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Phil Collins im Olympiastadion: ein Gentleman und seine Besessenheit auf der Bühne zu stehen

Um 20:15, als die Sonne noch sehr hoch stand, ging auf der Leinwand ein digitales Erinnerungsalbum auf. Aufnahmen aus über fünf Dekaden von Mr. Collins On the Road. Da gibt es nichts herumzudeuten: Der Mann ist eine lebende Legende und das Olympiastadion an jenem Freitag, dem 07.06. eine der vielen Stationen seiner Welttournee, und das Against All Odds. Mit einer noch nicht ganz auskurierten Rückenoperation und einem nach eigenen Angaben kaputten Fuß („My foot is fucked“, lautete der O-Ton) gab er sich gute zwei Stunden an einem Frühsommerabend die Ehre.

Zu schade, dass viele Konzertbesucher offenbar den Weg ins Stadion unter der Prämisse „Sehen und gesehen werden“ fanden oder vielleicht weil es mehr Spaß macht, literweise Bier zu genießen, wenn Musik im Hintergrund läuft, als wegen der Musik des Allroundtalents. Permanentes Aufstehen einer ganzen Reihe, immer und immer wieder, stört sehr. Im VIP-Bereich hatte man dies gar nicht nötig. Gediegen saß man auf schwarzen, hochwertigen und komfortablen Sesseln wie im eigenen Wohnzimmer, und die Getränke kamen zu ihnen durch Servicekräfte. Die Stimmung dort wechselte zwischen der hektischen Aufnahme von Selfies und Winke-Winke für Freunde, die eben nicht im VIP-Bereich saßen. Wenn schon, denn schon!

Musikalisches Handwerk

Phil Collins vergisst nicht ehemalige Weggefährten und hatte die Band Mike & The Mechanics im Schlepptau. Der Frontman von M&M, Mike Rutherford, war einer der Gründer von „Genesis“. Diese legendäre Progressive-Rock-Band wurde im Jahr 1967 gegründet mit Collins am Schlagzeug (einem der besten in der Geschichte der Popmusik), Mike Rutherford an der Gitarre und Peter Gabriel als Sänger. Nach den Querelen mit dem eigenwilligen und extrovertierten Frontmann Gabriel, der schließlich die Band 1975 verließ, übernahm Collins auch noch den Gesang und bereicherte die Popwelt mit seiner musikalischen Vielseitigkeit und nicht zuletzt mit seinem englischen Humor.

Überschaubare Lichtshow

Aller Anfang ist schwer

Das Erinnerungsalbum auf der Leinwand wurde durchgeblättert und mit afrikanischen Gesängen als Begleitmusik unterlegt. Das Blättern hatte zu lange gedauert und weder eine chronologische Reihenfolge noch überhaupt einen Zusammenhang mit Afrika. Ging es um Paul Simon, zum Beispiel, ergäbe sich der Zusammenhang ganz natürlich. Simon war einer der ersten Popmusiker, die mit afrikanischen und südamerikanischen Gruppen Platten aufnahmen und mit ihnen auf Tour gingen.

Collins plauderte ausgiebig mit dem Publikum und baute damit die Spannung auf das, was kommt, ab. Die Stimmung in der S-Bahn Richtung Stadion reichte von elektrisiert bis überschwänglich. Das zu lange Plaudern und das bisschen Pathos brachten mich dazu, die Schönheit des Berliner Himmels zu bewundern und die Deckenkonstruktion des Stadions in Augenschein zu nehmen. Das ist keine gute Note für den Regisseur des Events.

Bei so vielen Krankheitsszenarien könnte man meinen, seine markante wie unverwechselbare Stimme würde versagen. Um das gleich klarzustellen, begann er mit „Against All Odds“, und ein Seufzer in einer Mischung aus Nostalgie, Überraschung und Erleichterung ging durchs Stadion. Auch wenn er nur zweimal gestanden hatte, dieser Mann ist von seinem Publikum besessen. Ein Song des brasilianischen Sängers Milton Nascimento (demnächst in Berlin zu bewundern) besagt: „Ein Künstler soll immer dahin gehen, wo sein Publikum ist“. So tat und tut es noch immer Mr. Collins, und wie gut, dass er noch lebt!

Gleich zu Anfang, bei einer seiner zu langen Erzählungen aus dem Nähkästchen, berichtete er, was wir ohnehin schon wussten: „Ich gehörte mal einer Band namens Genesis“, wofür er lauten Jubel erntete. Ihr will er repertoiretechnisch diese Zeit widmen. Und überhaupt. Bei dieser Tour, „Noch bin ich nicht tot“, geht es um sein Werk, und er hielt nicht hinterm Berg damit, dass er diesen Abend mit sorgfältig arrangierten Evergreens füllen wollte. Allein schon die vier Bläser sorgten für einen funkartigen Klang seiner Titel. Die vier Backvocal-SängerInnen rundeten die edle musikalische Zusammensetzung ab. Die Tanzeinlage von einer der Backvokals mit einer schrägen Brille, sicherlich bei demselben Optiker gekauft, wo Sir Elton John Stammkunde ist, haben die Berliner mit viel Humor und Applaus quittiert.

Phil Collins kann schon 68 Jahre verzeichnen, aber Keith Richards, der Stones-Gitarrist, wirkt mit 75 fitter auf der Bühne als Collins. Der Stuhl (vom Tagesspiegel als „Der heilige Stuhl“ bezeichnet), auf dem er bis auf zwei Songs und eine rhythmische Exkursion mit seinem Perkussionisten gesessen hatte, schränkte seine Bühnenpräsenz ganz erheblich ein. Oft wirkte er wie ein Musikprofessor, voller Hingabe und Leidenschaft im Umgang mit seinen Lehrlingen, doch eine Bühne des Olympiastadions will ausgiebig und wiederholt ausgebeutet werden. Dazu ist es nicht gekommen.

Seit jenem Abend habe ich mit “Follow You, Follow Me” einen Ohrwurm, egal wohin ich gehe. Auch das ist ein Zeichen, dass etwas ganz Elementares in diesem Konzert fehlte. Es ist zu fürchten, dieser Song wird mich begleiten, bis Mr. Collins sich wieder die Ehre gibt. Siehe auch Bericht im Tagesspiegel.

Im Übrigen war in den Rängen viel Platz, und dass die teuersten Tickets ganz vorne an der Bühne mit Sitzplätzen versehen waren, war ein großer Fehler. Dies tat der Stimmung erheblich Abbruch.

Die Rängen füllen sich

Auch wenn die Interpretation von Genesis-Überklassikern wie „Follow You, Follow Me“ zu den besten Momenten des Konzertes gehörten, insbesondere weil er seinen Kompagnon aus früheren Zeiten an diesem Augenblick teilhaben ließ, war das Gesamtkonzept szenisch sehr spartanisch. Er verzichtete bewusst auf Schnickschnack. Lediglich zum Schluss, bei der Zugabe von „Sussudio“ tauchten überall Konfettis auf.

Olympia Stadion

Zu viel Palaver

Anstatt zu viel aus dem Nähkästchen zu plaudern, wie sein 18-jähriger Sohn Nikolas zum Schlagzeug kam und dass er von seiner gesamten Plattensammlung ein einziges Lied gut findet, und das als Überleitung für die Duo-Performance von Vater und Sohn in der Formation Klavier und Stimme, hätte ich lieber Mr. Collins noch einmal am Schlagzeug gesehen! Das wird nicht mehr gehen. Seit dem Eingriff im April 2009 an der Halswirbelsäule habe er in seinen Fingern “immer noch kein Gefühl“, sagte der 58-Jährige vor Jahren dem “Hamburger Abendblatt“

Das Duett zwischen Nikolas und dem Perkussionisten dauerte 20 Minuten und war einfach zu viel des Guten. Auch eine Vielseitigkeit der Figuren war nicht erkennbar, und so wurde es schnell eintönig. Da kam mir wieder die Schönheit des Berliner Himmels in den Sinn und überhaupt, was man alles die nächsten Tage noch zu erledigen hatte. Als der Frontman zurückkam, schloss er sich dem Duo an und spielte an einem digitalen Cajon, einem klangvollen Kasten, ursprünglich aus Peru aus Zeiten der Sklaverei, und in Europa bekannt durch die Flamenco-Musik von, zum Beispiel, Paco de Lucia. Es ist musikalisch ganz unterschiedlich einsetzbar, je nach kultureller Ausprägung. Aber auch dieses sehr gut gemeinte Trio trug zum Konzert nichts bei. Dass die drei Spaß haben, miteinander Musik zu machen, versteht sich doch von selbst.

Im Gegensatz zum Artikel, erschienen im Berliner Kurier, finden wir: eine Legende kann sehr wohl zerbrechen.

Wer 2010 beim Konzert von Whitney Houston in der (damals) O2 Arena war, kann ein Lied davon singen. Bei Phil Collins ist es nicht halb so schlimm, aber er ist von diversen Krankheiten und nicht zuletzt von einem turbulenten Privatleben gezeichnet. Auch wenn es sich zu platt anhört, man wird nicht jünger. Aber der Meister der Balladen, der Gentleman, trägt es mit Haltung, wie es sich eben für eine Legende gehört. Auch wenn ich jetzt den Advocatus Diaboli mache: Man merkt seine ungebremste Lust aufzutreten, aber die Einschränkungen stellen eine immense Herausforderung dar.

Die Akustik im Olympiastadion, bekanntlich eine Salatschüssel , hat den Ehrengast nicht gebührend empfangen. Es ist und bleibt ein großes Problem und das nächste Konzert kommt bestimmt.

 

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