gedachte Raum über der Abfertigungshalle wurde in ein Basketball-Feld umfunktioniert, es gab sogar Bowling-Bahnen. In den Zeiten der Luftbrücke (Juni 1948 – Mai 1949) wurde von Tempelhof aus das blockierte West-Berlin mit Kohle und Lebensmitteln versorgt. Zeitweise starteten und landeten die Flugzeuge im 90-Sekunden-Takt. Durch das Abwerfen von Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen aus Taschentüchern während des Anflugs auf Tempelhof bekamen die Flugzeuge den Namen „Rosinenbomber“.

Ab 1951 wurde der Flughafen auch wieder für die zivile Luftfahrt genutzt. Bereits Ende 1951 wurden 320.000 Passagiere befördert, 1954 hatte der Flughafen Tempelhof schon mehr als 650.000 Fluggäste pro Jahr, 1960 1,5 Mio. Trotz weiterer Freigabe durch die US Air Force und Bau einer neuen Abfertigungshalle stieß Tempelhof schnell an seine Grenzen. Der Flugverkehr wurde nach Tegel verlagert, Tempelhof 1975 für den zivilen Luftverkehr geschlossen. 1985 wurde Tempelhof für den Geschäftsreiseverkehr und Fluggesellschaften mit kleineren Flulgzeugen wiedereröffnet, 1993 zog die US Air Force ab. Es gab mehrere Bürgerinitiativen für und gegen die Schließung des Flughafens, Unterschriftensammlungen und Volksentscheide. Schließlich wurde der Flughafen im Oktober 2008 geschlossen. Ein Jahr davor flogen von hier noch ca. 350.000 Passagiere.

Der Flughafen wird heute für Messen, Veranstaltungen und andere Events genutzt, u.a. die Bread & Butter oder die YOU. Für die Nachnutzung des Geländes gibt es mehrere Pläne. Im Moment ist der Tempelhofer Park eine schöne Naherholungsfläche, die sich prima zum joggen, skaten oder Drachen steigen eignet. Im Jahr 2020 soll auf dem Gelände ein Teil der Internationalen Bauausstellung (IBA) stattfinden.

Hier noch ein paar Bilder, die ich während meiner Führung durch den Flughafen geschossen habe. Zum Vergrößern, einfach draufklicken. 🙂

About sunnykat

War 4 Jahre lang "Berliner" - im Moment hat es mich ins Rheinland verschlagen. Aber mein Herz geht immer noch auf, wenn ich nach Berlin komme! :-)

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4 comments

  1. Very nice pictures! I missed out on visiting Tempelhof only by a few days — thanks for the opportunity 🙂 Berlin ist die tollste Stadt der Welt!

  2. Der alte Flughafen wird auch für Konzerte verwendet. Wie etwa das Konzert von den Toten Hosen dieses Jahr.

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