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Gedicht: „Der schöne Ferrari!“

Wer hätte nicht schon gerne einen Ferrari? Aber was passiert wenn eine Geldsammeldose von einem Obdachlosen auf einen Ferrari trifft? Dies und mehr erzählt uns der Dichter Veit Pakulla im heutigen Gedicht, viel Spaß dabei sowie ein bisschen Tiefsinn beim Lesen!

Der schöne Ferrari!

»Scheißtag!« flucht ein Obdachloser aus sich raus,

innerlich die Frage, was der wohl noch bringt,

so ’n Scheißtag! Die Passanten weichen ja nur aus,

wo die Geldsammeldose ungeheuer leer klingt!

Die Decke zusammenrafft der Gute heute erbost,

wenig gebracht das Betteln, das traurig nette;

auf macht er sich, zu seinen Kumpels, auf’n Prost.

Zu begehbarem Gehweg wird die Bettelstätte.

’ne Pulle Alk eingekippt, vorm Getränkediscounter,

erblickt er aus Frust bloß Mittelschicht zuhauf.

»Gibt’s auf’m Parkplatz was zu gaffen!« posaunt er.

»Auf irgend’n flaches Auto glotzen die drauf!«

Wie man die Leute jetzt erst richtig staunen sieht,

als vor ihnen einer auftaucht, der Obdachlose,

extrem nahe an dem knallroten Ferrari vorbeizieht

und es knirscht, im Lack, die Geldsammeldose.

Ein paar grinsen, die allermeisten gucken verdattert

den Kratzer, den Obdachlosen, den Kratzer an.

Hintenher ein Einkaufswagen klimpert und rattert,

geschoben von einem Millionär, der bald kann

nicht ein Stück weiter schieben, muss bleiben stehen.

Der Übeltäter ängstlich die Atmosphäre spürt,

in der die Leute besser schon mal weiter weg gehen;

rennen will er nur, aber vor Zittern sich nix rührt.

Es springt der Millionär aus seinem starren Einhalt,

den Einkaufswagen beiseite schleudernd. Klirr,

draus schäumt ein Karton Champagner auf Asphalt.

»Wer hat meinen Ferrari zerkratzt welcher Irr’?!«

Auf den Obdachlosen zeigen einige Anwesende flugs.

»Was hast du getan! Du wahnsinniger Asozialer!«

Der schluckende Angeschriene äußert einen Glucks.

»Das ist ein Ferrari für ganze 700 000 Europataler!«

Wohnblöcke weit reicht nun des Millionärs Geschrei.

»Sie sollten sich schleunigst wieder einpegeln!«

brüllt eine Frau, äußerst selbstsicher, von der Polizei.

»Das können wir doch wie Menschen regeln!«

»Meinen Ferrari hat der zerkratzt! Da! Sehen Sie?!«

»Oha«, sagt die Polizistin, beäugend den Kratzer,

»aber dass der Arme das war, glaub’ ich Ihnen nie.«

Da rufen Leute über den Parkplatz: »Doch, er!«

Die Polizistin fragt: »Warst du es? Das bezeugen alle«,

den Obdachlosen, kennt ihn von der Streife her.

»Was ist passiert? Warum hast du das getan? Kalle.«

»Scheiße, Scheißtag, meine Dose is’ scheißleer,

wollt’ was zum Saufen mir hier kaufen und, und wollt’

denn zur Parkbank, sehen gehen meine Kumpels;

gleich war jetz’ was, was ich gemacht haben gesollt,

’s macht ’ne Scheißangst, am Herz’ rumpelt’s.«

Der Millionär noch mal über die Kratzerstelle wischt,

von der Polizistin gefragt: »Geht er wegzumachen?«

»Geht nicht, verflixter Mist, erstatte Anzeige« zischt.

»Ein so Reicher wird doch können drüber lachen?«

in der schaulustig’ Menschenmenge vorsichtig wispert.

Der obdachlose Kalle, unsicherste Freiheit sein Los,

und in der engen knisternden Situation der, der knistert,

stottert: »Herr Mi’onär! 2 Euro! Da drin in der Dos’!«

Zwei Jahre sind vergangen, als nun der Richter spricht:

»Rein formal, mutwillige Sachbeschädigung, soweit.

Weswegen muss so ein Fall kommen vor mein Gericht?

Ach könnte ich ihn fallen lassen aus Geringfügigkeit.«

Sofort lehnt sich aus der Anklage der Millionärsanwalt.

»Ein Speziallackschaden im Wert eines Kleinwagens!«

Des Obdachlosen Pflichtverteidiger sucht nach Anhalt,

da die Unzurechnungsfähigkeit leider fehlgeschlagen ist.

Sich beraten, räuspert der Richter sich, um zu richten:

»Werte Anwälte, der wohlhabende Ihrer Mandanten

muss auf die 6000 Euro Schadenersatz leider verzichten,

die beim Armen weder beim Steuerzahler vorhanden.

Der sozial schwache Schädiger des Privateigentums hat

20 Tagessätze zu je 2 Euro zu zahlen oder ersatzweise

ins Gefängnis zu gehen. Das Geld bekäme unsere Stadt.

So lautet das Urteil, im Namen des Volkes.«

Halbwegs zufrieden vernimmt hoch über einer Wolk’ es

Vater der Herr, findet Gerechtigkeit oft nicht leicht.

Und mit diesem komplizierten, differenzierenden Recht

haben die Kinder unter sich schon ein wenig erreicht.

Ja was zischt und schweift dort durch die Stratosphäre?

Das kann wahrlich nur kommen von Mutter Natur,

kommt dem Glauben an Gerechtigkeit hier in die Quere,

ein Meteorit, klein, aber mit arg langer Qualmspur.

Ein Villenviertel erbebt, klappert mit den Dachziegeln,

wieder still im Nu. Draus auf steigt eine Rauchsäule.

Villenbewohner panisch ihre Eingangsportale entriegeln,

schauen noch in den Türen etwa wie vor einer Keule

auf ein pechschwarzes, sehr großes Loch im Straßenrand,

an dem, unfassbar, zwei knallrote Autotüren glimmen.

Einem Rest von Heck lichterloh entflammt ein Motorbrand.

Im vorderen Trümmerteil glüht Kofferraum, von innen.

Alle anderen indes nur noch verblüfft, bleibt einer entsetzt.

Man hört ihn fürchterlich heulen und brüllen den Mann

jetzt, wie er, eben noch starr gestanden, aus der Villa hetzt;

an die Autoreste, wegen der Hitze, nicht näher ran kann,

zurückkrabbelt, vorprescht, zurück, vor, zurück, vor, zurück,

ein Wahnsinniger mit heftig flinken Armen und Beinen,

der endlich liegen bleibt, nun aber rausschreit sein Unglück:

»Mein Ferrari! Spezialanfertigung! Davon gab es nur einen!«

»Von dem Ferrari gab es nur einen, seinen, wie ich weiß«,

antwortet eine schick designte Nachbarin im 1. Kanal.

»Unheimlich. Womöglich war das ja so etwas wie ein Preis

für die Klage gegen den Obdachlosen, einem Skandal.

Zwar hat der verantwortungslos gehandelt, aber so auch der

liebe Herr Nachbar, den der Lackkratzer billiger kam

als eben der Meteoriteneinschlag. Ein Naturereignis, oder?

Hat doch nichts zu tun mit Gerechtigkeit?«

Autor: Veit Pakulla

 

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2 comments

  1. Das Gedicht „der schöne Ferrari“ von Veit Pakulla ist sehr gut geschrieben. Es zeigt doch, wie wertlos eigentlich materielle Dinge auf dieser Welt sind. Insgeheim denkt man sich beim lesen einen anderen Verlauf der Geschichte. Einen der vielleicht positiver ausgeht. So in etwa wie dass der Ferraribesitzer den Obdachlosen mitnimmt ihm in seiner Villa den Garten pflegen lässt und beide letztlich doch sogar noch Freunde werden. Aber das Gedicht zeigt uns doch eine alltägliche Situation in der Egoismus bestraft wird.

  2. OscarTheFish(p@k)

    Ein Stück Gegenwartslyrik. Kommt viel zu selten und viel zu kurz in dieser Zeit – wie ich finde. Wir leben in einer komischen Zeit, in der viele noch von Freiheit reden, obwohl diese immer mehr beschnitten wird, oft anstandslos. Das geschriebene Wort ist Zeitzeuge, meist unzensiert oder absichtlich verfälscht. Daher hat es mehr Raum im Raum verdient.
    Weitermachen!

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