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Musikfestival an der Ostseeküste hält das Werk von Frank Zappa lebendig

Es ist Sommer und der Blog geht auf Reise. Eine dieser Reisen fand im Juli statt und war dem bekanntesten Bart der Musikgeschichte gewidmet: Frank Zappa (1940–1993). Das Musikfestival Zappanale vereint Fans, was sage ich, Pilger sind es (!) in einer Stadt an der Ostseeküste. Dieses Jahr feierte das Woodstock des Ostens sein 30-jähriges Jubiläum.

Angefangen hatte es noch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR am 3. und 4. August 1990, damals mit 50 Zuschauern, durch die Initiative des Fernsehtechnikers Wolfhard Kunz. Durch die Gründung des Vereins „Arf Society e.V.“ wurden die bürokratischen Hürden gesenkt. Seit 1993 ist der Verein der Veranstalter, der Bad Doberan rockt, eine Stadt im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern, auch über die Landesgrenzen für zahlreiche Alleen bekannt.

Ortseingang
Ortseingang

Zu den Ortsteilen gehören Heiligendamm (das erste Seebad Europas, gegründet 1793) und Kühlungsborn West und Ost. Diese Ortschaften sind verbunden durch die Lokomotive „Molli“. Das Portfolio dieses bezaubernden Stückchens Deutschland besteht aus einer ausgedehnten und teils steilen Küste, aus Wäldern, durch die man stundenlang Fahrrad fahren kann, aus einem Leuchtturm aus dem Jahr 1876 in Bastdorf, aus exzellenter Luft (allemal, wenn man aus Berlin kommt) und den Vorteilen einer Kleinstadt. Das ganze Jahr über ist Bad Doberan ein begehrtes und prestigereiches Reiseziel. Früher haben die Blaublütigen, die Hohenzollern, ihren Sommerurlaub dort verbracht.

Im Jahr 2007, als in Heiligendamm der G7-Gipfel stattfand, und als Producerin eines Fernsehteams habe ich diesen Ort kennen und lieben gelernt. Es klingt banal, aber ja, es war Liebe auf den ersten Blick. Sofort wusste ich: Ich werde nochmal hierher kommen, zum Urlaub. Ganze drei Male war ich dort und habe die Vorzüge dieser Gegend genießen können. Aber im Hinterkopf war die immer größer werdende, kaum stillbare Neugierde, diese Stadt während des Festivals Zappanale zu erleben. 2019 sollte es soweit sein. 2019 ist ohnehin ein gutes Jahr, um Träume zu verwirklichen.

Schon bei der Ankunft war eine elektrisierende Stimmung in der Luft in der sonst sehr ruhigen Stadt. Die aus Bronze bestehende Skulptur zu Ehren von Zappa steht direkt im Ort, strategisch platziert, als wäre Zappa der Botschafter von Bad Doberan. Während des Festivals steht auch an der Stadtein- und -ausfahrt ein Schild „Bad Doberan – Zappa Town“ und während der einen Woche mit vielen Gratisveranstaltungen fieberte die Stadt mit.

Der Verein Arf Society e.V. ist der Veranstalter und organisiert alles. Aus guter Quelle weiß ich, dass die Bandankündigung aus der Webseite recht kurzfristig erfolgt, weil die Verhandlungen mit den Musikern vielen Faktoren unterworfen sind, die viiiiiel Flexibilität erfordern. Wer zur Zappanale kommt, ist nicht in erster Linie wegen der Gage dort, aber um Teil eines jährlichen Rituals um das Werk eines Sängers, Komponisten, Workaholics und Provokateurs zu sein. Beim Publikum wird auch das Leben, der Geist von Zappa zelebriert. Selten habe ich ein Festival in so herzlicher, entspannter und gleichzeitig elektrisierender, dauerbegeisterten Atmosphäre erlebt.

Die Ankunft

Beim Spazierenfahren in Richtung Trabrennbahn sah ich schon unzählige Zelte auf dem Gelände und auf dem Nachbargrundstück. Camping ist neben Wohnen die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen. Das passt. Sich direkt vorm Gelände niederlassen, mit Freunden und in Begleitung von allem, was zu einem Festival gehört. Neben den Autos oder Wohnwagen lagen Wasser- und Bierkisten, Bücher über Zappa, und sogar eine Stereoanlage mit Schallplatten wurde in großer logistischer Unternehmung mitgebracht. An den Zäunen lagen Jeanshosen, Handtücher, T-Shirts. Die Stadt war voller Zappa-Fans, erkennbar, wenn nicht an den T-Shirts, dann an den Bändchen, die man zum Zugang bekam. Um Betrugsfällen vorzubeugen, musste man beim Überreichen des Bändchens den Arm ausstrecken und auf den Boden einer Bindemaschine legen, um den Clip, welcher das Bändchen bindet, festzuknacken.

Direkt am Eingang stand ein großes Waschbecken und eine großzügige Anlage zum Händewaschen aber auch zum Trinken.

In diesem Trubel auf dem Gelände traf man Künstler aus aller Welt, Autogramme wurden einfach so spontan und ohne Security gegeben, Selfies wurden gemacht. Der Frontmann der Big Band „Ed Palermo“ aus New York konnte sein Glück gar nicht fassen: so weit weg von daheim so viel Anerkennung im direkten Kontakt mit den Fans, die von überallher kamen: Aus Holland, auffällig viele aus Schweden (wie ich im Frühstücksraum des Hotels feststellte), Dänemark, Portugal, Spanien. Wie den Autokennzeichen zu entnehmen war, waren viele Berliner dabei. Bei Zappa, und das war für mich eine Überraschung, ist das Zugehörigkeitsgefühl noch ausgeprägter als bei den Rolling Stones. Ich weiß, viele werden mich hassen für diesen Vergleich, aber nun …

Die Zappanale ist im besten Sinne ein Familienfest, bei dem die geographische Zugehörigkeit überhaupt keine Rolle spielt. Man ist vereint in der Begeisterung, das Werk aber auch das Lebensgefühl von Zappa, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde, zu zelebrieren und lebendig zu halten.

Ein Fest der Begegnungen

Ganz im Sinne von Zappa wird das Event über die Bühne gebracht.

Selbst die Security war stets freundlich, hilfsbereit, kommunikativ. Ob die Ticketfrauen im Container am Eingang der Trabrennbahn oder das Team der Einlasskontrolle, das meine Schokolinsen liebevoll aufbewahrte (es durften keine Lebensmittel hineingebracht werden, nicht einmal Kekse!), oder der Tontechniker, der der Bitte des Frontsängers der Big Band aus New York nach einem Bier (oder, wie Zappa zu sagen pflegte, „Das coole Getränk“), prompt nachkam, oder das internationale Team beim Catering in der Backstage für Künstler und Crew, alle zogen an einem Strang, um ein Festival der Liebe durchzuführen. Auf dem Gelände gab es sogar Biobier (!) von der Störtebeker Braumanufaktur GmbH aus Stralsund, die zum ersten Mal als Sponsor fungierte.

Bandleader Ed aus New York mit Don Preston ex-Mitglied der legendären Zappa-Band “The Mothers of Invention”.

Hier saßen Zappalegenden mit Sterblichen zusammen und erzählten Anekdoten aus der Guten Alten Zeit. Wie Zappa privat war, wollte ich wissen vom ehemaligen Gitarristen Ron Preston. Zunächst in leiser Stimme erzählte er, dass Zappa seine Musiker tage- und wochenlang proben ließ, bis zur Erschöpfung. Er erzählte auch über die Höhen und Tiefen der langjährigen Beziehung der beiden in der legendären Band „The Mothers of Invention“. Danach entwickelte sich zwischen dem Ehepaar Preston, mir und dem Photographen eine rege und sehr lange Unterhaltung. Begegnungen dieser Art vergisst ein Festivalbesucher nie.

Tracy, die sympathische und kommunikative Ehefrau des Veranstalters, die beste Visitenkarte des Festivals, erzählte am Telefon über Disharmonien mit Gail Zappa, die Gattin des Meisters, über diverse Gerichtsprozesse, lange Zeit der Ungewissheit und über einen Zeitgenossen aus der Doberaner Umgebung, der wegen Ruhestörung vor Gericht gezogen sei. Spielverderber gibt es wirklich überall. Hier könnte die Ironie könnte nicht großer sein, denn das Festival findet dort statt, wo außer Radfahrern, Joggern und Fußgängern keiner ist.

Und wenn es wirklich um Lärm ginge, dann müsste der Olle eher die Betreiber der Molli Bahn GmbH verklagen. Auf einer seltenen Spur von 900 mm (die sonst nur bei den Industriebahnen verwendet wird) macht sie sich, wo immer sie entlang fährt, bemerkbar durch das nostalgische Gebimmel und den grospurigen schwarzen Rauch. Das hat es in sich! Für Lokomotiv-Liebhaber (klein wie groß) ein Genuss der Superlative!!!

Zappa als Wegweiser auf dem Festivalgelände

Als Frau Zappa zu Ohren bekam, dass man in Germany ein Zappa-Festival organisierte, ließ sie ihre Anwälte horrende Summen fordern. Es folgten Jahre der Ungewissheit, ob der Verein das Festival überhaupt Zappanale nennen durfte. Nun ist aber alles Schnee von gestern.

Neben dem Trubel auf dem Festivalgelände gab es auch eine Ausstellung über das Schaffen (in From von Noten) von Zappa. Unzählige Plakate von Konzerten in Deutschland und anderswo, aber auch eine rote Couch und ein Holzsessel ganz nach Zappa-Art (siehe Photo), wurden in der „Garage“ auf dem Kulturhof, am Markt 3, mitten im Ort, ausgestellt. Dort pilgerten die Zappa-Aficonados besonderes zahlreich am Samstag, dem 20. Ein reges Kommen und Gehen und zwischendurch ein nettes Plaudern mit Künstlern, die vor den Türen ihrer Unterkünfte, mit dem Publikum interagierten.

Die Ausstellung, die am 17.07. eröffnet wurde, bot an jedem Tag des Festivals, zur Performance, etwas, je nach Façon und musikalischer Prägung. Am Samstag stand die Band „Zement“ auf dem Programm.

Die sommerliche Hitze an jenem Wochenende lud Wasserratten eher zum Meer ein, wäre die Stadt nicht gänzlich im Zappa-Fieber. Die „Garage“, Treffpunkt für soziale Zwecke und lokale Musiker, war vom Unwetter am 31.07., bei dem viele Keller in Bad Doberan vollgelaufen waren, ebenfalls betroffen und mehrere Zappa-Exponate standen unter Wasser, hörten wir aus dem Produktionsbüro im Telefonat am 05.08. Die FestivalmacherInnen sind in diesen Tagen dabei, den Schaden an der bemerkenswerten Sammlung zu begrenzen.

Zu den Highlights

Frankreich, USA und die Ukraine schickten die Topbands aus Sicht der Autorin.

Bevor man zur großen Bühne gelangen konnte, passierte man Stände für Meditation oder die vegetarisches Essen im Angebot hatten oder aber etwas Ausgefallenes: einen Stand voller Möbel, angelehnt an Zappa, sowie eine Puppe, gekleidet thematisch konform und platziert neben einem Bierstand, der aus gutem Grund viele Blicke auf sich zog und zweideutige Kommentare provozierte.

Am Samstagnachmittag, bevor das ganz große Gewitter kam und das Gelände zeitweise geräumt werden musste, begeisterte eine Band aus Frankreich und rockte die Hauptbühne mit einer Mischung aus Soul, Funk, vielen Bläsern und viel Pop-Kitsch, untermauert durch die Bühnenpräsenz des wunderbaren Sängers.

Den zweiten Teil gab es am nächsten Tag, am Sonntagnachmittag, natürlich kostenlos für Kartenbesitzer des vorherigen Tages. Dank des Gewitters also Doppelgenuss für die Fans.

New York, New York

Ed Palermo, der Frontmann von der Big Band aus New York

Vorgesehen und heiß erwartet war die 18-köpfige Big Band aus New York. „Ed Palermo“ heißt die Formation unter ihrem Maestro Ed. Seine überragende Bühnenpräsenz samt wildem Gestikulieren bezauberte die Zuschauer, die trotz Regens vor und während dem Konzert nicht lockergelassen hatten und standhaft blieben.Die kleine Schwester von Zappa, Patrice Zappa-Porter alias „Candy“, mit der Ed in enger Freundschaft verbunden ist, war der Special Guest der Band. Ed war ganz aus dem Häuschen, in der kleinen Stadt in Germany so ein begeisterungsfähiges Publikum vorzufinden.

Sein musikalischer Leiter, der Gitarrist Bruce McDaniel, wohnhaft in New Orleans, wie ich im Backstagegespräch erfuhr, bildet mit Ed das perfekte Duo, um die Musiker zu führen, zu begeistern und zu musikalischer Höchstform zu bringen.

Zum Schluss, am Sonntagabend, stieg die Band „Shon“ aus der Ukraine auf die Bühne. Die kleine Formation aus fünf Mann schaffte Elemente aus Zappas Musik auf Ukrainisch mit einer Prise Anarchie zu vereinen. Es fehlte nur die Balalaika! Die Musiker waren gleichzeitig Entertainer. Der einheitliche schwarze Hut diente als Markenzeichen der Jungs, die während des Konzertes mit den Fans für die Photographen posierten.

Der Sound war absolut perfekt für den Rausschmiss in der Nacht zum Montag, bei glasklarem Himmel und einem Meer von Sternen. Das Publikum war in einer Mischung aus Ekstase und Nostalgie bei den temperamentvollen Klängen samt Musik-Collage bestehend aus Zappa-Ansagen, die in das Repertoire mit eingebaut wurde. Der Wiedererkennungseffekt sorgte für eine elektrisierende Stimmung.

Abschlussband aus der Ukraine

Nach dem Ende der insgesamt drei Zugaben war es vorbei auf dem Gelände. Aber die Camper haben am Montag danach noch Präsenz gezeigt. Bei einer so attraktiven Gegend kann man das Festival mit einem kurzen Urlaub verbinden.

Die Gegend um Bad Doberan ist ohnehin ein Schmaus für Naturliebhaber, Geschichtsinteressierte und Liebhaber von kleinen Städten, aber das Musikfestival Zappanale, zu Ehren des großen Meisters, machte das Paket perfekt.

Ein großes Dankeschön geht an die Photographen B. Hentschel und C. Könneke, die ihre Photos für diesen Artikel, zur Verfügung gestellt haben.

Link: Zappanale

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