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Berlin und der Backstein-Expressionismus

„Man sieht nur das, was man kennt“ stelle ich immer wieder bei meinen Führungen fest. Und relativ Wenige kennen eine kleine Besonderheit im Berliner Stadtbild :  den o.a. Backstein- oder auch Klinker-Expressionismus. Und gerade wir hier in Berlin haben da einige wunderschöne Beispiele im Stadtbild, die man erst richtig zu würdigen weiß, wenn man sie kennt. Ich gebe zu, dass ich die früher auch nicht richtig wahrgenommen habe, meine Lehrer haben uns mit dem Unterschied zwischen Gotik und Romanik gequält.  Aber die stammten ja auch alle aus der Zeit, in der Expressionismus als entartete Kunst gebrandmarkt wurde.

Expressionismus – Impressionismus ??

Die 12.000 Euro-Frage bei Günter Jauch könnte ja mal z.B. sein, den Unterschied zwischen Im- und Expressionismus zu erklären, aber das geht hier zu weit. Ich mach´s mal etwas grob mit der Erklärung des letzteren : Der 1. Weltkrieg mit seinen Materialschlachten hat auch in der Kunst seine Spuren hinterlassen. Viele Künstler haben sich danach geweigert, edel und schön zu gestalten, es herrschte der Trend zum Schrillen und zur Provokation, was dann einige Jahre später unter der Rubrik „Entartete Kunst“ aus den Museen geworfen wurde. (Im gerade aktuellen Kunst-Krimi um die Gurlitt-Bilder, den sich wohl kein Autor so verrückt hätte ausdenken können, holt uns diese unselige Geschichte wieder einmal ein)

In der Architektur ist der Expressionismus natürlich stark abgeschwächt aufgetreten, aber es gab durchaus gewagte Formspielereien und neue Proportionen. Im Norden Deutschlands dann gerne mit dem beliebten Backstein (auch Klinker genannt, weil er so hart ist, dass er etwas klingt beim Gegenschlagen), der in den Küstenregionen schon vorher ein typisches Bauelement war.  Weltbekannter Vertreter dieser Architekturform ist z.B. das Chile-Haus in Hamburg, aber auch in Berlin haben wir einige schöne Beispiele, denn glücklicherweise haben die Nazis das nicht ebenfalls als entartete Architektur zerstört.

Klinker-Expr.10
Tortenplatte

Diese spezielle Baukunst finden wir in Berlin in erster Linie bei öffentlichen Auftraggebern, also an Bahnhöfen, Ämtern, Verkehrsbauten, aber auch an Kirchen (sind ja wohl auch Steuergelder). Schönstes Beispiel in Berlin : die Kreuzkirche in Schmargendorf (Hohenzollerndamm/ Ecke Forckenbeckstr.), wie in der Bild-Galerie zu sehen. Ferner : Haus des Rundfunks (Masurenallee), Fernmeldeamt Winterfeldstr., Borsigturm in Tegel, Ullsteinhaus Tempelhof.  Aber nicht alle Bauherren waren so mutig, manchmal finden auch nur kleine Stilelemente Eingang in das Gesamtbild : Spitzwinklige Hausecken, dreieckige Fenster, Zickzacklinien im Putz,  auf der Spitze stehende Quadrate – aber wenn man seinen Blick einmal für diese Kunst geschärft hat, wird man überrascht sein, wo diese Formen so alles auftauchen (auch auf Tortenplatten z.B. !).

Und ganz nebenbei : alles das ist pure Handarbeit und nicht etwa angeklebte Fertigelemente wie beim Kolhoff-Tower am Potsdamer Platz !

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Uralter Urberliner. Taxifahrer, Eisenbieger, Schneeschipper, Student, Wagenwäscher, Bananenverkäufer, Bauleiter, Ausbilder, Dozent, Hilfsarbeiter, Operator, Systemanalytiker, Autor, Stadtführer, Senior-Experte, Berliner Schnauze, usw. usw. Hab´ich was vergessen ?

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  1. Hallo, bin sehr angetan von den schönen Bildern, vielen Dank! Ich habe seit einiger Zeit die Architektur der 20er und 30er Jahre für mich entdeckt und pilgere zu bestimmten Bauten in Berlin. Ich finde die Wirkung immer wieder phänomenal, die diese Gebäude auf mich haben. Besonders beeindruckend finde ich die Kirchen! Meine Lieblingskirche ist die in der Britzer Straße in Oberschöneweide. Allerdings kenne ich sie nur von außen, da sie evangelisch ist, kann man nur sonntags hinein.
    s.b.

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