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Ein Besuch im Reichstagsgebäude

Wer im Moment am Berliner Reichstag vorbei geht, sieht ausnahmsweise mal nicht Touristen, die stundenlang Schlange stehen, um sich die Kuppel anzusehen. Überall Absperrungen und Polizisten mit Maschinengewehren laden nicht gerade zum Verweilen ein. Wer doch einen Blick in die Reichstagskuppel und das Innere des Gebäudes werfen möchte, der sollte sich zu einer Plenarteilnahme, einem Informationsvortrag oder einer Hausführung anmelden – oder eine hinreichend große Gruppe von Personen zusammen bekommen, um an den Angeboten des Besucherdienstes des Deutschen Bundestages teilzunehmen. Es lohnt sich auf jeden Fall!

Nachdem man zwei Sicherheitsschleusen überwunden hat, die erste davon noch bevor man überhaupt das Gebäude betreten hat, ist man dann endlich drin – in unserem Deutschen Bundestag. Unsere Führung war super, sehr informativ. Und ist es schon ein ganz besonderes Gefühl, quasi alleine, nur mit unserer Gruppe, in diesem ehrwürdigen Gebäude zu sein.

Überall ist Kunst zu sehen – durch den Umbau des Stararchitekten Lord Norman Foster ist quasi das ganze Gebäude nun ein einzigartiges Kunstwerk. Der Architekt entkernte das Reichstagsgebäude in den 1990er-Jahren und brachte viel vom „alten“ Gebäude wieder ans Licht. So sind an den Wänden jetzt auch wieder die Beschriftungen der sowjetischen Soldaten zu sehen, die dort während der Besetzung angebracht wurden, und die Einschusslöcher des 2. Weltkriegs. Neben einem echten Beuys vor dem Plenarsaal sind insbesondere das amerikanische Kunstwerk von Jenny Holzer und das französische Kunstwerk von Christian Boltanski beeindruckend. Holzer lässt Leuchtschriftbänder mit Reden von Reichstags- und Bundestagsabgeordneten aus der Zeit von 1871 bis 1992 ablaufen. Die Reden sind zu Themenblöcken zusammengestellt und sollen bis zur Gegenwart fortgeführt werden. Die zur Decke „hinauf schwebenden“ Reden bilden symbolisch einen tragenden Pfeiler des Parlamentes als dem Haus der politischen Rede. Boltanski hat das „Archiv der Deutschen Abgeordneten“ erstellt: ein schmaler klaustrophobischer Gang, der links und rechts mit 5.000 angerosteten Metallkästen flankiert ist, auf denen die Namen derjenigen Abgeordneten zu lesen sind, die von 1919 bis 1999 demokratisch gewählt wurden – so neben unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel auch Adolf Hitler. Interessant ist auch die Installation „Der Bevölkerung“ von Hans Haake. Im Innenhof wurde eine große Fläche angelegt und jedem Abgeordneten steht es frei,  dort Erde aus seinem Wahlkreisen auszustreuen. Es ist ein frei wachsendes Biotop entstanden, eine Webcam dokumentiert heute noch den Fortlauf des Projekts „Der Bevölkerung„. Der Versuch eines Abgeordneten, dort eine Marihuanapflanze aufzuziehen, wurde entdeckt und diese entfernt, ansonsten kann sich das Biotop frei entfalten.

Nach der Kunst, der ein oder anderen historischen Anekdote und interessanten Blicken in das Innere des Gebäudes, ging es vorbei an Check-In-Schaltern der Lufthansa und „uns“ Angies Büro auf die Besuchertribüne des Plenums des Deutschen Bundestages. Vor uns die „fette Henne“, der Bundesadler, dessen Rückseite ein etwas schlankeres Modell von Norman Foster schmückt. Dann zum Abschluss hinauf auf die Kuppel. Diese 23m hohe und 40m breite Konstruktion macht unseren Reichstag zu einem der Besuchermagneten in Berlin. Wie in einem Schneckenhaus geht es auf einer Rampe nach oben, belohnt wird man mit einem weiten Blick über Berlin, der auch in der Nacht nichts von seiner Schönheit einbüßt. Ist man erst mal drin, ist es erlaubt, dort bis 24 Uhr zu verweilen und die Aussicht zu genießen.

About waldnase

Komme aus der Provinz und seit 1999 Berliner! Mich interessiert hauptsächlich Geschichtliches und Kreatives aus der spannendsten Metropole Deutschlands.

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