Die Berlinale wird 70: Ein Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

Ein runder Geburtstag ist immer ein unausweichlicher Anlass zum reflektieren – was und wie man es hätte besser machen können und um neue Erkenntnisse daraus zugewinnen. Bei einem Mega-Festival wie die Berlinale, immerhin das größte Filmevent in Deutschland bei dem die Hauptstadt Kopf steht, ist es auch nicht anders.

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An einem sehr bewölkten und regnerischen Tag lud die Berlinale zur jährlichen Pressekonferenz ein. Der Platz war der gleiche, ebenso die Bühne, sogar die erprobte Choreographie zum Eingang aller SektionenleiterInnen wurde musikalisch untermauert von dem Berlinale-Song, der immer erklingt, bevor der Film richtig losgeht. Wenn man dann im Kino sitzt und dieser Jingle ertönt, ist Berlinale-Zeit.

Das Führungsduo

Die Holländerin Mariette Rissenbeeck und der Italiener Carlo Chatrian bilden das neue Duo, dass den Anschein macht, das Festival “umkrempeln” zu wollen. Aber gemach gemach! Es ist doch nur der Anfang von einer langen Reise. Begonnen wurde auf deutsch von CEO Frau M .Rissenbeeck mit einer etwas steifen Rede zum Prozedere, dem Organisatorischen und natürlich zum 70. Jubiläumsprogramm. Dafür haben die Programmmacher, auch außerhalb des Kinos, ein abwechslungsreiches Programm konzipiert.

Das Führungsduo im Interview beim ZDF
Das Führungsduo im Interview beim ZDF

Street Food zieht um
Kurz und knapp – das Street-Food Areal zieht ins Sony Center um.

Es lebe die Urania!

Die Sektion Generation (K und K14 Plus) findet diesmal nicht im Haus der Kulturen der Welt statt sondern kehrt zurück in eine alte bekannte Spielstätte. In den 90ern hatte die Urania, am Wittenbergplatz das Kinderfilmfest (wie es damals hieß) fest im Griff. Die Atmosphäre war immer einzigartig.

Was bleibt?

Berlinale Goes Kiez, eine Idee vom ehemaligen Leiter Dieter Kosslick bleibt den Berliner-Kiez-Kino erhalten. Als Unterstützung für die in Berlin so beliebte Kulturpflege des Kiezes, aber auch als Widerstand gegen die Multiplexkinos.

Die Reihe Kulinarisches Kino gibt es nicht mehr. Eine kluge Entscheidung, denn das Programm der letzten Jahre zeigte immer das selbe Format eines geselligen Beisamenseins ohne sich thematisch vertieft mit der Gastronomie der Länder zu beschäftigen. Essen ist allemal politisch und wirtschaftlich. Es reicht nicht nur Mitglieder der Slow-Food-Bewegung bei Wein gepflegtem Ambiente zum Late-Night-Talk zu bitten. Es bedarf viel mehr!

Jährliche Pressekonferenz
Jährliche Pressekonferenz

Encounters

Die neue Reihe ist auch ein Wettbewerb mit einer dreiköpfigen Jury die über die Kategorien, Bester Film, Beste Regie und dem Spezialpreis der Jury entscheidet.

Der “andere” Wettbewerb hat es in sich. In Sachen Vielseitigkeit allemal aber vor allem soll er, laut Chatrian, mutig sein. In der offiziellen Erklärung heißt es wortwörtlich: “Dass die Sektion Encounters sich nicht auf eine lange Geschichte oder Tradition stützt, verschafft ihr ein besondere Maß an Freiheit. In dieser Sektion haben wir uns nur von einer Regel leiten lassen: Die vorrangigen Kriterien sind Mut und die Suche nach einer neuen Sprache”. Die RegisseurInnen kommen aus insgesamt 15 Ländern darunter Argentinien, Brasilien, Frankreich, Kolumbien und  Portugal.

Neue Roupage für den Wettbewerb

Ja, stimmt. Die Ausstrahlungskraft und nicht zuletzt die Hektik eines Dieter Kosslick wurde, für einen Moment, schon schmerzlich vermisst. Aber als der neue Leiter anfing die Filme des Wettbewerbs anzukündigen, wehte eine Brise der Erneuerung durch die große, sonst sehr kühle Halle des Gebäudes der Bundespressekonferenz.

In den letzten 10 Jahren hatte der Wettbewerb eine Kohärenz, eine Linie und ein rundes Konzept teilweise schmerzlich missen lassen und sah aus wie eine Reihe von Filmen, die miteinander keine thematische Linie hatten. Das ändert sich jetzt um 180 Grad. Chatrian ist ein brillanter Kenner der Filmkunst. Seine Differenziertheit wird klar in dem Blog (auf der Webseite des Festivals) in dem er Berlinale-Filme beschreibt, die sein Leben verändert haben.

Es lebe der Wettbewerb!

Der Wettbewerb der Berlinale gewinnt wieder eine eindeutige und minutiös gewebte Kontur. Alte und neue Gesichter werden auf dem roten Teppich des Berlinale Palast defilieren. Obendrauf gibt es drei Filme, die sich mit der Stadt Berlin befassen. Einer davon ist schon jetzt in aller Munde: Berlin Alexanderplatz. Der Roman von Alred Böblin aus dem Jahr 1929 wurde mehrfach verfilmt (unter anderen von Rainer W. Fassbinder in 13 Episoden (1979-80)) und gewinnt nun durch eine Interpretation, die dem Zeitgeist entspricht. Regie führt Burhan Qurbani, der allein schon preisverdächtig sein müsste, weil er einen der vielseitigsten Schauspieler der europäischen Filmkunst wieder auf die Leinwand bringt: Joachim Król. Ob es Absicht sei, dass ganze drei Filme die Stadt Berlin in unterschiedlichen Formen porträtieren, fragte eine Journalistin. Der Berlinale-Chef sagte, es sei ein Zufall und ein Glücksfall.

Apropos Berlin
Einer der bekanntesten Gesichter im Wettbewerb ist der Regisseur Christian Petzold. Dabei hat er auch wieder seine Muse – Nina Hoss – zusammen mit Kollegen Lars Eidinger in der Hauptrolle von “Schwesterlein”. Für die amerikanische Regisseurin Eliza Hittmann wird die Berlinale zwar im weitesten Sinne eine Premiere sein, aber in der amerikanischen Szene des Independent Films ist sie bereits eine feste Größe. Sally Potter, die britische Regisseurin brachte zuletzt das Berlinale Publikum zum laut-lachen mit der sozialkritischen Komödie “The Party” (2017). 2020 kommt sie mit “The Roads Not Taken” mit dem spanischen Schauspieler Javier Barden, in der Hauptrolle.

Die Schatten der Vergangenheit

Am selben Tag als die PK statt fand, veröffentlichte die Hamburger Zeitung “Die Zeit” verblüffende wie erschreckende Erkenntnisse, dass der Gründer und langjährige Leiter der damaligen Internationale Filmfestspiele Berlin, Alfred Bauer, eine große Nummer im Filmapparat der Nationalsozialisten war und mitentscheiden durfte, wer hinter und wer vor der Kamera stehen durfte. Wir erinnern uns: Der Propaganda Minister, Joseph Goebbels, hatte die damalige Filmlandschaft komplett unter sich und durfte alles mitbestimmen: Stoff, Drehbuch und sogar die Statisten.

In dem Artikel (VÖ 29.01.2020) dessen Quellen auf das Bundesarchiv zurückzuführen sind, heißt es: “In einem Gesinnungszeugnis wird Bauer als  eifriger SA-Mann” bezeichnet, dessen politischen Einstellung, “einwandfrei” .

Schnelle Reaktion

Noch am selben Tag reagierte das Festival auf die Veröffentlichung und setzte den Alfred-Bauer-Preis sofort außer Kraft. Dieser Preis wurde verliehen an Werke, die  Neue Perspektiven der Filmkunst wagten und diese erprobten.

Die nächste Ausgabe (20.02.-01.03), näher am Frühling als sonst, darf als Probe für das neue Führungsduo bewertet werden. Allemal erfreulich ist das Wiederauferstehen des Wettbewerbes, der jetzt wieder diesen Namen verdient und die Änderung, dass die Berlinale schlanker geworden ist. Es gibt 60 Filme weniger als sonst. Damit geht die neue Leitung auf eine länger andauernde Kritik ein – von FilmemacherInnen, Filmkritiker und Experten, dass die Berlinale, im Laufe der Jahre unter Kosslick, zu übergroß und zu unübersichtlich geworden war.

Auch wenn der Auftritt vom neuen Führungsduo auf der Pressekonferenz noch nicht richtig schlüssig war, es gibt starke Indizien, dass bei der 70. jährigen Ausgabe, Filme es sein werden, die uns verführen in die hohe Kunst des Filmschaffens. Und der “kleine” Wettbewerb “Encounters” verspricht schon jetzt eine bewegende, aufschlussreiche Reise mit RegisseurInnen, die das Kino der Zukunft prägen werden.

Und wer sich für die Karten anstellen möchte, da bleiben die Potsdamer Platz Arkaden der Ort für Kinoverrückte, die nicht scheuen, dort mit der Matratze und Proviant aufzutauchen um zu campieren. Alles für eine Karte zum ausgesuchten Film.  Berlin steht Kopf.

Es geht los!

Link: berlinale.de

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About Fatima Lacerda

Kultur, Fußball, Musik sind meine Leidenschaften. Reiseberichte sind ein Genuss!

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One comment

  1. Christopher Seidel

    Super geschriebener Artikel :-). Eine sehr gute Aufstellung. In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen 🙂

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