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Das Babylonkino: Ein Hoch auf den Stummfilm und auf die Zwanziger Jahre!

In Zeiten von Netflix, Filme On Demand und Streaming wie, wo und wie lange der Kunde möchte, setzt das Kino Babylon in Mitte ein Zeichen gegen diese Entwicklung: „Wir lieben Stummfilme!“, heißt es auf der Webseite, und das ist Programm. Das Kino, das unweit vom Alexanderplatz im Stadtbild hervorsticht, hat eine bemerkenswerte Geschichte und ist ein Kind der Zwanzigerjahre, jener Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Aufblühens der Kunst und Kultur in mehreren europäischen Städten, so auch Berlin.

Das erste Konzert der Künstlerin Josephine Baker (Freda Josephine McDonald) 1926 im Haus des Dichters Karl Vollmöller am Pariser Platz ist nur ein Beispiel für die Lebendigkeit der damaligen Berliner Kulturszene. Als die „Künstlerin von Übersee“ (Missouri, USA) über Paris nach Berlin kam, wie es damals in der hiesigen Presse hieß, dann salonfähig wurde und im Nelson-Theater an Kurfürstendamm auftrat, lag ihr ganz Berlin zu Füßen. Auch in Paris und London waren die Goldenen Zwanziger bahnbrechend in Kunst und Kultur, aber auch in den Sitten und Berlin galt als guter Boden für Experimente allerlei. „Sie grimassierte, schielte, ließ ihr Becken kreisen. Mal stolzierte sie auf allen vieren, mal fiel sie in einen rasanten Charleston. Und wackelte so virtuos mit dem Hintern, dass die Zuschauer in Ekstase gerieten“, heißt es in dem Artikel von Katja Iken aus dem Jahr 2016 bei Spiegel Online.

Fassade des Kinos, Babylon-Mitte
Fassade des Kinos, Babylon-Mitte

Bewegende Geschichte

Schon gebäudetechnisch steht das Kino Babylon im Zeichen der Zwanziger (1924-1929) auf der Zielgeraden. Benachbart von dem Theater Volksbühne steht das Babylon auf dem Rosa-Luxemburg-Platz im architektonischen Still der Neue Sachlichkeit* nach den Plänen von Hans Poelzig. Nach dem Umbau 1948 fand das Gebäude als „Spartenkino“ eine Anwendung. Nach der Schließung 1993 wegen Einsturzgefahr wurde das Haus schon im vereinten Berlin denkmalgerecht rekonstruiert. Seit 2001 ist das Kino wieder im Dauerbetrieb und ein sehr beliebter Ort für Musikveranstaltungen und Filmfestivals, wie zum Beispiel dass Fußball Filmfestival 11 mm, immer Ende März. In drei Sälen finden Platz 500, 68 und 43 Zuschauer.

Es lebe der Stummfilm!

Mit einem bemerkenswerten Programmschwerpunkt zeichnet sich das Babylon in Mitte selbst aus in der abwechslungsreichen Berliner Kinolandschaft. Wir wissen zum Beispiel um die Beliebtheit der kleinen Kiez-Kinos, die jährlich auf der Berlinale durch die Sparte „Berlinale goes Kiez“ eine besondere Aufmerksamkeit erfahren: Der rote Teppich wird ausgerollt und die Filmstars kommen vorbei zum Publikumsgespräch. Das Babylon ist mehr als nur ein Kino in der Hauptstadt, es ist eine Synergie aus bewegender Geschichte, bedeutsamer Architektur und, aktuell, einem programmatischen Bankett für Kinoliebhaber.

Samstagnachts können BerlinerInnen bei der Reihe „Stummfilm um Mitternacht“ den Genuss von Orgelmusik und Stummfilm miteinander verbinden und das für Null Euro. Auch mit diesem Angebot hebt sich das Babylon aus der übrigen Kinolandschaft ab. Links der Bühne steht eine Orgel, von der die Fachwelt spricht. Sie ist die einzige Kino-Orgel in Deutschland, die noch am Originalort steht, versehen mit „2 Manualen, 1 Pedal, 100 Registern, Tremolo, 4 freien Kombinationen [von Registern], 8 Pistons, 1 Schwellwerk und vielem mehr“, wie die Webseite ankündigt. Auch als Differenzierungsmerkmal gilt das feste Engagement einer Hausorganistin: Anna Vavilkina studierte am Moskauer Konservatorium und an den Musikhochschulen in Lübeck und Detmold. ZuschauerInnen können jede Samstagnacht, aber auch bei anderen Filmvorführungen, ihr Talent bewundern.

Noten/Soundtrack/"Metropolis"
Noten/Soundtrack/”Metropolis”

Der programmatische Schwerpunkt Stummfilm aus der Abteilung Klassiker mit Live-Orchester-Begleitung erfreut sich in Berlin großer Beliebigkeit. Der Über-Klassiker unter den Stummfilmen ist „Metropolis“, das Meisterwerk der Zeit des Expressionismus, einer künstlerischen Bewegung in den ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. „Metropolis“ ist ein Film der Superlative. Der Über-Klassiker unter den Klassikern. 310 Drehtage, 200.000 Kostüme, 5 Mio. Reichsmark als Budget, und, wie auch die Geschichte Berlins zwischen Kriegen und Wiederaufbau, bekam dieser Film sein Fett weg. Für zu gewagt gehalten für die damalige Zeit, wurde das Werk zerschnipselt und landete in unzähligen Versionen auf dem Weltmarkt. Bis auf eine Ausnahme.

Durch  Zufall wurde eine beinahe makellose Kopie von „Metropolis“ in einer Kinemathek in Buenos Aires gefunden. Nach aufwändiger Restaurierung durch die Murnau-Stiftung in Frankfurt, wurde der Film auf der Berlinale 2010, dann mit der Inklusion der ursprünglich fehlenden 27 Minuten, quasi wieder uraufgeführt. Eine Sensation!!

Die komplette Version von “Metropolis” samt Live-Orchester ist ein fester Bestandteil des Babylon-Programms geworden. Am 05.05. habe ich mir vor Ort einen Eindruck gemacht und – ja – es ist ein Augen- und Ohrenschmaus für Stummfilmliebhaber! Das Kino war ausverkauft, die Aufführung dauerte zweieinhalb Stunden aber die Zeit verging wie im Flug.

Dieser Augen- und Ohrenschmaus ging auf das Konto des musikalischen Leiters Hanns Brandner und des Dirigenten Marcelo Falcão aus Brasilien. Dieser hat in zahlreichen prestigeträchtigen Einrichtungen studiert, darunter auch Kunstgeschichte in der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das Orchester

Wie die Pressesprecherin Barbara Löblein auf telefonische Anfrage verlauten ließ, finanziert sich das Orchester, gegründet im Januar 2019 zum Jubiläum des Kinos, selbst aus den Eintrittserlösen. Bis dato sind knapp 30 Konzerte absolviert worden und das hochgesteckte Ziel ist nach den Angaben von Marcelo Falcão 70 Konzerte bis zum Jahresende.

Die Zahl der Musiker variiert zwischen 17 und 20 Mann, je nach den Notwendigkeiten der Aufführung, ließ der künstlerische Leiter Brandner verlauten. Nach der Vorführung am Sonntag, dem 5.5., während die Musiker ihre Instrumente von der Bühne brachten, sprach ich den Dirigenten an. Mit leuchtenden Augen erzählte Marcelo. Seine Begeisterung geht unter die Haut.  Der Mann ist kein Unbekannter in Sachen Stummfilme. Noch im Juli letzten Jahres leitete er ein Orchester in der Metropole São Paulo für die Vorführung eines anderen Filmklassikers: „Nosferatu“ vom Regisseur F. W. Murnau.

Die nächste Aufführung von „Metropolis“ im Kino Babylon ist am Sonntag, dem 12.05., um 18 Uhr mit Originalmusik von Gottfried Huppertz. Das Ticket kostet 25,00 Euro.

Warum Berlin?

2008 kam Marcelo Falcão nach Berlin und lebte hier ca. 9 Jahre sowie eins in Wales. Warum Berlin überhaupt, wollte ich wissen: „Deutschland ist das Land mit den meisten Orchestern weltweit und Berlin eine der wichtigsten Hauptstädte der klassischen Musik in Europa mit Ensemblen, wie die Berliner Philharmoniker, die Staatsoper und die Deutsche Oper. Auf der einen Seite wollte ich außerhalb Brasiliens studieren und auf der anderen diesen Orchestern nahe sein“.

Der Soundtrack von Gottfried Huppertz
Dirigent aus Brasilien: Marcelo Falcao anhand seines Arbeitsinstrument

Woher kommt die Liebe zum deutschen Stummfilm?

Meine erste Begegnung mit dem deutschen Film war 2014 als Dirigent von ‘Sinfonie einer Großstadt’. Ich war fasziniert von diesem Dokumentarfilm und von der Qualität des Soundtracks. Schon zu dem Zeitpunkt bestand die Zusammenarbeit mit Hans Brandner, der heute Manager und Pianist im Orchester ist.

Berlin ist Metropole und Knotenpunkt oder Zwischenstation für Künstler aus aller Welt. Ich wollte wissen, wie die praktische Zusammenarbeit angesichts der verschiedenen Sprachen im täglichen Umgang funktioniert. „Wir haben ein phantastisches Verhältnis“, erzählt der Dirigent und ergänzt „Das Orchester besteht aus Berliner Musikern, die einen ausgezeichneten Lebenslauf bei großen Formationen haben. Größtenteils läuft die Kommunikation auf Deutsch, manchmal hier oder dort ein Witz auf Englisch.“ Es seien mehr als 10 Nationen im Orchester vertreten, antwortete der Dirigent dann aber auf eine schriftliche Anfrage. Die Begegnung nach der Vorstellung war kurz, herzlich und aufschlussreich. Aber im Nachhinein sind andere Fragen aufgetaucht und die Zeit für ein weiteres Interview war nicht gegeben.

Flugzeuge im Bauch?

Wie fühlt sich der von Übersee kommende Dirigent unmittelbar vor Beginn des Konzertes, wollte ich wissen. „Ich würde nicht sagen, dass ich nervös werde, aber es gibt einen Schub Adrenalin kurz bevor ich auf die Bühne gehe. Das fühlt sich an, als würde ich gerade in eine Achterbahn einsteigen. Und DAS gibt mir die notwendige Energie fürs Konzert!

Das Jubiläumsjahr im Kino Babylon beschenkt die ZuschauerInnen mit vielen Angeboten. Ein Highlight jagt das andere, und, wie ich auf telefonische Anfrage bei der Pressesprecherin erfuhr, steht im August noch ein weiterer Genuss: Das Stummfilmfestival. Diesmal mit internationalen Produktionen aus dem Reservoire der Stummfilme und Klassiker, aber das ist noch Zukunftsmusik. Ab jetzt gilt es, den Blick auf das nächste Wochenende zu richten. „Metropolis“ wird wieder aufgeführt. Nix wie hin! Ab durch die Mitte!

Link: Kino Babylon Berlin

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