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Fußball ganz anderes: DFB Pokal Finale als Geisterspiel im Olympiastadion

In keinem anderen Land (nicht mal Spanien oder Italien) genießt das Turnier ein derart gewaltiges Medieninteresse wie das DFB-Pokal-Endspiel in Berlin. Seit 1985 ist das Olympia Stadion die Bühne für das Fußballfest schlechthin. Am 03.07., also ein Tag vor dem Finale 2020, teilte der Deutsche Fußball Bund (DFB) mit, ein Rahmenvertrag wurde mit dem Land Berlin unterschrieben. Darin heißt es: Bis 2025 wird das Prestigefinale in der Hauptstadt sein. Auf unsere Anfrage über das mediale Interesse an das Spiel hieß es aus der Presseabteilung des Verbandes: „Wir haben an 211 Territorien die Übertragungsrechte verkauft“, was die Strahlkraft des Finalspiels in der Hauptstadt auch in Zeiten der Pandemie erneut untermauert.

Aufgrund der Regel des Wettbewerbs, dass große Clubs gegen Außenseiter spielen, ergeben sich außergewöhnliche Duelle und Ergebnisse. In der Saison 2018/19 machten die Bremer die Träume der Dortmunder zu nichte,„nach Berlin zu fahren“. Beim DFB-Pokal spielen Faktoren wie Festgeldkonto oder wie viele Pokale im Vereinsmuseum liegen, gar keine Rolle. Auch wenn die Zeiten der Pandemie unser Zeitgefühl gehörig durcheinander bringt, bei der Wahrnehmung was war vor einigen Monaten und was ist jetzt und überhaupt: „How long is Now?“ stand mal an der Außenwand des Kulturkollektivs Tacheles an der Oranienburger Straße verkörpert, wie nie zuvor, den Zeitgeist. Am 01.02. stand ich auf der Tribüne im Signal Iduna Park in Dortmund bei der Partie zwischen dem BVB und dem FC Union. Das fühlt sich an wie eine Ewigkeit her.

Berlin Tacheles (2011) - Außenfassade
altes Berlin Tacheles – Außenfassade

Bemerkenswerte Historie

Unter den Finalteilnehmern sind Vereine wie der 1. FC Köln, Fortuna Düsseldorf, 1. FC Nürnberg, Hamburger SV und 1. FC Kaiserslautern. Heute kämpfen diese Klubs mit dem Weiterbestehen oder gegen die Option der zweiten Liga oder, noch schlimmer, gegen die Mittelmäßigkeit. Davon ist der HSV ganz vorne weg.

1990 gewann der FC Kaiserslautern den Pott. Zum 15.06.2020 wurde vom Klub im Süden der Insolvenzantrag gestellt. 1997 standen sich die Stuttgarter und die Cottbusser gegenüber. Bei den Schwaben saß damals ein junger und ehrgeiziger Trainer namens Joachim Löw. Die Schwaben hatten den Vorteil mit dem sogenannten „Magischen Dreieck“, bestehend aus Fredi Bobic (Heute CEO bei Eintracht Frankfurt), dem bulgarischen Krassimir Balakow und dem Brasilianer Giovane Elber, in der weiten Welt Unterwegs als Botschafter der Marke FC Bayern.

Wie im Artikel des Fußballmagazins „11 Freunde“ detailliert ausgerollt, ist die Dramatik dieses Finales aufgetreten, lange bevor die Stuttgarter sich auf den Weg nach Berlin machten. Elber hatte schon für die folgende Saison beim Club aus München unterschrieben. Der damalige Interimstrainer Joachim Löw wollte ihn aufgrund der brenzlichen Lage nicht setzen. Giovane flehte ihn an, aufgestellt zu werden. Löw gab schließlich nach und das Ganze trug Früchte. Bereits in der 18. Minute schoss Elber ein Kopftor mit schweizerischer Präzision. Nach dem zweiten Tor, so erzählt er in dem Artikel von„11 Freunde“, gestikulierte er in Richtung Trainerbank, augenzwinkernd und machte die Handbewegung die ein Wechseln bezeichnen“. Nach dem Sieg schloss sich der Fußballer in sein Hotelzimmer ein und wollte mit der Mannschaft nicht feiern. Bobic ließ das nicht zu, klopfte hartnäckig an die Zimmertür seines Teamkollegen und machte die Ansage: „So nicht, Brasilianer!“. Sie gingen dann doch gemeinsam zur Feier, die bis in die Morgenstunden feucht-fröhlich anhielt. Mit der legendären Rückennummer 9 beim FC Bayern wurde der Brasilianer noch dreimal Pokalsieger.

Es ist nicht allzu lange her, es war gerade mal 2018, dass Cheftrainer Niko Kovac bei den Frankfurtern zum Saisonende zwar noch den Ton angab, aber schon mit dem FC Bayern den Vertrag unter –gelinde gesagt– wenig transparenten Umständen unter Dach und Fach gebracht hatte. Der ehrgeizige Trainer, damals zum zweite Mal in Folge beim Endspiel in Berlin, wollte einen Fußabdruck hinterlassen und sich auch ein versöhnlich von den Fans verabschieden. Denn kein zukünftiger Trainer eines Klubs mit dem legendärem Festgeldkonto und wirtschaftlicher Ausstrahlungskraft wird freundlich verabschiedet. Schon gar nicht wenn er wenige Tage zuvor mitteilte, er würde bei den Frankfurtern bleiben mit der Zusatzbemerkung „Stand jetzt“. Wenige Tage später kam es raus. Er hatte bei den Bayern unterschrieben und die Kurve reagierte entsprechend not amused. Er musste also einen Sieg einfahren gegen seinen künftigen Arbeitgeber. Dafür braucht man Nerven aus Stahl. Und die hat der gebürtige Kroate bewiesen.

Der FCB hatte bei dem Spiel 70,06 % Ballkontakt im Vergleich zu den mageren 29,94 % der Frankfurter. Auch beim Zweikampf standen die aus dem Süden der Republik vorne mit 70,06 % vs 29,94 % der Frankfurter. Wie Trainer-Legende Jürgen Klopp (Mainz 05, BVB, Liverpool) einmal sagte:„Wenn Technik und Taktik nichts mehr nützen, muss die Mentalität her“ und die zeigten die Frankfurter. Die Choreographie in der Kurve, konnte sich sehen, vor allem aber, hören lassen.

Glücklich kann sich jeder schätzen, der bei DEM Fußball-Krimi 2018 dabei war. Getragen von der Leidenschaft der Fans und von der Mentalität von Eintracht Frankfurt samt einem Eimer Glück vom Fußballgott demütigten sie die Bayern mit dem Endergebnis von 1 : 3 inklusive Tor in der 90. Minute. Der Kasten war frei, weil der Ersatztorwart der Rot-Weißen (Neuer war verletzt) sich kolossal in der anderen Hälfte verirrte. Wie im Artikel vom 05.02.2019 von Patrick Strasser in der Berliner Morgenpost richtig abgeleitet, „Das Olympiastadion war lange ein Sehnsuchtsort der Bayern, mittlerweile hat es sich für die Münchner zur Albtraum-Location entwickelt“. (Link)

Die Bayern sind da (Check am Potsdame Platz) Foto: Fatima Campos de Lacerda
Die Bayern sind da (Check am Potsdame Platz) Foto: Fatima Lacerda

Geisterspiele zwischen den Bayern

Kapitän Lars Bender vom Finalisten Leverkusen erzählte auf der Pressekonferenz am Freitag, dem 3.Juli nachmittags über die schöne Geste der Fans beim Abschied in der Heimat. Die haben sich um den Bus gesammelt und das Team gebührend gefeiert. Schließlich ist das Endspiel schon eine Auszeichnung des Wettbewerbs, der sich über mehrere Monate hinzieht und “18 Vereine der 1. und 2. Liga mitberücksichtigt, sowie die ersten vier Mannschaften der 3. Liga zum Ende der Vorsaison. Dazu kommen 24 Mannschaften aus den unteren Ligen, in der Regel die Verbandspokalsieger. Die Paarungen werden vor jeder Runde öffentlich ausgelost. Mannschaften, die unterhalb der 2. Bundesliga spielen, erhalten bei Partien gegen höher klassige Gegner Heimrecht”. (Quelle: Wikipedia).

Manuel Neuer, nicht gerade eine Stimmungskanone, wurde gefragt, was in seinem Kopf vorging bei der Anreise nach Berlin:„Wir sind ganz heiß darauf, diesen Pokal zu gewinnen“. Ach!

Hansi Flick, Chef-Trainer vom FC Bayern München, wurde vom Moderator als einer, der„auch schon den Pokal in der Hand gehalten hatte“ bezeichnet. Hansi, in seiner bescheidenen Art, erwiderte ganz lapidar:„Was in der Vergangenheit passiert ist, ist Vergangenheit. Außerdem war ich da auf der Ersatzbank und habe keine Minute auf dem Platz gespielt.“ So kann man die Stimmung, die ohnehin durch die Pandemie und die damit verbundenen Auswirkungen gedrückt ist, in den Keller befördern. Das Ehrfurcht befördernde Untergeschoss, voller Katakomben mit dunkelbraun gestrichenen Wänden, die man entlang laufen muss, um zum Pressebereich zu gelangen, reflektierte perfekt die Stimmung in der heutigen Pressekonferenz.

Bayer Leverkusen hat nicht die Mentalität und den Biss der Frankfurter – damals im Jahr 2018 und (zu meinem ganz persönlichen Bedauern) zeigen sich die Münchner als eine Einheit und technisch überragender als alle andere Vereine der Republik. Darüber hinaus haben sie auf der Gehaltsliste eine Tormaschine stehen, die auf den Namen Robert Lewandowski hört und für die Kumpels und FCB Fans einfach LEWA heißt. In seiner Heimat Polen ist er bereits ein Idol, aber auch in Berlin im Rahmen des prestigereichen Wettbewerbs kann er sich fast unsterblich machen. Er kann – das wäre Rekord – zum fünften Mal in Folge zum Torschützenkönig dieses Wettbewerbs gewählt werden.

Diesmal werden nicht die Fans die Party machen. Das Kontingent für die Presse fällt noch viel kleiner als sonst aus. Vereinsbosse, PR-Agenten und Berater werden live dabei sein, aber das Herz dieses Wettbewerbs, die Kurven, die Fans, die Gesänge und Choreographien (das alles was den Fußball so besonders macht) wird aufs nächste Jahr verschoben. Schließlich ist 2020 abgesagt. Wer auch immer den Pokal am Ende des Tages in den Berliner Himmel hält, wird nicht drum herum kommen, einen bitteren Nachgeschmack zu spüren, wenn er später seinen Kindern und Enkelkindern über das Finale 2020 in Berlin erzählt. Auch das außergewöhnliche Datum, 04. Juli, mehr als ein Monat nach dem üblichen Termin (Ende Mai), so oder so, wird es unvergessen bleiben.

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One comment

  1. Ein interessanter Beitrag.

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