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Elton John in Berlin: kraftvoll, schrill, nachdenklich und brillant

Regen in Berlin ist selten. Dauerregen – noch dazu mit wenigen Unterbrechungen – und einer der sich über eine gesamte Woche hinzieht, bei dessen Menge einen Zeitraum von 3 Monaten braucht um das Wasservolumen los zu werden, hat Seltenheitswert. Dies geschah am 07.07., am selben Tag als Sir Elton John in der Stadt war.

Dramatisch wie unvergesslich kann ein solch verrückter Tag sein, begonnen mit der Anfahrt von Kreuzberg nach Friedrichshain, zur Mercedes Benz Arena. Umrahmt von Gewitter, Donner, ein paar Tropfen kurz vor 18 Uhr und dann kurz nach halb sieben wurden alle Wassereimer über Berlin ausgeschüttelt.

Auf der Bühe sollte eine Vorband um 18:55 Uhr auftreten und um 19:30 Uhr dann der exotische Mann mit den knallroten Brillen folgen. Ich war schon lange nicht mehr in der Arena. Der gesamte Bau – der sonst wuchtigen Erscheinung –  welches man schon von außen erkennen konnte, war komplett versteckt. Ein Gewusel drumherum inkl. aus dem Regen und Gewitter geflüchteten Konzertbesuchern, welche zu den Eingängen eilten.

Ob die Arena den Zusatznamen O2 oder Mercedes Benz trägt, wie man dies dreht und wendet: Sie ist und bleibt die kälteste und sterilste Allzweckhalle für Megaevents in Berlin. Manche Künstler wie Tina Turner bei ihrem legendären Konzert im Jahr 2006 oder Rod Stewart können diese Kälte kleinkriegen oder sie gar verschwinden lassen. Aber das ist die Ausnahme. Oft dauert es zu lange, bis in der Arena bis das Publikum „in die Gänge kommt,“ damit die Stimmung spürbar wird. Es kann dauern und bei Elton John, war es auch so.

70 und kein bisschen leise

Das runde Jubiläum wurde erst in März mit einer (wie könnte es anders sein?) extravaganten Party gebührend gefeiert. Die Tour „Wonderful Cray Night Tour“ soll das Jahr vergolden. In Deutschland konnten die Mannheimer, am 05.07. und die Berliner am 07.07.2017 weiterfeiern. Die Hamburger sollten am 08. in der Barclays Arena in den Genuss kommen, aber Weltpolitik geht vor.

Wegen der G20 haben die Ortsveranstalter keine Landegenehmigung für das Flugzeug mit Elton John und seine Crew bekommen. Die Hanseaten wurden auf den 05.12. vertröstet worden, in einer Zeit, die weniger Flair inne hat. Die Justierung der neuen Weltordnung mit 19 Staatchefes samt die EU geht – natürlich – vor, so etwas Mondänes wie ein Elton John Konzert steht hinten dran.

Geboren im März 1947 im Middelsex (Großraum London) als Reginald Kenneth Dwight, Elton Hercules John wurde 1998 von der britischen Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen und darf, seit dem, den Titel Sir vor seinem Namen tragen. Sir Elton John hat schon über 450 Millionen Platten verkauft. Später im Konzert wird er authentisch wie bodenständig sagen: „Ich mache gerne Musikplatten aber was ich wirklich mag ist zu den Leuten zu gehen und für sie zu spielen“ . Abgerundet wurde die Ansage mit einem großen Dankeschön an das Deutsche und Berliner Publikum für „all diese Jahre“.

Berlin kann keinen Großflughafen in den Betrieb zwar nehmen, aber nach heftigen Gewitter und Endlos-Regen sondergleichen wird das Konzert mit gerade mal 6 Minuten später als angekündigt begonnen. Dass die spät kommenden die Atmosphäre in den Rängen und Fluren immer wieder störten, musste man in als Konzertbesucher in der Arena einfach in Kauf nehmen.

Mit voller Wucht betritt Sir Elton John um 19:36 Uhr die Bühne. Er trägt eine von Pailletten versehene Lila Tunika. Darunter ein Hemd mit einer Mischung aus Rot und knallig Pink. Bevor er sich an das schwarze Klavier der Marke Yamaha begab, dreht er sich zum Publikum auf der rechten Seite der Bühne, beugt sich vor, hebt die Arme als wolle er die Botschaft unterbringen: Leute, hier ist eine ganz große Nummer. Aber das Berliner Volk ist, sagen wir, zu bodenständig, um die Botschaft anzunehmen und die Reverenz in Form von einem riesigen kraftvollen Applaus zu erwidern.

Beim Montreux Jazz Festival am Rande des Genfer Sees in der Schweiz, brauchte der Meister des Blues B.B. King gleich am Anfang des Konzerts nur ein einziges Mal beide Hände auszubreiten und jeweils hinters Ohr zu legen mit der Vorwand „Ich kann Euch nicht hören“ aber im Grunde, wollte er wissen „Wo bleibt die Begrüßung“ und das Publikum brachte den Hauptsaal zum Beben.

Ein Sir lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beeindrucken. Mit seinen – nicht – zum Rest der Klamotten passenden roten Schuhen, begibt er sich zum Klavier und legt sofort los mit „The Bitch Is Back“ von 1974. Auf der Großleinwand eine simple optische Show. Elton John wurde begleitet von einem Quintett. Der Schlagzeuger, Nigel Olsson, werden wir vom Sir später bei der Bandvorstellung hören, ist seit Anfang an dabei. Der einzige in der Truppe, der noch die wilden Jahren – als Elton John noch die High-Heels-Stiefel bevorzugte – kennt.

Ein Artikel veröffentlicht im Berliner Tagesspiegel wurde betitelt: „E.J ist sein eigener Jukebox“. Sicher bestand die Set List zum großen Teil aus den Dauer-Hits und Evergreens, die den Soundtrack des Lebens mehrerer Generationen ausmachen. Aber auch zwei Songs wurden, strategisch-programmatisch- hintereinander gespielt.  „Looking Up“ und die Ballade „A Good Heart“, die nach Johns Angaben einer seiner liebsten Songs aus dem 32. Album „Wonderful Crazy Night“, das Anfang 2016 veröffentlicht wurde.

Ein Höhepunkt gleich zu Anfang

„Benny & the Jets“, kam als zweites Stück und bot gleich das erste Highlight für ein Konzert, welches schon zu Anfang ein blitzschnelles Tempo und überraschende Dynamic bot. Zwischen den Akkorden, der Knochenmark des Stückes aus dem Jahr 1974, stand er auf, schaute aufs Publikum als würde er immer wieder aufs Neue mahnen wollen: „Leute, dieses hier ist ein Hammeraugenblick. Lebe es!“. Viele der Zuschauer waren damit beschäftigt, Nachschub vom Vitamin B I E & R, das Lebenselixier der Deutschen, von draußen zu holen.

Für die Musik selbst und für den britischen Star, der es mit allen schon musikalisch getrieben hatte und alles im Musikolymp schon erreichte hatte, was überhaupt erreicht werden kann, wurde von dem Arena Publikum mit zu wenig Bedeutung beigemessen. Der Kollege vom Tagesspiegel behauptet, alle 12.000 haben getanzt. Ich kann dies Partout nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil.

Selbst die erste Reihe im Innenraum, Plätze, für die man salzige Preise zahlen muss, war mit braven Zuschauern versehen. Die meisten, sowohl im Innenraum sowie in den folgenden Reihen als auch in den Gängen blieben brav sitzen und wohnten das Konzert bei als wäre es eine klassische Ausgabe vom „Wetten Dass“.

Die XXL-Introduction bei der Ballade des einsamen Astronauten „Rocket Man“ ist nicht für Jedermann, aber ja, für die, die es lieben zu beobachten, die Kunst von Elton John das Klavier zu einer Einheit mit sich zu bringen. Das, was Blues-Meister B.B. King tat mit seiner „Lucille“, so nannte er liebevoll seine Gitarre, tut Elton John mit seiner schwarzen Schönheit „Yamaha“. Er führt sie. Teils in dominanter Manier. Teils liebevoll. Teils melancholisch aber immer stets mathematisch genau.

Bei der Aufführung von einer noch schnelleren Version von „I’m still standing“ zeigte er erneut, er ist ganz da. Wer bei diesem Song nicht zum Musikgenuss erwachte, ist nicht mehr zu retten.

Freund George Michael: anwesend

Einer der letzten Songs war eine Hommage an den Ende 2016, am ersten Weihnachtstag, verstorbenen George Michael. Noch bevor die Hommage kam, kam mir in den Sinn, ob er darauf Bezug nehmen würde und habe mich auch daran erinnert, dass der selbige Michael im September und im November 2011 (als Zusatzkonzert weil das im September ausverkauft war) samt Orchester dort stand.

Although I search myself, is always someone else I see„, so der nachdenklich-philosophische Ton, in den 90er von den beiden in einem Duo verewigt. Während der Song in den vier Ecken der Hall erklang, wurde ein Bild von Wunderstimme George Michael auf die Leinwand eingeblendet.

Gegen den Hass

„Wir leben in einem furchtbaren Zeit und ich bin müde davor, so viel Hass zu sehen. Aber ich weigere mich an eine andere Option zu denken außer die Liebe“, sagte er mit besorgter Stimme. Er sprach vom Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin und in vielen anderen Städten, an die auf der Leinwand mit einem graphisch extra erarbeitetes Bild, erinnert während er ein Plädoyer für die Hoffnung: „I want love“ spielte. Welch‘ eine Erleichterung, das „Nikita“ nicht auf der Set List stand.

Die willkommene Melancholie

Leider erst (und dies zu oft) kamen zum Ende des Konzerts die Besucher mehr aus sich heraus. Auch aus der Reihe der Sponsoren kam mehr Bewegung. Beim Tränenzieher „Candle in the Wind“, ursprünglich für die Schauspielerin Marilyn Monroe geschrieben und 1997 in „Rose of England“ (auch „unter “Goodbye Englands Rose“ bekannt) aufgrund des tragischen Unfalls von Lady Diana umgetauft wurde, machten die meisten der 12.000 Zuschauer die Feuerzeuge an. Aber auch Taschenlampen (ja, die waren auch dabei) und die Lichtstärke der unzähligen Handydisplays wurde getestet und haben zur gemeinsamen Melancholie beigetragen. Nicht ein Wort über Diana, und auch kein Bild auf der Leinwand. Elton John, nach 50 Jahren Karriere und nach dem Verbrauch von  unzähligen Sonnenbrillen, ist und bleibt er authentisch und seiner Kunst treu. Ein Artikel erschien im Portal der „Frankfurter Neue Presse“ nach dem Konzert in Mannheim, dort schrieb der Autor Maximilian Steiner „Dass zeigt, dass er seine Kunst nicht verlernte“. Das kann nur einer sagen, der noch nie auf einer Bühne stand.

Wie es sich für einen britischen Sir gehört, bedankte er sich – ganz zum Schluss- nochmal bei dem Berliner Publikum und verschwand hinter die Bühne.

Um den Nachschub seiner Sonnenbrillen braucht man sich nicht zu sorgen. Am Samstag (08) spät Nachmittag gab er sich die Ehre im Bikini Haus. Als bekennender Fan der Brillenmanufaktur Mykita House in Kreuzberg, schaute er im Laden vorbei und kaufte 3 Modelle: „Siru“ (465 Euro) sowie die Modelle „MM Transfer“ (595 Euro) und „Cara“ (399 Euro). Danach ging es zum Ku’damm zum „Gucci“-Laden während seine Securities draußen die Türsteher machten und entschieden, wer gleichzeitig mit dem Briten im Laden sein durfte. Dann ging es zum luxuriösen „Hotel der Rome“, im Gebäude einer ehemaligen Bank, die auch als solche schon als Filmkulisse beim Film „Lola rennt“ diente.

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