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Life is a beta!

500.000 Euro versemmelt? Alle wichtigen Top-Kunden verloren? Produktentwicklung gescheitert? Macht nix, bei der Fuckup-Night erhalten Gescheiterte ehrlichen Applaus dafür. Fuckup bedeutet Mist bauen oder eine Sache vermasseln. Weltweit finden in 160 Städten Fuckup-Nights statt, in Berlin ist am 15. September 2016 bereits die 15. Fuckup-Night über die Bühne gegangen, diesmal in der Botschaft von Mexiko. Bei diesen Loser-Slams erzählen Unternehmer auf der Bühne die Geschichte ihres Scheiterns. Mehrere Redner pro Abend berichten dem Publikum von Ideen, Hoffnungen, Aufbau, Kampf, Illusionen, Verlust, Schulden, Schadenfreude, Trauer, Schmerz und Leere. Das Publikum reagiert mit Empathie und Beifall für so viel Mut.

Reicht dir das Leben Zitronen, mache Limonade daraus

Der Misserfolgs-Striptease auf der Bühne bei der Fuckup-Night bringt das Tabuthema Scheitern endlich ins Rampenlicht. Das Konzept der Fuckup-Nights entstand 2012 in der Startup-Szene von Mexiko-Stadt und hat sich rasend schnell über den Globus verbreitet. Inzwischen schildern gescheiterte Unternehmer auf Fuckup-Nights in 25 Ländern ihre ganz persönlichen Debakel und wie sie den Karren so richtig schön in den Dreck gefahren haben. Es entsteht tatsächlich so etwas wie eine neue Kultur des Scheiterns. In Japan begehen Leute Selbstmord aus Scham über Misserfolge, im Silicon Valley schreibt man sie stolz in den Lebenslauf. Innovation braucht Fehler.

Fuck Up Night
FuckUp Night

Don’t go through life, grow through life

Sogar in der Berliner Zalando-Zentrale hat schon eine öffentliche Fuckup-Night stattgefunden. An diesem Abend haben die beiden Gründer des börsennotierten Unternehmen mit heute mehr als 9.000 Mitarbeitern und knapp drei Milliarden Euro Umsatz ein überaus spannendes Geständnis gemacht. David Schneider und Robert Gentz plauderten aus dem Nähkästchen und beichteten ihre erste große Pleite vor der Zalando-Gründung. 2007 versuchten sie mit ihrem grandios gescheiterten Startup „Unibicate“ das große lateinamerikanische Facebook aufzubauen. Beide haben in Südamerika studiert und sprechen gut Spanisch. In Europa StudiVZ, in Nordamerika Facebook und in Lateinamerika „Unibicate“ – so lautete ihr damaliger Plan der Weltaufteilung.

Nur wer fliegen will, kann auf die Schnauze fallen

Investoren, ein ambitionierter Businessplan, Büros in Buenos Aires, Santiago de Chile und Monterrey (Mexiko), jede Menge Guerilla-Marketing, hochmotivierte Mitarbeiter und tolle Ideen waren reichlich vorhanden – nur der Erfolg stellte sich nie ein und das junge Unternehmen fuhr an die Wand. 80 Millionen Nutzer sollten sich laut Businessplan auf ihrer Social-Media-Plattform „Unibicate“ tummeln, doch es waren zu besten Zeiten nur ein paar tausend. Die meisten ihrer mexikanischen Mitarbeiter hatten kein eigenes Bankkonto. Da ihre deutsche GmbH von ihrem deutschen Bankkonto maximal 500 Euro pro Tag und Geldautomat abheben konnte, gingen die Gründer regelmäßig auf Geldautomaten-Safari bis zum verfügbaren Kartenlimit, um genug Bargeld für die Löhne zu erwandern.

Wenn dein Pferd tot ist, dann steige ab

Nach rund einem halben Jahr mussten sie sich vor die versammelte Mannschaft stellen und gestehen: Fuckup, es ist vorbei! Laufen lernt man durch Hinfallen! Chapeau, diese Fuckup-Night bot sehr offene und ehrliche Worte voller Selbstironie von David Schneider und Robert Gentz, die damals nicht einmal Geld für Rückflugtickets Richtung Heimat hatten. Oliver Samwer gab ihnen dann Jobs in Madrid beim spanischen Tarifportal Tarifas24 inklusive Flugtickets zurück nach Europa. Der Rest ist heute Startup-Geschichte. Mit Samwer-Kapital gründeten Schneider und Gentz 2008 als ihren zweiten Versuch Zalando. Heute ist dieser Online-Händler ein Big Player, der in 15 Ländern erfolgreich Mode verkauft. Scheitern ist ein Umweg, keine Sackgasse. The second mouse gets the cheese.

Man lernt mehr aus Niederlagen als aus Erfolgen

Nicht alles, was Startups ausbrüten, ist auf den ersten Blick sinnvoll. Und auf den zweiten auch nicht. 80% aller Startups scheitern. So dominieren Menschen aus der Startup-Szene sowohl die Bühne als auch das Publikum bei den Fuckup-Nights. Für die Redner ist es befreiend wie bei einer Katharsis, wenn sie ihr Fiasko nicht mehr verstecken müssen. Das unternehmerische Scheitern muss nicht zwangsläufig auch ein persönliches Scheitern sein. Jede Pleite ist anders und die Stimmung bei den Fuckup-Nights ist entspannt bis gutgelaunt. Keine geschönten Selfie-Präsentationen, sondern klare Kante und Aha-Momente machen den besonderen Reiz der Fuckup-Nights aus. Schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn steht eine lange Schlange der Wartenden vor der Tür. Das Bedürfnis nach Learnings ist groß.

Weshalb werden zündende Ideen zu krachenden Flops?

Fehler sind der Motor des Fortschritts. Nikola Tesla (1856 – 1943), der Erfinder des Wechselstromgenerators, scheiterte mit seiner Vision, Energie in Form von Wellen zu verbreiten. Um seinen Erfindergeist zu ehren, trägt das 2003 gegründete Unternehmen Tesla Motors seinen Namen. Die vom ehemaligen General-Motors-Vizepräsidenten John DeLorean 1975 gegründete DeLorean Motor Company scheiterte 1982 kläglich. Doch sein Coupé DeLorean DMC-12 mit der charakteristisch-kantigen Formgebung machte eine zweite Karriere als Filmauto in der Kinofilm-Trilogie „Zurück in die Zukunft“ und ist bis heute Kult.

Trial and Error

Die Cargolifter AG existierte nur von 1996 bis 2002 und scheiterte fulminant mit dem Versuch, Lastenluftschiffe im Stil der Zeppeline marktfähig zu entwickeln. Die zu diesem Zweck südöstlich von Berlin errichtete Werfthalle gilt mit 360 Metern Länge, 210 Metern Breite und 107 Metern Höhe als das größte freitragende Gebäude der Welt. Größenwahn? Das Scheitern erwies sich hier als Chance: Heute baden in dieser Halle im Resort „Tropical Islands“ ganzjährig hunderttausende Besucher und spazieren im größten Indoor-Regenwald der Welt. Wer nicht über den Bergkamm steigt, gelangt nicht in die Ebene.

Wir brauchen eine Kultur der zweiten Chance

Es gibt ein Leben nach der Insolvenz. Myspace, Studi-VZ, Napster und Second Life sind Geschichte, doch die Macher, Software-Entwickler und Praktikanten von damals sind die begehrten Mitarbeiter von heute. Einmal öfter aufstehen als man hinfällt – so haben wir alle als Kinder das Gehen gelernt. Die Bauchlandung gehört dazu und die stromlinienförmige Laufbahn auf dem Beförderungsweg ist etwas für Angsthasen. Unterricht gibt nur das Leben. Die Berufsbilder in der Arbeitswelt 4.0 haben oft eine Halbwertszeit von wenigen Jahren und man muss sich immer wieder neu erfinden. There is no elevator to success, you have to take the stairs.

Der Honig ist nicht weit vom Stachel

Gönnen wir uns doch mehr als nur einen Versuch und lernen die zweiten Chance zu schätzen. Scheitern darf kein Stigma sein, sondern ist Teil des lebenslangen Lernens. Kopf hoch und nur Mut! Denn wer nach einer Niederlage den Kopf in den Sand steckt, wird mit den Zähnen knirschen. Und wenn Sie sich nach einem Rückschlag einmal schlecht fühlen, dann zaubert Ihnen die Begründung der Plattenfirma Decca, mit der sie die Beatles 1962 ganz kurz vor deren ganz großen Durchbruch abgelehnt hat, ein Lächeln ins Gesicht: „Uns gefällt Ihr Sound nicht, und Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt. Gitarrenbands geraten aus der Mode.“

Text und Fotos: Stefan Schnoor

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About Stefan Schnoor

Stefan Schnoor ist gebürtiger Berliner, lebt in einem schönen Altbau in Kreuzberg, arbeitet professionell als Texter für Marketingkommunikation und bloggt hier über Startups, Wirtschaft, Kultur, Entertainment, Brandenburg-Touren und spannende Entdeckungen in der wunderbaren Metropole Berlin.

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4 comments

  1. Hallo, ein wirklich interessanter Artikel. Ich bin begeistert. Kann man alles gar nicht besser beschreiben.

  2. Ich habe schon viel von der Fuck Up Night gelesen und will sie mir unbedingt mal persönlich anschauen.

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