Orientierungsprobleme in Berlin

Ein uralter Lackmus-Test, mit dem man feststellen konnte, ob sich ein Taxifahrer in Berlin auskennt, war die Zielansage: Fahren Sie mich zum Kurfürstendamm 5. Na, dämmert´s ? Die Hausnummer gibt es nicht, weil der Ku-Damm erst bei Nr. 10 anfängt, was alteingesessene Berliner natürlich wissen. Den Hintergrund zu diesem Kuriosum finden Sie hier.

Ein weiteres Krusiosum, dem  in eben diesem Taschenbuch „Berlins letzte Geheimnisse“ ein eigenes Kapitel gewidmet wird, ist das Hausnummersystem: Mal auf- und abwärts, mal gerade und ungerade auf je einer Seite. Von Insidern das U- und das Z-System genannt.

Aber es gibt noch weitere Besonderheiten, die erst in letzter Zeit geschaffen wurden (nämlich 1993) und eigentlich noch nicht so richtig von den Medien aufgespießt wurden: Die Probleme mit den fünfstelligen Postleitzahlen (= PLZ genannt).

Rückblick

Ganz brav bekam Kreuzberg die 36 in Anlehnung an den alten Bezirk SO 36. Daher also der bekannte Name!

Schon 1941 wurden Sortierbezirke eingeführt, aber richtig bekannt wurde „Vergissmeinnicht – die Postleitzahl“ erst 1962 im Westen, etwas später dann in der DDR. Im geteilten Berlin konnte es deshalb nicht einheitlich sein, Westberlin hatte die PLZ 1000 und weitere 30 Zustellpostämter – ältere Berliner kennen die noch auswendig. Ostberlin hatte ab 1000 gleich von Anfang an durchnumeriert, also z.B. 1199 (daraus wurde die Sendung Elf 99).

Ab 1993: die fünstellige PLZ

Nach der Wende (sagt man so ) musste also was Neues her, um die Buchstaben W und O vor der PLZ zu sparen = denn das O klang zu diskriminierend.

Da hat die Post allerdings das Kind mit dem Bade ausgekippt, denn mit der nunmehr 5stelligen PLZ gab es zwar die 10fachen Möglichkeiten, aber deutlich auf Kosten der Übersichtlichkeit. Wer´s genau wissen will: Es sind ca. 70 % der fünfstelligen PLZs ungenutzt, was man erst merkt, wenn man bei einer nachfragenden Kassiererin eine Phantasie-Postleitzahl eingeben will, um das System zu täuschen.

Dabei waren im alten 4stelligen System noch über 30 % der Möglichkeiten frei, teilweise extra für Ostdeutschland reserviert = alle Zahlen von 0001 bis 1999, alle oberhalb von 8999 und einige Extra-Bereiche im 2000er und 3000er Gebiet. Das hätte eigentlich gereicht! Aber die Post ist Monopolist und macht was sie will. Und sie wollte auch endlich ihre Großkunden mit einer eigenen PLZ beglücken.

Wo ist was im fünfstelligen System?

In Deutschlands größter Flächenstadt haben wir nur noch vier Postleitregionen, das sind die ersten beiden Ziffern. Nämlich 10 – Innenstadt, 12 – Süd, Südost, 13 – Nordberlin und 14 (Achtung: Falle ! Erklärung folgt gleich). Falls Sie sich fragen : Was ist mit der 11 ? Na, die ist für unsere Regierung ! Und die Logik der weiteren drei Ziffern kann sich KeineR merken, weshalb völlig unklar ist, wo sich einer der sieben Berliner Straßen mit den Anfangsziffern 13… befindet : 13159 / 13127 / 13089 / 13187 / 13189 / 13467 / 13507  = Welche z.B. ist in Tegel ? (Lösung folgt unten)

Fatalerweise haben mit Einführung der neuen PLZ viele Geschäfte den Ortsteil in ihrer Adresse weggelassen, was widerum dem Bestseller Postleitzahlverzeichnis ab 1993 zu ungeahnter Auflage verholfen hat.

Aber merken kann man sich die neuen Zahlen trotzdem kaum

Ich empfehle deshalb allen Gewerbetreibenden dringend, wieder einen Ortsteil mit in die Adresse aufzunehmen (nicht die neuen Verwaltungsbezirke – die sind auch schon zu groß). Es gibt doch so wunderschöne Namen wie Heinersdorf, Schöneweide, Müggelheim, Nikolassee usw.usw., die sollte man wiederaufleben lassen.

Tja, wo befindet sich die Adresse ?

Selbst der Kiez um den Bf. Schlachtensee kämpft um die Aufnahme in das Ortsteilregister.

Jetzt zur Falle mit der „Leitregion“ 14

Hier gibt es eine weitere große Verwirrung bei den neuen Postleitzahlen, die selbst einige Betroffene noch nicht mitbekommen haben:

Die Postleitregion 14…  markiert nicht nur den Südwesten Berlins, sondern geht in die Mark Brandenburg bis weit hinter die Havel. So hat der urberliner Zillekiez am Klausener Platz die gleiche Anfangsziffer 14 wie Wusterwitz mit seinen 3000 Einwohnern. Ich gönne es den Wusterwitzern, eine weltstädtische Postleitzahl zu haben, aber ich weiß nicht, wie die Charlottenburger das sehen. Zwischen dem Charlottenburger Horstweg in 14059 und dem Potsdamer in 14482 liegen also satte 25 km, der erste ist in der Innenstadt, der zweite im Umland.

Und logisch ist das überhaupt nicht

Kein Wunder also, dass sich ohne Handy-Navigation kaum noch einer zurechtfindet, und dass im Zweifelsfall eben im Internet bestellt wird, statt einen Laden mit ominöser Lage aufzusuchen.

Selbst WIKIPEDIA hat hier noch Fehler drin

Und nun zur Auflösung des PLZ-Rätsels von oben (7 Berliner Straßen im Norden): 13159 in Blankenfelde / 13127 in Buchholz / 13089 in Heinersdorf / 13187 und 13189 in Pankow / 13467 in Hermsdorf / 13507 in Tegel … es gibt aber noch mehr Berliner Straße. Doch davon ein andermal.

Wie sehen Sie das?

About Wolfkamp

Uralter Urberliner. Taxifahrer, Eisenbieger, Schneeschipper, Student, Wagenwäscher, Bananenverkäufer, Bauleiter, Ausbilder, Dozent, Hilfsarbeiter, Operator, Systemanalytiker, Autor, Stadtführer, SES-Experte, Seniorenfahrer, Berliner Schnauze, usw. usw. Ich glaub´, ich habe nichts vergessen . . . . . .

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3 comments

  1. Na dann – wohne ich halt halb in Brandenburg mit der 14….

  2. Betrifft ja auch nicht Privatiers, lieber Pit, die wollen eh anonym bleiben. Aber kleine Gewerbebetriebe sind schwerer zu verorten, wenn sie den Ortsteil Berlins nicht aufführen. Wenn ich z.B. wissen will, welcher Fahrradladen in meiner Nähe ist, hilft mir das alte Branchenbuch kaum noch. Auch ein Grund, warum Google immer mächtiger wird – auch dank des Smartphones, das wir ja alle so lieben, gell ?!

  3. Danke für den interessanten Artikel! Ich denke es ist durchaus problematisch, dass das System mehr und mehr ausschließlich auf eine Navigation über GPS gestützte Geräte ausgelegt zu seien scheint (und dabei bloß keine einzige Zahl verdrehen, sonst landet man schnell ganz wo anders..).
    Fände durchaus erstrebenswert, wenn es ein Postleitzahlen -und Hausnummern System gäbe, was die Orientierung ohne technische Hilfsmittel erleichtert..

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