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Was sieht man in einem Dunkelrestaurant – Nichts

Wir waren zu Gast in einem Dunkelrestaurant, genauer gesagt im Nocti Vagus in der Saarbrücker Straße an der Stadtteilgrenze Mitte/Prenzlauer Berg. Was erwartet man im Vorfeld von einem Dunkelrestaurant? Die völlige Finsternis, Kontrollverlust, Schärfung der anderen Sinne – ach ja – Essen gibt es natürlich auch, aber der Reihe nach…

Das Restaurant liegt in einem kreativen Gewerbeareal mit hellem Backsteinverschlag, wo schon viele neue Startups entstanden sind, einige sind sogar immer noch hier. Die meisten „High Potentials“ segnen spätestens nach zwei Jahren zumeist das Zeitliche, aber Nachwuchs ist ja bekanntlich immer da. Letztendlich müssen auch Kreative sowie Auswärtige wie Touristen essen – so ist es optimal, wenn Restaurants in der Nähe sind. Obwohl ein Dunkelrestaurant schon etwas Spezielles ist und sehr wahrscheinlich nicht zum wöchentlichen Abendschmaus in die engere Wahl kommt.

Einfach nur Schwarz
Einfach nur Schwarz

Im Nocti Vagus angekommen, gibt es im Innenbereich nach einer freundlichen Begrüßung eine kleine Einweisung für den Ablauf im Dunkelrestaurant u.a.  mit folgenden Hinweisen versehen: Smartphone aus und evtl. leuchtende Uhren in die Tasche. Dann geht es auch schon um das Kernanliegen – das Essen im Dunkeln – es stehen drei Menüs zur Auswahl. Ein vegetarisches Menü, ein fleischliches Menü und ein Überraschungsmenü (mit dem kleinen Hinweis: dass es Fleisch enthält). Die ersten beiden Menüs sind komplett in der ausgelegten Menükarte aufgelistet und mit dem letzteren gibt es natürlich die Überraschung. Getränke können jetzt auch schon ausgewählt werden.

Bevor es wirklich runtergeht, der eigentliche Speisesaal ist wirklich im Keller, gibt es zur Einstimmung einen kulinarischen Gruß aus der Küche – eine Suppe, die an der Bar gegessen wird. Dann werden wir hinunterbegleitet bis zu einer Schleuse mit einem kleinen Dämmerlicht, so dass man sich schon etwas auf die Dunkelheit einstellen kann. Dann wird laut an eine Tür geklopft und das komplette Licht gelöscht. Die Tür wird geöffnet und die Stimme unseres persönlichen Kellners begrüßt uns freundlich. Den weiteren Weg gehen wir mit unserem Kellner – Nima – in Form einer kleinen Polonaise. Eine oder beide Hände werden auf den Rücken des Vordermannes(-frau) gelegt bis der gewünschte Tisch erreicht ist.

Die Kellner, welche im Restaurant arbeiten sind blind oder haben eine starke Sehschwäche. Diese Menschen haben es zu verstehen gelernt, ohne Augenlicht, sich in der Welt zu bewegen und wir dürfen dies jetzt auch erleben und unsere Sinne schärfen.

Wie geht es dem Autor mit dem temporären Augenlichtverlust? Die Farben und das Licht ist weg – es ist wirklich stockduster, quasi dunkelschwarz. Man klammert sich irgendwie an alles was es zu ertasten, zu hören, wenn möglich sogar zu riechen gibt. Die Schuhe bzw. Füße nehmen eine Teppich-Leiste war und die Hände ertasten ausgiebige den Tisch inkl. Gedeck und den Stuhl. Zu hören gibt es natürlich auch die anderen Gäste im Raum.

Es folgt der erste Gang meines auserwählten Überraschungsmenüs, ein Salat mit allerlei Zutaten, können teilweise zugeordnet werden und teilweise nicht. Die genaue Auflistung lasse ich wegen dem Überraschungseffekt mal außen vor, schließlich wollen wir ja weitere Gäste in den Überraschungsgenuss kommen. Der Verzehr von Speisen mit Besteck im Dunkeln ist gar nicht so einfach. Wenn man nicht sieht, wo man rumschneidet und ob oder was man auf der Gabel hat, ist das „Satt werden“ gar nicht so einfach. Ohne „Fühlen“ ging gar nix und die Servietten wurden gern genutzt. Interessant ist auch die Interaktion mit der Begleitung bzgl. probieren vom anderen Teller, letztendlich sind immer alle vier Hände im Einsatz um den Löffel oder die Gabel ans Ziel zu bringen.

Nocti Vagus Berlin
Nocti Vagus Berlin – Logo

Es folgte die Hauptspeise, dann der Nachtisch und getrunken wird natürlich auch. Auffällig war jedoch, dass wir bei allem langsamer und aufmerksamer ans Werk gingen. Die Wahrnehmung ist dabei eine völlig andere als sonst. Normalerweise nimmt das Auge Reize wahr wie die Körpersprache und die Mimik des anderen. Wir wissen deshalb ob der gegenüber noch zuhört oder sich überhaupt angesprochen fühlt. In der absoluten Dunkelheit geschieht alles über das Gehör, den Tastsinn und das Gefühl. Interessant fanden wir abzuschätzen, wie groß eigentlich der Raum ist und wie viele Gäste noch da sind. Insgesamt haben wir das Gefühl gehabt viel lauter zu reden als gewöhnlich.

Eine Besonderheit beim Nocti Vagus ist das Rahmenprogramm, welches an den meisten Tagen in der Woche stattfindet, quasi eine Dunkelbühne. Daher gibt es neben dem Essen im Dunkeln auch ein Hörspiel, Livemusik oder Dunkeltheater. An unserem Abend begleiteten uns weihnachtliche Klavierklänge. Alles in Allem, ein tolles Erlebnis ob als Candle-Light-Dinner (ohne Kerze) oder in einer Gruppe – bei dem es garantiert viel zu lachen gibt.

Link zum Anbieter: noctivagus

About waldnase

Komme aus der Provinz und seit 1999 Berliner! Mich interessiert hauptsächlich Geschichtliches und Kreatives aus der spannendsten Metropole Deutschlands.

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One comment

  1. Abnehmen ohne Sport

    Oh ja in Hamburg gibt es auch ein solches Restaurant – muss man echt mal gemacht haben, außerdem biete man blinden Menschen somit noch arbeit 😀

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