Buchbesprechung: „Heimweh nach Berlin“ von Lieselotte Hoffmann

Das Buch ist untertitelt mit „Eine Schicksalsgeschichte“ – und genau das ist es auch. Die Autorin Lieselotte Hoffmann, 1939 in Berlin geboren, sagt dazu selbst „Dieses Buch ist ein sehr persönlicher Bericht über mein Leben“ – in und um Berlin in den verschiedenen bewegten Zeiten.

Gestartet wird natürlich ganz am Anfang, mit der Kindheit in Berlin Weißensee als älteste der noch nachfolgenden Geschwister. Der 2. Weltkrieg ist von Anfang an präsent, die Autorin erinnert sich noch lebhaft daran, wie sich oft durch Fliegeralarm nachts aus dem Bett gerissen wurde, um im Luftschutzkeller Zuflucht zu suchen, bis das eigene Heim irgendwann zerbombt wurde und nicht mehr bewohnbar war. Es begann eine wohnungslose und „freudlose Zeit“, auch evakuiert außerhalb Berlins im Sudetenland, ohne Vater, der im Süden Berlins stationiert war und durch einen schweren Unfall vom Fronteinsatz verschont blieb.

Cover Heimweh nach Berlin
Cover Heimweh nach Berlin

Schließlich kam Lieselotte mit ihrer Mutter Käthe bei den Großeltern väterlicherseits in einem kleinen Dörfchen außerhalb Berlins unter, auf beengtem Wohnraum zwar, aber dort ließ sich noch recht unbedarft als Kind spielen – bis die Russen einmarschierten, alles Wertvolle mitgehen ließen und sich an den Frauen vergingen – auch an Lieselottes Mutter. Im Herbst 1945 ging es zurück nach Berlin, mit der inzwischen geborenen Schwester Judith, da man nur am gemeldeten Heimatort Lebensmittelkarten beziehen konnte. Hier wurde die kleine Familie von der Großmutter mütterlicherseits aufgenommen, wie auch andere Verwandtschaft. Die kleine Lieselotte erinnert sich noch gut an die zerstörten Häuser und die Schuttwüsten, an den allgegenwärtigen Hunger, die Möbel, die gegen die Kälte verbrannt wurden. Es gab viel Streit, bei allen lagen die Nerven blank, die einzige gute Nachricht kam vom Roten Kreuz, dass der Vater noch lebte.

Schließlich kam die Mutter an eine eigene kleine Wohnung in Ostberlin und die Zeiten wurden langsam besser, es wurden wieder „Märchen erzählt und Lieder gesungen“ und auch der Vater kam wieder nach Hause, wusste aber nicht mit den Kindern umzugehen. Die schönsten Kindheitserlebnisse hatte Lieselotte weiterhin bei den Großeltern, die inzwischen auch wieder nach Berlin in ihre alte Wohnung zurückgekehrt waren. Im März 1950 wurde Bruder Konny geboren, als Epileptiker ein Pflegefall, um den sich die Mutter stets kümmern musste. Der Vater fühlte sich überfordert, kam immer später und betrunkener nach Hause und konnte mit diesem „Makel“ nicht so recht umgehen. Es folgten mit Susi und Christina noch zwei weitere Kinder, jetzt waren es 5 Geschwister, bis der Sohn an einer Lungenentzündung starb.

Das Geld war immer knapp und mit dem wertlosen Ostgeld ließ sich in Westberlin eh kaum etwas kaufen. Lieselotte träumte von modischer Kleidung und Schuhen, stritten die Schwestern doch stets, wer welche Kleidung anziehen durfte.

1959 lernte die Autorin ihren zukünftigen Ehemann Günter kennen, einen Wiener, der in Westberlin arbeitete. Nach der Heirat zogen beide in ein winziges Zimmer in Schwerin. Dann kam die Grenzschließung, zu der Günter gerade in Wien bei seinen Eltern war. Die Autorin versuchte es erst über einen österreichischen Paß, stellte dann mehrmals Ausreiseanträge – vergebens. Beide rückten so lediglich in die Aufmerksamkeit der inländischen Geheimdienste und die Stasi verängstigte Lieselotte sehr.

In der Zwischenzeit lernte Lieselotte 1963 in Schwerin Heino kennen und wurde bald schwanger, sie ließ sich von Günter scheiden und Sohn Frank wurde geboren. Es dauerte seine Zeit, bis beide eine gemeinsame Wohnung beziehen konnten. Es folgte Tochter Franziska und der zweite Sohn Michael. Die Autorin machte ein Fernstudium zur Kindergärtnerin und so erhielt sie auch 1970 endlich Krippenplätze für die Kinder. Ihre Schwestern und deren Kinder kamen sie gerne in Schwerin besuchen, die Familienurlaube führten nach Budapest, nach Rumänien und ans Schwarze Meer.

Auch als die Kinder schließlich erwachsen waren, lebten sie zunächst weiterhin gemeinsam in der kleinen Wohnung, Wohnraum war knapp. Später gelang es den Kindern aus der DDR zu fliehen. Nach dem Mauerfall beschäftigten sie sich „mit der schönen neuen Warenwelt“, „Mein Mann (…) schleppte alles dick und fett machende Leckereien ins Haus, die er finden konnte.“ und es ging ihnen finanziell gut wie nie zuvor. Dann verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen und Lieselotte und ihr Mann wurden bald „ausgesondert“ sprich entlassen. Ihr Mann verkraftete die neue Situation nicht, wurde depressiv und nahm sich das Leben. Die Autorin entschloss sich schließlich zu ihren Kindern nach Hamburg zu ziehen und ist inzwischen nach der ganzen durchlebten schweren Zeit wie sie schreibt „wunschlos glücklich“.

Die über 80jährige Geschichte von Lieselotte Hoffmann ist gut und authentisch geschrieben. Die Autorin nimmt uns mit durch eine Reise quer durch den Krieg in Berlin, durch die Nachkriegszeit und den Wiederaufbau, das harte Leben. Sie beschreibt anschaulich die Unterschiede in Ost- und Westberlin, zunächst aus der Teenagerperspektive – Kino und Einkaufsmöglichkeiten – später als Erwachsene. Lieselotte hat unter der Teilung von Ost- und Westberlin unmittelbar zu leiden, wurde sie doch aus Berlin verwiesen und musste ihre Eltern in Ostberlin zurücklassen. Wohnungsnot, beschränkte Verdienstmöglichkeiten, SED und Stasi bestimmten ihren Erwachsenen- und Familienalltag. Die Wende krempelt ihr Leben noch mal so richtig um, auch hier mit Licht- und Schattenseiten.

Ein Zitat aus dem Buch ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben: „Die dumme Menschheit hat ständig furchtbare Kriege geführt und führt sie weiterhin“. Dem ist wohl nichts hinzu zu fügen…

Das Buch ist erschienen im Eigenverlag, 225 Seiten, 9,90 EUR. (ISBN-13: 979-8570447882, Amazonlink: Heimweh nach Berlin)

About sunnykat

War 4 Jahre lang "Berliner" - im Moment hat es mich ins Rheinland verschlagen. Aber mein Herz geht immer noch auf, wenn ich nach Berlin komme! :-)

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