Das Maxim Gorki Theater: post-migrantisch, selbstbewusst und politisch mitten in Berlin

Das Gebäude, für die Sing-Akademie zwischen 1825 und 1827 errichtet, stolziert aus der Mitte Berlins heraus ist das politischste Staatstheater im Lande. Während des zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude erheblich zerstört und nach 1947 von den Sowjets als Theater genutzt. Die Hommage an den russischen Schriftsteller Maxim Gorki (1968-1936) ist geblieben.

Maxim Gorki Theater (c) Nils Tammer
Maxim Gorki Theater (c) Nils Tammer

2014 und 2016 wurde das „Gorki“ als bestes Theater der Republik gekürt. Zu Recht.

Hier finden Berliner*innen sowie auch Besucher*innen aus aller Welt, das beste postmigrantische Dramaturgie, gespielt von Mitglieder*innen eines überragenden Ensembles. Die selbstverständliche Diversität dürfte in Deutschland einmalig sein. Die Stücke sind fast immer zweisprachig (Deutsch und Englisch) mit simultaner Übersetzung, projiziert auf die Wand. Auch Inklusion wird hier gelebt. Die Kunst, ob Ausstellung, Lesung oder Theaterstück erreicht ein breites Publikum weit über die Sprache von Schiller und Goethe hinaus.

Kultur ist Politik

Noch am selben Tag ihrer Ernennung als Staatsministerin für Kultur und Medien besuchte Claudia Roth (Bündnis ’90/Die Grünen) die Ausstellung „Offener Prozess“ die sich mit dem NSU-Komplex befasst. Das war kein Zufall.

Mit dem Besuch des politischsten Theaters in Berlin noch am selben Abend ihrer Ernennung, sendete die neue Ministerin ein wichtiges politisches Signal, das einen möglichen Schwerpunkt ihrer Amtsführung in der nächsten vier Jahre. Kunst und Politik sind in ihrer Biografe schon immer untrennbar verbunden. Schon damals, als sie der Band „Ton, Steine, Scherben“, Visibilität und viele Konzerte bescherte. Die „Scherben“ waren DIE Band, die den sozialkritischen und politischen Ton der Hausbesetzerbewegung im Berlin Anfang der 80 ‚Jahre, angab, sie waren ihr Soundtrack.

Staatsministerin für Kultur und Medien sucht das Dialog (c) Lutz_Knospe
Staatsministerin für Kultur und Medien sucht das Dialog (c) Lutz_Knospe

In der Pressemitteilung vom 09.12.21 , wird die neue Ministerin so zitiert:

»13 Jahre lang raubte, bedrohte und mordete der selbst ernannte Nationalsozialistische Untergrund. Eine Zeit, in der unser Rechtsstaat versagt hat, in der nicht nur die Angehörigen der Opfer, sondern auch alle von rassistischer Gewalt Betroffenen durch die Taten und den öffentlichen Umgang Demütigung und Zermürbung erlebt haben. Auch das zeigt: Wir brauchen einen Aufbruch in die Wirklichkeit, die Lebenswirklichkeit von vielen Menschen in unserem Land. Rechtsextremismus und Rassismus, sie gehören zu den größten Bedrohungen für unsere Sicherheit und Demokratie, für unsere Gesellschaft, für unseren Zusammenhalt. Es ist unser Auftrag, diesen Auswüchsen mit einer Kultur der Demokratie zu begegnen, jeden Tag Gesicht zu zeigen, die Stimme zu erheben und der Unmenschlichkeit entgegenzutreten. Heute, immer und überall. Die Ausstellung Offener Prozess leistet hierzu einen unabkömmlichen Beitrag“.

Eine Stadttrilogie

Ein ebenso hartnäckiger wie schonungsloser Blick auf die Entwicklungen dieser Gesellschaft ist der Kern des politschen Theaters und das Selbstverständnis des Gorki. Dauerausstellungen, Installationen im Garten über den Alltag von politischen Gefangenen in der Türkei, Ausstellungen wie zum Beispiel „Der offene Prozess“ und die wichtigste Reihe, der jährliche „Herbst-Salon“ runden das hochqualitative Portfolio auf.

Das Publikum ist erfreut
Das Publikum ist begeistert!

Teil 2 und 1 habe ich mir in umgekehrter Reihenfolge ansehen dürfen.

Schauspieler*innen mit, aus europäischer Sicht, noch exotischeren Namen als der dieser Autorin und ausgezeichnete Regisseur*innen sind hier beheimatet, wie zum Beispiel der Regisseur der Stadtrilogie eines modernen und konfliktreichen Berlins: „Oranienplatz“, „Kleistpark“ und „Karl-Marx-Platz“ .

Ein "Must-see" oder auf den ersten Blick nur eine Eintrittskarte
Ein „Must-see“ oder auf den ersten Blick nur eine Eintrittskarte

Beim „Kleistpark“ war ich sogar bei der ausverkauften Premiere dabei, während draußen Berlin von klirrender Kälte umgeben war. Ein paar Tage später, bei „Oranienplatz“, durfte ich an der ersten Reihe, Platz nehmen.

In beiden Aufführungen (die dritte, „Karl-Marx-Platz“ ist in der Neuköllner Oper zu sehen) befassen sich die Protagonist*innen, in bester Berlin-Manier mit der Suche ihrem wahren Ich oder, im besten schliegebsiefischen Sinne. betrachten sie das Scheitern als Chance wie in „Oranienplatz“, wo der Hauptdarsteller mit seinem Traum vom Vertrieb modischer Klamotten pleitegeht und seine Sehnsüchte zwischen dem mondänen New York und seine Geburtsstadt Istanbul aufteilt. Der Besitzer eines menschenleeren Reisebüros am Kotti, das Kleine Instanbul wird zu seinem Lebensberater. Mehr Berlin-Authentic, geht nicht.

Foto (c) Ute Langkafel

Über Umwege zur Kunst

Schauspieler TANER ŞAHİNTÜRK (1978), überragend in beiden Stücken, hat selbst eine sehr interessante Biografie: er sollte ursprünglich Fußballspieler werden. Ausgerechnet (!) bei dem Verein aus dem Ruhgebiet, der einst (2001) ganze 4 Minuten lang Deutscher Meister war. Wahrlich kein gutes Vorbild.

Das Schauspiel als Laufbahn kam nach einem Grundstudium der Germanistik. Wie gut, dass es bei TANER ŞAHİNTÜRK doch alles ganz anders kam: ein Allround-Talent, ob auf der Bühne, auf der Leinwand oder aber bei der mitreißenden Interpretation deutscher Schlager. Wenn das kein Happy End ist!

Der Protagonist der zweiten Episode der Trilogie, „Kleistpark“ in der Rolle des „Adam“, füllt mit seiner organischen und gleichzeitig fließenden Körpersprache den Raum, mit einem Dialog voller Pointen. Adams Herz schlägt für Deutsche Schlager und immer wenn die Melancholie an seine Tür klopft, wohl zur Verwunderung seiner Partnerin zum Mikrofon, pfeift auf Klischees (von der einen wie von der anderen Seite) und lässt seine Passion freien Lauf. Einer der schönsten Szenen in „Kleistpark“.

Das vielseitige Talent (Schauspiel, Musikerin), von Sesede Terziyan (1981) inzwischen festes Ensemblemitglied, ist nicht „nur“ „Kleistpark“, wo sie die eigenwillige und streitlustige „Moria“ spielt, und „Oranienplatz“ zu bewundern, sondern in der weltbekannten Netflix Serie „Dogs of Berlin“.

In einem Feature vom RBB Kultur aus dem Jahr 2021, spricht sie mit Kolleginnen aus dem Gorki-Ensemble über Stereotypen und den Umgang mit ihnen.

Beide Protagonister*innen brillieren gleichermaßen auch beim Singen. Die Live-Band auf der Bühne ist ein besonderer sinnlicher Genuss. Ein Mix aus Filmsequenzen auf der Leinwand, musikalische Live-Performance von Musiker*innen und Künstler*innen sowie Elemente des klassischen Theaters schürten ein Paket aus hochqualitativer Kunst, die bezaubert, überrascht, anregt, mitfühlen lässt; vor allem aber durch die eigenartige Berliner-Romantik, berührt.

Kleistpark Foto (c) Ute Langkafel
„Kleistpark“ Foto (c) Ute Langkafel

Kleistpark

Die Geschichte ist, auf den ersten Blick, schnell erzählt. Ein Paar sucht sich einen Eigentumswohnung in Schöneberg. Bei der Wohnungsbesichtigung wird klar, wie sehr sich das Paar auseinander-gelebt hatte, wie die maßlos die Kluft zwischen ihnen geworden ist. Gegensätzliches sticht hervor, Unterschiede scheinen unüberbrückbar und dies ausgerechnet zwei Tage vor dem Notartermin, bei dem das gemeinsame Zukunftspaket geschnürt werden soll.

HAKAN SAVAŞ MİCAN (c) Esra Rotthoff
HAKAN SAVAŞ MİCAN (c) Esra Rotthoff

Der Regisseur

Der Autor der Stadttrilogie, welche das Berlin der Gegenwart mit Humor, tiefgründigen Nachdenken und eine herrliche Prise Selbstironie zeigt, wurde 1978 hier geboren und verbrachte aber seine ersten Jahre in der Türkei.

1997 kam HAKAN SAVAŞ MİCAN wieder nach Berlin und studierte Architektur bevor er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Regie absolvierte. Danach folgten mehrere Stationen in Deutschland und Fernseebeiträge bis er 2013 als Hausregisseur im Maxim Gorki ansässig wurde. Seit der Saison 2021/21 fungiert er auch als Berater der Intendantin Shermin Langhoff.

Geordnete Abführung und ein goldenes Telefon

Nach dem Ende der Vorstellung kommt ein in schwarzgekleideter Mitarbeiter auf die Bühne. In der Hand hat er ein Pappschild mit dem Hinweis auf die Ausstellung „Offener Prozess“. Nach einer kurzen Information über die Besucherzeiten und darüber, dass der Eintritt kostenlos ist und dass die Ausstellung bis März verlängert wurde, macht er den entscheidenden Hinweis.

Peter Hanslik sorgt für Ordnung
Peter Hanslik sorgt für Ordnung

Damit es nicht zu Menschenaufsammlungen kommt, verordnet er einen geregelten Abgang. Das Publikum reagiert mit Augenzwinkern, einige finden richtig Gefallen an dem bis zum wörtlichen Ende kreativ durchdachten Hygienekonzept des Hauses. Immer zwei Reihen, die nicht unmittelbar hintereinander liegen, werden zum Gehen aufgefordert. Für einen kurzen Moment ist der resolute, souveräne und kommunikative Peter Hanslik der Star auf der Bühne, bis endlich die letzte Reihe die Erlaubnis zum Aufstehen erhält um den Saal zu verlassen. Kaum ist dies geschehen, tauchen aus allen Ecken fleißige Bühnenarbeiter und beginnen rasch mit dem Abbau der Bühne und der Musikinstrumente der super coolen JazzCombo.

Ein szenarisches Juwel und ein Hingucker!

Das goldene Telefon rechts an der Wand mit seiner langen, eleganten Schnur, versinnbildlicht die Sehnsucht des Protagonisten (und nicht nur seine!) nach der Weltmetropole New York, während er sich in seiner eigenen Stadt Berlin fremd vorkommt.

Sein Anruf erreicht dort immer einen kalten Anrufbeantworter, mit steriler Ansage, bei dem er jedes Mal, wie als Flucht aus seiner tristen Gegenwart, Nachrichten an eine Frau seiner Vergangenheit, hinterlässt.

Gold und lange Schnur - das kann nur gut sein
Gold und lange Schnur – das kann nur gut sein

Ein wahrer szenischer Augenschmaus- bei einem ansonsten spartanischen aber bildkräftigen Szenario, für das Alissa Kohlbusch verantwortlich ist, ist das goldene Telefon mit herrlich langer Schnur rechts an der Wand. Eine verführerische Verbindung zur großen weiten Welt, voller Abenteuer und Entdeckungen.

Die Trilogie ist eine Hommage an die Stadt der Gegenwart, post-migrantisch, turbulent, voller Widersprüche aber auch voller Sehnsüchte all der unruhigen Geister die hier schon immer waren oder von überall her hier gelandet sind, die hier auf gepackten Kofferm leben oder noch einen Koffer in Berlin haben.

Maxim Gorki Theater_Saal_großes Haus (c) Nils Tammer
Maxim Gorki Theater_Saal_großes Haus (c) Nils Tammer

Das Maxim Gorki Theater ist unbequem, laut und doch ein Ort der Begegnung mit Sehnsüchten zu begegnen, der Anstiftung zum Nachdenken. Bequem ist hier, außer die roten Sesseln, gar nichts.

About Fatima Lacerda

Kultur, Fußball, Musik sind meine Leidenschaften. Reiseberichte sind ein Genuss!

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