Fahrrad und Nahverkehr (ÖPNV)

Alle reden von neuen Mobilitätskonzepten und von der Schädlichkeit des Autos, dabei hat Berlin schon die kleinste Autohalter-Quote (ca. 32 %) und der Radverkehr nimmt täglich zu. Das ist ein wunderbares Feld für Bezirksprofilierung: Es wird experimentiert, was das Zeug hält = Popup-Radwege, Fahrradstraßen, Begegnungszonen, Radschnellwege, Leihräder an jeder Ecke usw. und sofort. Eines wird überhaupt nicht diskutiert, was mich schon seit Jahren nervt: Wie bringe ich mein Rad vernünftig im ÖPNV (genannt Öffi) unter ?

Es ist heute immerhin schon besser als in den 60er Jahren. Damals musste man noch die Pedale nach innen schrauben und den Lenker um 90° drehen. Wohlgemerkt in der Reichsbahn, bei der BVG ging´s überhaupt nicht.

Lassen wir mal komplett beiseite, dass die Tarifgestaltung des VBB für Fahrradmitnahme voller Eigentümlichkeiten ist (Familie mit 2 Kindern will mit Rädern nach Potsdam: das kostet für Gelegenheitsfahrer ca. 45,- €!) und nehmen wir einen umweltbewussten Radler mit Umweltkarte und Rad-Monatskarte an. Denn nicht alle sind Kampfradler und wollen die komplette Strecke mit dem Rad fahren. Besonders bei längeren Strecken und/oder schlechtem Wetter ist ein Umstieg in eine der drei Bahn-Möglichkeiten (U-, S- und Straßenbahn) für ihn eine angenehme Verschnaufpause – sofern er reinkommt !

Lassen wir ebenfalls das besondere Jahr 2020 mit seinen Abstandsregeln beiseite, sondern erinnern wir uns an den Normalfall vorher, denn auch damals gab es schon Probleme.

1.) Wo muss ich auf dem Bahnsteig stehen ?

Auf dem S-Bahnhof stehend weißt Du nie, an welcher Stelle sich das Radabteil befindet: alle drei Zugtypen haben das Abteil an einer anderen Stelle, und wenn´s schnell gehen soll, musst Du die nächstbeste Tür nehmen und stehst dann zwischen Fahrgästen, die Dich nicht durchlassen wollen. Es soll ja Städte geben (Moskau, Tokio, Peking ?), wo die Abteiltüren punktgenau auf dem Bahnsteig markiert sind, aber das schaffen unsere Fahrer nie.

2.) Habe ich überhaupt Platz im Zug ?

Die Fahrradabteile sind eigentlich für vier Sondergruppen vorgesehen: Rollstuhlfahrer, Kinderwagen, Fahrräder und Fahrgäste mit Traglasten (ja, so hieß das mal im Bahndeutsch). In den neueren Zügen hat man sogar eine Prioritätenliste aufgemalt, was wohl heißen soll, in welcher Reihenfolge diese Randgruppen einander ausweichen sollten !!

Nun sind die Radabteile fast immer durch die fünfte, nicht aufgeführte Fahrgastgruppe belegt, nämlich von Menschen ohne eines dieser Merkmale.

Und die räumen nur in den allerseltesten Fällen ihren Platz für die Zielgruppe. (Konkret habe ich das in über 40 Jahren nur 1 x erlebt, dass einer freiwillig ohne Aufforderung den Platz gewechselt hat !) Möglicherweise hat das aber auch einen hausgemachten Grund, nämlich:

3.) Wie soll ich das Rad dort abstellen?

In den S-Bahnen der letzten Baureihe 481 (Taucherbrille) sind die Befestigungsstangen derart dicht an den Klappsitzen konstruiert, dass ein normales 28er Rad damit 3 – 4 Sitze unbrauchbar macht.

Meins ist nur ein 26er !

Wer denkt sich eigentlich sowas aus? Radler, die dann ihr Gefährt in der Mitte abstützen, werden spätestens in der nächsten Kurve auf die Gesetzte der Fliehkraft hingewiesen. Das gibt dann immer genervte Blicke, deshalb hier meine Erfahrung mit dem Radabstellen:

Am besten lassen sich die Räder im Typ 485 (Cola-Dose) abstellen. An die Mittelstangen passen bis zu 4 Räder, an die Querstangen nochmal 2 macht also 6. Immerhin.

Und immer ein Gummiband bereithalten !
Und immer ein Gummiband bereithalten !

Denn der bereits (o.a.) Typ 481 ist suboptimal, mit 4 Rädern ist das Abteil voll und hat gleichzeitig 14 Sitze blockiert. Meine alternative Einstellung (s. u.) geht nur mit einem kleinen Klapprad – eigentlich nicht zu empfehlen.

Das gibt Ärger …

Beim S-Bahn-Typ 480 (BVG-Bleistift) lassen sich eigentlich nur 2 Räder abstellen, müssen bei der Entnahme aber immer umgeräumt werden. Aber auch hier werden die Klappsitze fast immer fremdgenutzt.

Das ist ebenso in der U-Bahn, bei der man immerhin die Abstellfläche an den gleichen Stellen hat (Triebwagen), aber die Züge halten auch hier ziemlich unterschiedlich. Auch lassen sich die Räder schlecht befestigen am zu hohen Handgriff.

Beim Schmalprofil der U-Bahn und bei der Tram fehlt mir die Praxis, da bitte ich einfach mal um Erfahrungsberichte. Die anderen Öffis waren bisher schon derart frustrierend, dass ich diese kleineren Möglichkeiten noch nicht ausprobiert habe.

Hierfür sollte der VBB sich vielleicht einen Spezialwagen (siehe folgendes Bild) einfallen lassen – den habe ich irgendwo im Gebirge mal fotografiert. (habe leider vergessen, wo)

Na und die AHA-Regeln derzeit machen die Sache natürlich noch komplizierter. Jetzt bin ich nur auf den neuen S-Bahn-Typ 483/4 (Kommissbrot) gespannt, das Foto verheißt nichts Gutes, weil es nun gar keine Befestigungsstangen mehr gibt.

Wobei die beste Variante immer noch die der alten Reichsbahn war: Da gab es im Gepäckwagen Fahrradplätze mit schräg nach oben montierten Kufen = Rad fällt nicht um, musste nicht befestigt werden und es passten viele rein. Aber die haben die Designer wohl alle vergessen ….

So ähnlich sah das mal aus.

About Wolfkamp

Uralter Urberliner. Taxifahrer, Eisenbieger, Schneeschipper, Student, Wagenwäscher, Bananenverkäufer, Bauleiter, Ausbilder, Dozent, Hilfsarbeiter, Operator, Systemanalytiker, Autor, Stadtführer, SES-Experte, Seniorenfahrer, Berliner Schnauze, usw. usw. Ich glaub´, ich habe nichts vergessen . . . . . .

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One comment

  1. Ein treffender Überblick, lieber Wolfkamp. in unseren zunehmend rabiater werden Zeiten frage ich die Klappsitzbesitzer, ob es ihnen wqas ausmacht, wenn ich sie jetzt mit meinem Fahrrad “einsperre”. Mindestens die Häfte wechselt dann lieber freiwillig. Die andere Hälfte nimmt es Zähneknirschend hin… LG Pit

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