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Berlin als eine geteilte Stadt: Impressionen einer Zeitzeugin

Bei der Selbstverständlichkeit, mit der man zum Beispiel in der Friedrichstraße einkaufen geht, kann man sich kaum vorstellen, was für ein Brennpunkt das war in Zeiten des eisernen Vorhangs, der nicht „nur“ eine offene Wunde ins Stadtbild riss. Die Welt war in zwei Weltordnungen geteilt und nirgendwo in der ganzen Welt war dieser Antagonismus sichtbarer als in Berlin. Am Grenzübergang Checkpoint Charlie standen sich Soldaten aus der Sowjetunion und den USA gegenüber. Vor dort aus hätte jeden Moment der 3. Weltkrieg ausbrechen können. Diese Atmosphäre herrschte in Berlin am Ende der 80er Jahre. Eine pulsierende Stadt, deren Zentrum an der Gedächtniskirche lag. Welche Ironie! Die von Bomben fast gänzlich zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde zum Zentrum einer geteilten Stadt.

Am Grenzübergang Friedrichstraße ereigneten sich die dramatischsten Szenen des Abschieds von Familienmitgliedern, die von „drüben“ waren und nicht wussten, wann sie sich wiedersehen würden. Nicht umsonst hat das Gebäude, das heute eine Dauerausstellung zur Teilung beherbergt, vom Volk den Namen „Tränenpalast“ bekommen. Ich selbst habe mit der Schulklasse diesen Übergang kennenlernen dürfen und damit ein für mich bis dato unbekanntes Szenario von Hollywood-Filmen aus dem Kalten Krieg.

Tränenpalast - Foto von der Seite
Der Tränenpalast heute – Foto von der Seite

Der Lehrer meiner Schulklasse teilte irgendwann mit, wir würden nach Sachsenhausen fahren, einem fernen Ort in Brandenburg. Das war das erste Mal, dass ich diesen Namen überhaupt hörte. Der Treffpunkt war direkt am Grenzübergang. Schüler aus anderen Staaten außerhalb der EU mussten am Tage davor zum Halleschen Ufer in eine Art „Außenbüro der DDR“ für Ausländer. Dort bekamen wir ein Tagesvisum, Erinnerung die verschwand,  als 1993 mein Pass in einer Schlange im Prager Bahnhof aus meiner Tasche entwendet wurde. Dort stand gestempelt eine Reihe von Ein- und Ausreisen, speziell zwischen Ost- und Westberlin.

Unter den Vorbereitungen für die Reise nach Brandenburg, müsse genug Geld zum Umtausch in DDR-Mark mitgebracht werden und dieses – so der eindringlicher Hinweis von Rainer Ploch, dem Lehrer und überzeugten Sozialdemokraten – müsse unbedingt VOR der Rückreise ausgegeben werden. Die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme habe ich bis heute noch im Ohr.

Nun kam ein grauer Novembermorgen und wir befanden uns im U-Bhf Alexanderplatz, der zu meiner Verwunderung kaum Wegweiser besaß. Es war also eine logische Konsequenz, dass wir uns dort dumm und dämlich nach dem richtigen Gleis in Richtung Brandenburg gesucht haben. Im Gegensatz zu heute war der U-Bhf Alexanderplatz ruhig. Die Lautstärke um uns herum war nicht ansatzweise vergleichbar mit dem Hexenkessel von heute.

Auch die Ruhe in dem S-Bahn-Wagen trug zu der allgemeinen Stimmung im Osten bei. Menschen saßen brav auf ihren Sitzplätzen, während der Zug haarscharf an der Grenze vorbeifuhr. Je weiter er fuhr, desto weniger sah man von der anderen, unbekannten Seite.

Auch der lange Weg vom Bahnhof zum ehemaligen KZ Sachsenhausen ähnelte einem Weg zur Beerdigung. An den bunten Werbeplakaten und dicht benachbarten Geschäften wurde die Leere, die Stille und die Tristesse immer und immer deutlicher. Selbst Kinder, die an uns auf dem Weg zur Schule vorbeifuhren, trugen zu einer sehr bedrückten Stimmung bei. Auf dem Weg sah ich nun ein Häuschen. Geplagt von Durst und Kohldampf, erhoffte ich, ein Schnittchen oder eine Cola zu bekommen. Es gab lediglich ein Getränk, wärmer als die Luft und mit einem fürchterlichen Geschmack.

Der Blick auf die Uhr von Sachsenhausen zeigte 11.10 Uhr, die Uhrzeit, zu der die Gefangenen entlassen wurden. Das war nur der Anfang eines unvergesslichen Tages angesichts so vieler gerichtlicher Belege der Grausamkeiten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Rückkehr

Nach knapp acht Stunden Ausflug nach Berlin zurückzukommen, empfand ich als Erleichterung, die aber nicht so ohne weiteres eingetreten war.

Am Grenzübergang mussten wir in einer riesigen Schlange stehen und je näher ich dem Grenzpolizisten kam, desto mehr habe ich geschwitzt. Zu meiner lieben Schulkameradin, Annalisa aus Genua (Italien), sagte ich in beachtlich vernünftigem Ton angesichts einer für mich komplett bedrohlichen Situation: „Wenn die mich hierbehalten, bitte diese Nummer in West-Berlin anrufen. Die sollen mich abholen kommen“. Damals „wog“ mein brasilianischer Pass noch viel weniger als heute und ich war sicher, dass wenn sie jemandem aus der Gruppe Problem machen wollten, es bestimmt jemand aus Südamerika wäre. Es ist zum Glück nicht dazu gekommen. Die Schweißperlen auf meiner Stirn, meinen Händen und meinem Rücken sprachen eine deutliche Botschaft. Nach dem Überqueren nach West-Berlin fühlte ich, als wäre ich gerade aus dem Knast entlassen. Nicht zu denken, wie es den Menschen, die jahrelang unter einem verbrecherischen System leben mussten, ergangen war. Familien wurde auseinandergerissen, auch schon damals, in den ersten Stunden des 13. Augusts 1961, bei dramatischen Szenen, wie der eines Hauses mit einer Seite nach Westen und einer Seite nach Osten.

Der langjährige London-Korrespondent des brasilianischen Fernsehens TV Globo, Silio Boccanera, sprach mit mir im Jahr 2009, 20 Jahre später während der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Mauerfalls. Damals war ich Ansprechpartnerin für die internationale Presse auf dem Platz und so haben wir uns persönlich kennengelernt. Mit ernster Miene erzählte er mir, dass ihm jedes Mal, wenn er zu Dreharbeiten in die DDR musste, das Außenministerium einen Stasi-Mitarbeiter zur Seite stellte. Auch ohne einen Hauch von Kenntnis der portugiesischen Sprache begleitete der Stasi-Mann ihn auf Schritt und Tritt.

Als Silio Boccanera 2009 in die Ausstellung „20 Jahre Mauerfall“ kam, war ich als Ansprechpartnerin zuständig für die Terminierung und Koordinierung, manchmal auch für die Übersetzung der Interviews. Die ganze mediale Welt war dort zu Gast, von der hintersten Ecke Perus über die MAGREB-Staaten bis hin nach Indien und Indonesien. Boccanera bracht den selben Kameramann mit, wie 20 Jahre davor. Beim Gespräch erfuhr er, dass ich bereits 1988 in Berlin gelandet war, und machte ein Interview mit mir. Darin erzählte ich über den Ausflug mit der Schule auf dem Rückweg von Brandenburg, und wie ich mit meiner italienischen Schulfreundin erfolglos versucht hatte, Kochsalzlösung für meine Kontaktlinsen zu finden. Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hätte man meinen können, ich hätte sie um Organe gebeten.

Als wir während einer Pause herumgefahren waren, wirkte der Alexanderplatz wie eine Überdosis, geradezu angsteinflößend. Wir haben uns an die bereits lange Schlange angehängt, schauten nach hinten und fragten: „Was gibt es denn zu kaufen“? „Ich weiß es nicht“, sagte der Mann hinter mir. Dieses Erlebnis war symptomatisch in der DDR. Wenn man eine Schlange sah, bedeutete es „Da gib es was zu kaufen“! Was, war nicht entscheidend, man war dankbar über jeden einzelnen Artikel. Man könnte es glatt vergessen, aber im Vergleich zum übrigen Gebiet hatte Berlin, die Hauptstadt der DDR, wie ein Plakat am unteren Gleis stolz zeigte. Allein ein Photo davon zu schießen, hätte einen ins Gefängnis bringen können. Ich konnte der Besonderheit des Augenblicks nicht widerstehen und wagte es, ein Photo zu schießen.

Vorher und Nachher

In West-Berlin hatte man sich an die Mauer gewöhnt und sie wurde eine touristische Attraktion. Im Alltag ist oft in Vergessenheit geraten, wie brutal sie war. Freunde haben die Mauer als Treffpunkt genannt. An der Mauern entlang konnte man romantische Spaziergänge mit den Liebsten machen. Wenn Besuch kam, war der Gang zu den mittlerweile aufgebauten Türmen ein Must.

Die Kulturszene Berlins in den 70ern und 80ern war aufregend, unbequem, durchgeknallt. Und die Nächte erst! Die waren lang! Der Song Blue Print der Band Rainbirds gehört zum Soundtrack von Berlin als Inselstadt und zur Sehnsucht, die Mauer zu durchbrechen.

Mein erstes Frühstück im Schwarzen Café an einem Sonntag um 05:30 nach einer wilden Geburtstagsparty in der Skalitzer Straße in Kreuzberg habe ich noch in Erinnerung. Ich war glückselig, zur ungewöhnlichen Stunde so einen Laden in Berlin zu finden.

Die Atmosphäre in der Stadt war unruhig, denn sie war hochpolitisch und dazu noch ein Kulturparadies. Viele weltberühmte Künstler, wie David Bowie und Iggy Pop, haben in Berlin wie ganz normale Menschen leben können. Ihre WG in der Hauptstraße in Schöneberg war ein Treffpunkt von Künstlern, Toningenieuren, Militärdienstverweigererm und allgemein in Berlin Gestrandeten.

Wer in Berlin lebte, hatte nicht nur billige Wohnungen, sondern auch 20,00 DM Rabatt bei der Telekom. Dieser Rabatt hielt bis zur Vereinigung beider deutscher Staaten.

Magnetbahn

Eines der beeindruckenden Erlebnisse in Zeiten der Mauer war die Fahrt mit der Magnetbahn, dort, wo heute der U-Bhf Mendelssohn-Bartholdy-Park ist. Auf dem Gelände daneben und lange, bevor Investoren aus Dänemark das Hotel bauen ließen, befand sich ein wilder Flohmarkt. Dort fand man alles, einfach alles. Ich kaufte dort mal eine Super-8-Kamera und durfte Zuhause feststellen, dass sie kaputt war. Das Geld habe ich nie wiedergesehen. Die gediegenen Flohmärkte in Prenzlauer Berg haben nichts, aber auch gar nichts, vom alten Berlin übernommen.

Alles Kiez

Berlin, erstmalig im Jahr 1340 urkundlich erwähnt, ist entstanden aus der Zusammenlegung vieler Dörfer, die man später Bezirke nannte. Zur Mauerzeiten bestand doch ein Unterschied zwischen den Bezirken in Ost und West. Wenn auch in unterschiedlichen Nuancen, versucht Berlin als Hauptstadt der Republik die Charakteristika beizubehalten.

Ich kann nicht sagen, dass Berlin heute ansatzweise die Lebensqualität von einst besitzt, aber wir alle können dankbar sein, dass der ehemalige Machthaber der Sowjetunion die Chance der Geschichte durch die Politik der Perestroika ergriffen hatte, dass Günter Schabowski nicht allzu sehr Bescheid wusste, was im Zentralkomitee konkret besprochen wurde, und dass der italienische Journalist Geschichte schrieb, als er fragte, ab wann die neue Regelung in Kraft treten sollte. „Nach meiner Kenntnis ist es sofort!“ Sofort war das Zauberwort, das wie Musik in den Ohren der Ost-Berliner klang. An den Grenzübergängen waren die Volkspolizisten die Helden des Tages, insbesondere am der Bornholmer Straße, die Bekanntheit weltweit erlangte.

Rathaus Schöneberg

Bei der Rede von Helmut Kohl, Willy Brandt und Walter Momper mit seinem unverwechselbaren roten Schal war ich dabei. Aus heutiger Sicher wäre es nicht mehr zur erklären, dass ich so nah an das Rednerpult kommen konnte und die Reden sowie auch die ohrenbetäubenden Buhrufe, gerichtet an den damaligen ewigen Kanzler, Helmut Kohl (1982–1998), hören konnte.

Danach ging ich auf den Parkplatz und sprach frei von der Leber weg Willy Brandt an. Aus Gründen, die ich bis heute nicht erklären kann, nahm sich dieser Mann gute drei Minuten zeit für mich, in dem Moment, als die Weltordnung sich verschoben hatte. Nach mir kamen ein paar andere Leute, bis Hans-Joachim Vogel bei geöffneter Autotür sagte: „Nun Willy, nun komm jetzt!“

Die andere Mauer

Der eiserne Vorrang hat heute andere Gesichter und stellt uns unversöhnlich einander gegenüber aufgrund von religiösen, politischen, sozialen Unterschieden. Es ist unmöglich geworden, Gegenteile zu ertragen und sogar zu tolerieren.

Richard von Weizsäcker sage einmal: „Demokratie muss gestaltet und jeden Tag neu erkämpft werden“.

Link zur Veröffentlichung in den brasilianischen Medien: 30 anos da queda do Muro de Berlim: um relato pessoal (aktuell erschienen, Nov 2019)

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