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Kabarett-Theater Distel: Politische Satire aus Berlin

Sicherlich gibt es zahlreiche Kabaretthäuser – verteilt durch die Republik, schließlich hat die politische Satire in Form von Kabarett als solches lange Tradition in Deutschland. Zu Zeiten von West-Berlin gehörte der „Frühschoppen“, so zum sonntäglichen Ritual wie heute das Zuschauen vom Tatort.

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Die Friedrichstraße

Das erste Mal, als ich dort „gelandet“ bin, war während eines Ausfluges mit der Schulklasse. Nach dem Tausch DM in DDR-Mark durften wir weiter in Richtung Sachsenhausen. Später, unmittelbar nach der Wende, gehörte die traditionelle und geschichtsträchtige Meile zum kulturellen Hexenkessel der vereinten Stadt. Das Kabaretthaus „Distel“ liegt seit 1953 auf der bekanntesten Meile Berlins, direkt vorm U-Bahn Hofausgang, neben einem Stammhaus auf der linken und einer Drogerie auf der rechten Seite. Der Balkon, im ersten Stock lässt die Herzen höher schlagen. Es ist nicht möglich, den atemberaubenden Blick zu genießen (seit mehreren Jahren verdeckt von einem Hochhaus) um an die glorreichen Zwanziger Jahre zu denken. Kabarett mit Flair! Wer sagt’s denn?!

Vorsicht: Sigmar Gabriel!

Der Eingang zeigt einen Riesen-Banner mit Sigmar Gabriel drauf, ein größeres Gespenst hätte sich die Marketingabteilung nicht ausdenken können. Auf der hinteren Seite der Eingangstür ist ein Aufkleber in Naturgröße von Fr. Dr. Merkel. Mindestens zwei Mal beim jeweiligen Anblick darauf, erschreckte ich mich und dachte sie steht vor mir. Ja, das war mein erstes Mal bei Distel, um endlich eine geradezu unverzeihlich kulturelle Lücke zu schließen. Wer sich als Kulturfreak behaupten möchte, muss Distel kennen. Und wer eine Schwäche fürs Double Politik und Satire, wird es lieben!

Frei-Tag!

An diesem Tag, der 22.7. der später in trauriger Erinnerung bleiben wird, soll die Premiere vom neuen Stück „Wer später zockt, ist länger reich“ gefeiert werden und wie es sich gehört, bei vollem Haus. Das Theater, mit Kapazität für 426 Personen, hatte maximal nur noch 10 Plätze frei. Eine überaus nette, kommunikative und patente Mitarbeiterin, die im Eingang von Parterre rechts, die Besucher teilweise mit Namen begrüßte –  fungierte als beste Adresse um mich über das Haus zu informieren. „Wir haben eine starke Gruppe von Stammbesuchern, sie kommen von überall (damit meint sie den deutschsprachigen Raum). Zum Profil der Distel gehört auch dass 1 x im Jahr auf Tournee gegangen wird, meist in andere deutsche Städte aber auch in Österreich und in die Schweiz. Nicht verwunderlich für das größte Kabarett-Ensemble der Republik.

Auf der Internetpräsenz heißt es, man nehme die Nähe zum Berliner Reichstag und Bundeskanzleramt – als Anreiz der scharfe „Stachel am Regierungssitz“ zu sein. Dass Berlin Regierungssitz werden würde, konnte niemand in den Fünfzigern oder auch später wissen.  Berlin als Hauptstadt eines vereinten Deutschlands kam gut gelegen und wurde als programmatischer Qualitätssiegel und Legitimierung auf die Fahne geschrieben.

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Hurra, Humor ist eingeplant!

Etwas bürokratisch, hörte sich das erste Programm an, der 1953 gegründeten DISTEL – nach Beschluss des Ostberliner Magistrats. Als „Waffe im Klassenkampf“ sollte das Kleinkunstheater fungieren. Als das Ensemble anfing, die Innenpolitik der DDR kritisch zu beäugen, wurde es dem Machthabern des Unrechtssystems ein „Dorn im Auge“, so erklärt die – graphisch spartanisch eingerichtete Internetpräsenz. Die hohe Beliebtheit zu Mauerzeiten ist der Hauptgrund warum es dieses Haus noch immer gibt und kein bisschen leise geworden ist. Seit 1991 ist Distel ein privates Theater. Der Anspruch heute, so der Darsteller Lauschus ist – „in erster Linie – Leute zu unterhalten“, sagt er und fügt hinzu: „Gleichzeitig haben wir die Möglichkeit ein paar Inhalte zu vermitteln oder dass sie über ein paar Zusammenhänge bewusst werden zu lassen“, stellt er fest.

Humor in Zeiten des Terrors

Als die Premiere stattfand, ereignete sich der bayerischen Metropole München eine Tragödie, die das Leben von 9 Menschen kostete. Bei einem kurzen Gespräch mit einer der Schauspielern Matthias Felix Lauschus wollte ich wissen, wie es ist, Satire zu machen in Zeichen des Terrors, im Zeichen der Affäre Böhmermann und die Frage, wieweit darf Satire gehen und ob man vor der Vorstellung Teile der Stücke überdenkt oder ob man zusammen grüble und ob man so einen Gedanken gar nicht erst zulassen sollte?

Man denkt daran. Es gibt immer wieder Situationen. Als damals das Attentat mit Charlie Hebdo war, saßen wir im oberen Zimmer und grübelten ob wir überhaupt raus gehen und fragten: Geht das überhaupt? Dann haben wir uns geeinigt, wie andere Kollegen auch, dass wir uns nicht nehmen lassen können. Aber ja, man trägt diesen Gedanke in sich“.

Ensemble wie ZuschauerInnen können vom Glück sprechen, dass die Premiere nicht für den Samstag, für den 23.07. terminiert war. Mit dem Attentat im Zug in Würzburg, dem Amoklauf in München oder der Attentat in Ansbach hat der Terror, so sicher wie das Amen in der Kirche, Deutschland in einer bis vor kurzer Zeit kaum vorstellbaren Dynamik erreicht.

In Zeiten des Terrors und der gewaltigen Zunahme von Rechtspopulisten und Despoten in Europa (und nicht nur dort) wird dieser wunderbaren sowie auch gesellschaftspolitisch notwendigen Kunst, keinem Gefallen getan. Eine Gesellschaft muss über sich selbst lachen können. In brillanter Weise ist dies Vicco von Bülow alias Loriot – dem Meister der deutschen Satire – gelungen. Der in Brandenburg an der Havel geborenen Lord hielt den Deutschen den Spiegel vor ohne den moralischen Finger zu erheben. Das machte ihn so beliebt und so bewundernswert.

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Zum Stück: Wer später zockt…

Die Finanzmärkte und die Politiker der Berliner Republik werden durch den Kakao gezogen. Man stelle sich vor: Ein Verein, kommt, unverhofft zu Geld. Das Finanzamt ist auf der Lauer und der Status der Gemeinnützigkeit steht auf dem Spiel. Also versuchen sie dem schönen Geld, eine – sage und schreibe – Summe von 133.465,27 Euro resultierend aus Glücksspiel, loszuwerden. „Die Dorf-Troika“ zieht um die Häuser bis nach Berlin: Der Vorsitzende und Güllepumpenproduzent Cornelius Millermann, der oberste Kassenprüfer Gotthilf Schmutzler und der Wirt des Vereinslokals Hacki suchen verzweifelt nach einer Lösung. Geld stinkt also doch. Weil Berlin ja von sich aus die perfekten Vorlagen für Kabarettisten liefert, wird die „dreckige“ Stadt Berlin durch den Kakao gezogen und die Stichelei über den noch immer nicht fertigen Flughafen, darf nicht fehlen.

In Berlin treffen die Vereinsbosse auf den Russen, der als „Sicherheitskraft in einem Charlottenburger Nachtklub“ arbeitet. Der Gauner „mit den besten Absichten“, meisterhaft gespielt von Matthias Felix Lauschus ist sicherlich der Höhepunkt der über zwei Stunden und 15 Minuten dauernden Vorstellung. Der mit allen Wassern gewaschenen Russe versucht das Geld „für besondere Investitionen“ an sich zu ziehen, die Vereinsbosse zur „Übergabe“ – in cash versteht sich, zu überreden in dem er die Vereinssitzung – unvermittelt- stürmt und diese unterbricht. Die Verwandlungskunst von Lauschus gelingt – immer – trotzt seiner unverwechselbaren Mähne und seiner staatlichen Figur. Der Mann ist vom Haus aus Profimusiker, habe ich mir von ihm selbst, später bei der anschließenden Premierenfeier bestätigen lassen. Der Einfluss von Wolf Biermann in seiner Spielweise aber auch im Gesang, ist nicht zu verkennen. Ein Liedermacher durch und durch. Das Buch ist von Martin Meier-Bode. Regie führt Hans Kieseier

Keiner Will das Geld

Selbst bei Wolfgang Schäuble, dem Finanzminister, versucht das Dorf-Trio dem Geld loszuwerden. Mit Koffern voller Geld hat er schließlich seine Erfahrungen!
Die Inszenierung Nummer 151 von der Distel, die eine Kessel Buntes an anderen Stücken parallel im Programm anzubieten hat, läuft durchgehend bis 02. August immer um 20:00 Uhr.

Link: distel-berlin.de

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