11mm Filmfestival (12.-16.05): der grüne Teppich für den Fußball in Berlin

Zwei lange Jahre mussten Fußfall-Fans zwischen Achterbahn der Gefühle und gähnender Leere aushalten. Seit kurzem haben die Stadien wieder volle Auslastung, die Events in Präsenz kommen zurück und vermitteln einen Hauch von Normalität. So auch das Filmfestival, bei dem es ausschließlich um das runde Leder geht: Das 11 mm Event (12.-16.05), einmalig im Format und Ausstrahlungskraft von Berlin aus in die ganze Welt, gegründet von 3 Fußballverrückten vom Verein Brot & Spiele.

Es lebe der Fußball!

Wir sind stolz und glücklich, dass wir als Festivalteam nun endlich wieder das tun können, was wir am liebsten machen“ erklärt Festivalleiter Birger Schmidt. „Gemeinsam mit internationalen Filmemacher*innen, Fußballer*innen und vor allem unserem Publikum großartige Filme schauen und im Anschluss darüber zu sprechen. Es macht großen Spaß, die Welt des Fußballs zu ergründen.“

11mm ist aus dem Kulturkalender Berlins nicht wegzudenken und hat sich etabliert als eine Plattform für Events weit mehr als „nur“ Fußball: Vorträge über den „Neuen Fußball“ oder kritische Panels zur Arbeitsbedingungen in Katar und wie in diesem Jahr, eine Stellungnahme zum Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine gehören zum Selbstverständnis und zum Portfolio dazu, dass Fußball weiter mehr als ein Spiel das meist 90 Minuten andauert sondern ein gesellschaftlicher Konstrukt mit vielen Nebenwirkungen wie Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft.

Einer der Hauptsponsoren ist die DFB-Kulturstiftung. Auch wenn der Fußballbund mit Hauptsitz in Frankfurt nicht immer im guten Licht der Öffentlichkeit steht (um das sehr freundlich zu formulieren), so ist und bleibt sie ein Dauerpartner des Festivals. Das ist mit Sicherheit gut investiertes Geld.

Eine ebenfalls langjährige, jedoch thematische Partnerschaft besteht mit einem ähnlich ausgerichteten und dazu sehr beliebten Filmfestival in Brasilien, dem CineFoot. Dessen Direktor bringt brasilianische Filme, darunter auch Archivmaterial ins 11mm. Dieses Jahr fungierte Antonio Leal (Foto der Verleihungszeremonie) zusätzlich noch als Mitglied der großen Jury, die außerdem u.a. mit Berlinale CEO. Mariette Rissenbeek, Wolfgang Steiniger, dem Leiter des Filmfestivals „Der neue Heimatfilm“ im österreichischen Linz, besetzt war.

Die Bühne©Fátima Lacerda

Fußball als Heimat“ im Zeichen des Krieges „verbunden mit den Themen Identität, Migration und Kicken in der Provinz“, so die Note im Programmheft, unterschrieben von der Festivalleitung, Christoph Gabler (ein waschechter Herthaner) und Birger Schmidt. Im Heft war auch ein zweiseitiger Text der Leiterin des Ukrainischen Filmfestivals in Berlin, Daria Buteiko, zu lesen. Darunter:

In diesen Tagen bleibt die überwiegende Mehrheit der ukrainischen Filmemacher*innen in ihrem Land um den Krieg zu beobachten und zu dokumentieren. Die meisten Projekte, an denen sie vor dem 24. Februar gearbeitet haben, sind irrelevant geworden oder lassen sich nicht mehr realisieren.“

Eröffnung mit schwedischen Flair

Eine Mitarbeiterin der schwedischen Botschaft gab der feierlichen Eröffnung einen gewissen Glanz. Auch ein bodenständiges Event wie das 11 mm Festival braucht das. Die persönliche Note, dass sie, obwohl sie an jenem Abend High Heels trug, früher selbst Fußball gespielt habe, durfte für die Abteilung Identifikationspotential, natürlich nicht fehlen.

Als Film zum Kick-Off wurde der schwedische „Tigers“ von Regisseur Ronnie Sandahl gezeigt. Dort geht es um das Leben der größten schwedischen Fußballhoffnung. Martin Bengtsson der als 16 jährige zu Inter Mailand verkauft wird und dort in der Akademie trainiert mit dem Ziel, in die Prima Squadra aufsteigen zu können. Doch es kommt ganz anders.

Tigers (Pressebild)
Tigers (Pressebild)

Startschuss

Die Wahl von „Tigers“ als Eröffnungsfilm war nicht das große Tor, also keine exzellente Wahl. Nach zwei Jahren Ausnahmezustand und 2021 glänzen durch Abwesenheit oder wie in diesem Jahr, mit einer Verschiebung des Festivals, welches traditionelle im März stattfindet wird in Mai ausgetragen, hatten wir Hunger nach einem packenden Film mit vielen Fußballszenen, Dramatik, Euphorie und Ekstase in wenigen Abständen.

„Tigers“ hatte eher das Format eines Fernsehfilms und ein Drehbuch das sich aufgrund der zu vielen Plots (mehrere Handlungsebenen), teilweise verliert: die abwesende Vaterfigur, die Sprachlosigkeit in der Beziehung zur Mutter. Genau diese Sprachlosigkeit im weitesten Sinne wird sich für ihn in Italien als zusätzliches Hindernis herauskristallisieren.

Es war der Protagonist, Erik Löngrenn, in überragender Performance, einer atemberaubenden Körpersprache und exzellent auf die Rolle vorbereitet der mich dazu brachte, doch noch bis zum Ende zu bleiben. Er trug den Film auf den Schultern. Der Fußballer, den er verkörperte, musste den Beruf wechseln, Löngrenn wird dies sicherlich nicht müssen. „Tigers“ wurde von Schweden als Kandidat für den Oskar in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“, geschickt.

Nach der Vorführung im Hauptsaal des Babylon-Kino, beim Q & A, erzählten Regisseur und ehemalige Fußballhoffnung und heutiger Schriftsteller viel die den Film selbst aber auch über die ursprüngliche Idee, die nirgendwo anders aber in der Stadt Berlin, Form annahm.

©Stefanie Fiebrig
©Stefanie Fiebrig

Zu Begrüßen ist die Rückkehr der Moderatorin Shelly Kupferberg (RBB): immer sehr elegant, souverän und mehrsprachig. Aber vor allem anders als die Männer, die oft sich selbst auf der Bühne darstellen wollen und damit die Gäste in die Röhre schauen lassen, Shelly räumt ihren Gästen Raum ein, hört zu; es macht Spaß zuzuschauen.

Bodenständigkeit

Was das 11mm so sympathisch macht, ist, dass das Team zum großen Teil aus langjährigen Freundschaften besteht. Alle packen an. Bei den kleinen Empfängen (Eröffnung und Abschluss) finden die Gäste auf dem Tisch Berliner Bouletten und daneben Senf in kleinen Schälchen, belegte Brötchen jeweils mit Käse und Schinken, ein paar Beutel Hampelmänner Süßigkeiten, Wasser (mit und ohne Sprudel), Wein und das ist auch schon alles. Drumherum wird aber lebhaft, lang und leidenschaftlich diskutiert. Dazwischen laufen Legenden von früher und heute oder ehemalige Spieler die aus unterschiedlichen Gründen noch heute von sich reden lassen.

"König Otto" auf dem Hohepunkt seiner Karriere (Pressebild)
„König Otto“ auf dem Hohepunkt seiner Karriere (Pressebild)

Otto Rehhagel, ehemaliger Trainer von Werder Bremen ist einer davon. In seiner Vita kann er stolz behaupten, im Jahr 2004 die Griechen zum Europameister geführt zu haben. “König Otto” wurde am Freitag, 13.05. präsentiert und die Gäste konnten sich “Eine Audienz” mit dem König des Fußballs, erhoffen.

Meine Favoriten

Schwarze Adler”, ein Dokumentarfilm von Torsten Körner, der im Herbst letzten Jahres auf ARD lief, erzählt von Deutschen mit dunkler Hautfarbe, die davon träumten, für die Nationalelf zu spielen. Bei einigen wurde der Traum, trotz vieler schmerzhafter rassistischer Erfahrungen, wahr. Bei anderen, obwohl hier geboren, sich nicht zugehörig empfanden.

Maradona”. Der Film des mehrfach ausgezeichneten Regisseurs Asif Kapadia ist ein Mosaik aus einer Vielzahl von Aufnahmen aus einem bemerkenswerten Archiv, von einer ersten Traningusstunde bis zu wilden Nächten in den Discos von Neapel, dem Ort der mehr als jeder andere für die überragende Karriere des Argentiniers, den Antagonismus zwischen dem göttlichen und dem teuflischen, verkörpert.

Der Film gewann bereits 2020 den Jurypreis bei 11mm.

Aufgrund der Coronapandemie und der Absage des Festivals 2021 von 11mm, wollte das Kuratoren-Team nun dem Publikum doch noch die Möglichkeit geben, sich das 130minütige-Meisterwerk, anzuschauen. Wer sich an jenem heißen und sonnigen Samstag , anstatt sich mit dem Liebsten oder mit Freunden zu treffen, ins Kino begab (darunter meine Wenigkeit) hat es nicht bereut.

TALA’VISION” erzählt die Geschichte der achtjährigen Tala, die in einer von Krieg zerrütteten Welt Trost und Freiheit in einem verbotenen Fernseher findet, der sich dann aber zu einer Frage von Leben und Tod entwickelt. “ Die Deutsch-Jordanische Produktion wurde auf dem 11mm Filmfestival gleichermaßen vom Publikum und Fachjury gefeiert.

Als Associate Producer Frank W. Albers merkte, dass der Film gleich doppelt ausgezeichnet wurde, konnte er sein Glück gar nicht fassen. Als Tipp gab es den Hinweis, dass der Film auch auf der ARD-Mediathek zu sehen sei.

©Judith Beganski
©Judith Berganski

Regisseur Murad Abu Eishehs, der bereits den Studenten-Oscar 2021 erhielt, schaltete sich für seine Dankesrede per Video in den Saal von Babylon-Mitte.

Der Kurzfilm “Leo” ließ am Abschlussabend die Herzen noch einmal höher schlagen. In einem 5-minütigen Film, nimmt uns Regisseur Moein Rooholamini in einer Englisch-Arabischen Produktion auf eine Reise derer mit, für die Fußball, das Lebenselixier ist, auch wenn dieses Leben noch reichlich jung ist. Der Junge kommentiert ein Fußballspiel. Dafür benutzt er selbstgebastelte Utensilien. Aus einem Duschkopf wird ein Mikrofon. Aus festgebundenen Gläsern, ein Fernglas. Sein Bruder steht daneben und schaut gebannt zu.

Leo (Pressebild)
Leo (Pressebild)

Doch er ist blind, was die Zuschauer*innen zunächst nicht erfahren. Die Kameraführung fixiert hauptsächlich den Gesichtsausdruck des Kommentators für eine gefühlt lange Zeit. Wenn wir gerade dabei sind, dieses Narrative komplett aufzusaugen, kommt ein harter und unerwarteter Schnitt. Der Kommentator wird im Blitz-Tempo wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ein Soldat des ISIS schüchtert ihn ein, vertreibt ihn vom Spielfeldrand weil sein “Geschrei” den Machhaber stört. Alle andere, die um das Feld herumstehen vertreibt er ebenfalls mit dem Hinweis: „Eure Pause ist vorbei!“

Dem Regisseur ist in kürzester Zeit gelungen, ein politisches Werk voller Poesie zu kreieren und zeigt schonungslos, wie die Brutalität von Diktaturen oder Autokratien das Genuine zerstören kann.

Auch wenn die Auslastung des Babylon-Mitte nicht mit der in vergangenen Jahren vor der Pandemie vergleichbar war, so bedeutet die Ausgabe 2022 des 11mm für Fußballfans aus nah und fern eine grenzenlose Freude für Fußballfans nach zwei Jahren Zwangspause. Vor allem aber eine Erleichterung.

In den Gesprächen über vier Tagen habe ich leuchtende Augen und elektrisierte Stimmung bei erwachsenen Männern erlebt, die sich freuten wie Kinder auf Weihnachten. Gespräche, Begegnungen, gute Filme und Wiedersehen, kurz um: Alles Zutaten, die ein gutes Festival ausmachen und Film- und Fussballliebhaber*innen wieder die Sonne im Herzen aufgehen lassen.

Link: 11-mm.de

About Fatima Lacerda

Kultur, Fußball, Musik sind meine Leidenschaften. Reiseberichte sind ein Genuss!

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