Das Café KRANZLER – früher – und heute?

Wieder einmal muss ich einen Griff in die Mottenkiste der Berlin-Geschichte machen. Auch schon deshalb, weil sich (gefühlt) jeder Zweite hier erst vor Kurzem  angesiedelt hat und seinen Stil ungehemmt ausleben will – aber so geht Stadtgeschichte eben nicht ! Es geht um eine Institution und Adresse, an der viele Alt-Berliner hängen – und die nunmehr etwas unter die Räder (der Zeitläufte) gekommen ist: das Café Kranzler am Kudamm / Ecke Joachimsthaler – eben dem Kranzler-Eck!   Wie so Vieles in Berlin hat dieses Café einen doppelten Hintergrund:

1.) den ganz alten aus Wilhelminischer Zeit, und 2.) den des Kalten Kriegs aus neuerer Zeit (Jaja, ich weiß, war auch schon im vorigen Jahrhundert).  Fangen wir hinten an: Der Wiener Zuckerbäcker ( = Konditor) Johann Georg Kranzler stellt – gegen den Widerstand der Stadtverwaltung – Stühle und Tische auf die Straße. Unerhört!  (Liebe Prenzelberger, den müsstet ihr eigentlich heiligsprechen!)

Nur weil der König (Wilhelm I.) das auch gut fand, ist es schließlich genehmigt worden. Damals stand das Kranzler aber noch Unter den Linden, von dieser historischen Stelle gab es auch etliche, ebenfalls historische Rundfunkreportagen.

Am Kudamm wurde aber bereits 1932 eine Zweigstelle des Kranzlers eingerichtet, und als nach dem Krieg das Hauptgeschäft in Schutt und Asche lag, zudem die Filiale auch noch im goldenen Westen, war das (westberliner) Kranzler über 50 Jahre das Café im Herzen von Berlin (West)!

Das 2. Kranzler in Berlin
  • Wo treffen sich Autokorsos, wenn wir Weltmeister werden, wo fahren die ersten Trabbbis nach 1989 alle hin: zum Kudamm – zum Kranzler.
  • Wo hat Dutschke seine Reden gehalten, wo haben die Wilmersdorfer Witwen sich darüber empört: am Kranzler
  • Und last not least : Wo hat Wolfgang Neuss – der alte Stadtindianer – mit „Richie“ von Weizsäcker sich Rededuelle geliefert? Im Kranzler.

Wenn der Denkmalsschutz nicht den runden Dachaufbau unter seinen Schutz genommen hätte, wäre das Kranzler längst den Heuschrecken zum Opfer gefallen, denn Stühle und Tische auf dem Kudamm gibt es hier schon lange nicht mehr. Aufs Dach kommt man nur nach einem Irrgang durch einen Textilschuppen (wahrscheinlich alles in Indien geordert), und oben heißt der Laden auch nicht mehr Kranzler, sondern „The Barn“ und hat Selbstbedienung.

Wo blieb eigentlich der Aufschrei der Berliner, ähnlich dem der Spanier, als in Madrid das Café Comercial geschlossen wurde?

Zitat : „Es gibt Orte, die sind Teil der Seele der Stadt. Kein verdammter Starbucks kann das ersetzen.“

In Madrid hat besagtes Café wieder geöffnet (nicht mit Starbucks !) und wird nunmehr auch von den Hipstern wahrgenommen, am Kudamm stehen am Kranzler-Eck immer noch keine Tische auf der Straße, stattdessen ballert laute Musik aus dem Laden.

Demnächst wird wohl noch der Funkturm abgerissen, die AVUS umbenannt und das Brandenburger Tor an die Chinesen verkauft …

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Uralter Urberliner. Taxifahrer, Eisenbieger, Schneeschipper, Student, Wagenwäscher, Bananenverkäufer, Bauleiter, Ausbilder, Dozent, Hilfsarbeiter, Operator, Systemanalytiker, Autor, Stadtführer, SES-Experte, Seniorenfahrer, Berliner Schnauze, usw. usw. Ich glaub´, ich habe nichts vergessen . . . . . .

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2 comments

  1. Terrassenüberdachung

    Super Webseite, danke für die tollen Einblicke… werde hier auch in Zukunft zurückgreifen 😉 DANKE !!!! Liebe Grüße Mia

  2. Jens-Holger Schäfer

    Also ist es wirklich wahr, was im alten Stadtführer für junge Leute steht, dass sich das Café „Kranzler“ einst „Unter den Linden“ in der Nähe des als „Humboldt Forum“ vom italienischen Star-Architekten Franco Stella teilrekonstruierten Berliner Schloss befand!

    Schade dass in den späten 1980er Jahren das „Kranzler-Eck“ an die Chinesen verschachert wurde und nur noch das Rondell mithilfe des Denkmalschutzes erhalten geblieben ist und dem modernen Ersatzbau oben aufgesetzt wurde, sodass vom Café nur noch der Schriftzug „Kranzler“ erhalten geblieben ist, jedoch das Café selbst nunmehr endgültig Geschichte ist! – – Somit befindet sich also nur noch in der Nähe des Lustgartens ebenfalls unweit des Schlosses das „Café unter den Linden“, in dem ich im Sommer 2001 mit meinen heute seligen Eltern war!

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