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100-Jahr-Feier Filmgeschichte im Zoopalast bezaubert Stummfilmliebhaber mit Madame Dubarry

Die Films On Demand von Netflix haben den Filmmarkt grundlegend verändert. Das ist unumstritten. Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn es nicht gegen den Strom schwimmen würde. Der Stummfilm mit Orchesterbegleitung hat Konjunktur. Das Kino Babylon mit seinem Hausorchester kann sich nicht retten von Aficionados der Kombination von legendären Filmen und Musik. Die Vorführung von „Metropolis“ mit Orchesterbegleitung ist immer ausverkauft (der Blog hatte berichtet am 10.05.).

Metropolis Orchester Berlin

Der Zoo Palast am anderen Ende der Stadt macht zur Freude dieser Sparte ein Experiment, das vielleicht Folgen haben kann.

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Diesen Standort als Platz für Filmvorführungen gibt es seit 100 Jahren. Am 19.09.1919 wurde der Ufa-Filmpalast am Zoo eröffnet. Ein Jahr nach dem Ende der Monarchie war die Stimmung noch gereizt, der Umbruch machte sich auf den Straßen bemerkbar. Der Palast fungierte als Zufluchtsort für gestresste Berliner. Das aufregendste Filmtheater in Deutschland bot einiges neben 1.740 Plätzen an.  Volles Programm von 13 Uhr bis zur Spätvorstellung konnte man sich aussuchen. Und damit der Besucher nachrichtentechnisch im Bild bleiben konnte, schimmerte eine ganze Stunde Wochenschau auf der Leinwand. Meister der Filmkunst hatten hier ihre Premieren. Ab 1933 wurde der Ufa-Palast zum Zweck ideologischer Propaganda genutzt.

18. September 1919 : Madame Dubarry

14. Februar 1924 : Die Nibelungen

14. Oktober 1926: Faust

10. Januar 1927 : Metropolis

15. Oktober 1929: Frau im Mond

1933 bis Kriegsbeginn

09. Mai 1933: Ein Lied geht um die Welt

01. Dezember 1933: Sieg des Glaubens

28. März 1935: Triumph des Willens

16. Juni 1939: Im Kampf gegen den Weltfeind

Während des Krieges:

24. September 1940: Jud Süß

28. November 1940: Der Ewige Jude

06. Dezember 1940: Bismarck

23. Oktober 1941 : Heimkehr

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Madame Dubarry

100 Jahre nach der Premiere kamen der Filmkomponist und die Leitung des Filmtheaters auf die Idee, diesen Tag gebührend zu feiern, und wenn es um Kino und Glamour geht, lassen sich die Berliner nicht zwei Mal bitten. Der Kinosaal war, zugegeben, nicht ausverkauft. Jedoch bis auf die ersten drei Reihen (spärlich besetzt) war das Kino sehr voll. Während bei der Wiedereröffnung des Filmtempels im Jahr 2013 (der Blog hatte berichtet) die Muse von Billy Wilder, Liselotte Pulver (die Ingeborg von „Eins, Zwei, Drei“), anwesend war, gab sich nun Filmlegende Volker Schlöndorff die Ehre. Wir erinnern uns, der Regisseur gewann den Oskar für den besten ausländischen Film mit „Die Blechtrommel“. Auch MacherInnen der Filmbranche saßen in der ersten Reihe, darunter der Filmkomponist mit dem kraftvollen Namen Carsten-Stephan Graf von Bothmer. Wie der Blog erfuhr im kurzen Gespräch während der 15-minütigen Pause, ist der Kompositionsauftrag aus dem Jahr 2005 von der Friedrich-Murnau-Stiftung aus Wiesbaden. Filmfans werden wissen, dass diese Stiftung eine Schlüsselrolle in der Restauration von großen Meisterwerken des deutschen Expressionismus spielt.

Diejenigen, die das Meisterwerk verfilmter Literatur nicht gesehen haben, können es in der Mediathek von 3sat in der Regisseur-Fassung (Director’s Cut) ansehen.

Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten von „Madame Dubarry“ war der Regisseur Ernst Lubitsch deutschlandweit bekannt aus der Sparte Komödie. Mit dem stilistischen Wechsel wurde er weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Drei Jahre später ging er nach Hollywood.

Lubitsch und die Frauen

Der Geburtstag ist die eine Sache als Motivation, den Film zu zeigen, aber der Stoff, um den es geht, könnte nicht besser zu Berlin passen. Lubitsch liebte die starken Frauen, die aus der Reihe tanzen. Schauspielerin Pola Negri trägt den Film in der Rolle der smarten, ehrgeizigen und wollüstigen Marie Jeanne, später mächtigste Frau Frankreichs und Mätresse König Ludwigs XV. von Frankreich. Mit ihrer Eroberungskunst schafft sie es bis nach oben.

Revolutionsdrama ist die richtige Bezeichnung für diesen Film. Denn Jeanne liebt Armand und wird von Königen umgarnt und handelt pragmatisch. Die Location und die unzähligen Komparsen waren eine wichtige Säule, um die Kosten niedrig zu halten. Potsdam fungiert als Filmkulisse, die bei Architekturliebhabern und Nostalgikern das Herz höher schlagen lässt.

Filmkomponist während der Pause

Das Publikum bestand größtenteils aus den älteren Semestern. So kam man ins Gespräch und hörte eine amüsantere Geschichte als die anderen, während Stewardessen Sekt, Orangensaft, Duplostangen und Ferrero Rocher verteilten. Auch das Programm war kostenlos. Wer früh genug ankam, konnte den speziellen Moment festhalten, als die ganze Metropolis-Band sich auf dem Dach des Zoo Palastes aufreihte. Einige hielten ihre Instrumente in der Hand. Darunter die Schrift, schwarz auf weiß, „Herzlich Willkommen“.

Stephan Graf v. Bothmer


Die Idee

Stephan Graf von Bothmer ist weltweit unterwegs als Botschafter der Filmkunst. Seine Agenda kann sich in Quantität und Qualität sehen lassen. Aber an diesem Mittwoch war er quasi Zuschauer.1

Ob auch ein solch erfahrener Musiker wie er Lampenfieber spüre, wollte ich wissen. „Immer“, sagte entschieden der kommunikative und sympathische Graf. Ob er im Anschluss an die Vorstellung ins Backstage gehen würde, um den Musikern zu gratulieren. „Ja!“, versicherte er. Wie man aber sehen konnte, sind nach Ende des Films und Danksagung des Orchesters die Musiker und der Komponist sich in die Arme gefallen. Erleichterung und unbegrenzte Freude über die positive Resonanz vom aufmerksamen Publikum. Schwierig war es, den Filmkomponisten für ein brauchbares Foto zu gewinnen. Die ersten habe ich vergeigt.

Dirigent: Burkhard Götze

Ein Mit-Protagonist dieses Abends war der Leiter des Filmtheaters (so möchte er sich bezeichnet sehen), Sascha Rybnicki, der eine gleichermaßen kompakte und dem Anlass entsprechend bewegende Rede zu den Impressionen eines Filmkritikers über einen Tag im Ufa-Palast gehalten hat. Und weil es dramaturgisch alles stimmen musste, haben wir auch eine halbe Stunde Wochenschau gesehen, ein bemerkenswertes Dokument über jene angespannte Zeit, musikalisch untermalt durch die Musik von Richard Siedhoff.

Danke, Mr. Berlinale!

Dass der Filmtempel, der wie kein anderer ein Zeuge der bewegenden Geschichte dieser Stadt ist, nicht zu einen Supermarkt wurde, haben wir dem ehemaligen Leiter der Berlinale zu verdanken. Vorausschauend und schnell handelnd sorgte Dieter Kosslick dafür, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wird. Der bayerische Investor brachte das notwendige Kleingeld mit und Berlin kann bis heute auf einen legendären Tempel unzähliger Premieren blicken. Mitten in der Stadt.

Links

http://www.stummfilmkonzerte.de/glossar/personen/bothmerstephan.html

https://www.murnau-stiftung.de/

https://www.zoopalast-berlin.de/

https://www.metropolis-orchester-berlin.eu/

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