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AnnenMayKantereit+Freunde-Konzert in der Zitadelle Spandau

Es gibt so Ereignisse, da spürt man, dass sie groß werden könnten. Ohne viel dazu zu tun, es liegt einfach in der Luft. Drei verschiedenen Konzerte spielen AnnenMayKantereit dieses Jahr in Berlin, alle sind innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. So auch das Open-Air-Konzert in der Zitadelle Spandau. „Dass dieses Konzert so schnell ausverkauft war, macht uns verrückt glücklich.“ wird Henning May später sagen.

AMK - 2016 in der Berliner Zitadelle
Ein Sommerfest: Annenmaykantereit & Freunde in der Zitadelle Spandau

Es ist halt Sommer und draußen Musik hören gehört zum Sommer dazu. Die Zitadelle hat sich hübsch gemacht, an der Brücke über dem Burggraben schaukeln Luftballons im lauen Wind. Die Sonne macht das, was eine Abendsonne machen muss, sie spiegelt sich im Wasser und taucht die Burg in ein romantisches Licht.

Die Leute bleiben stehen, genießen das, machen Fotos von sich vor den bunten Ballons. Ich zweifele ein bisschen, ob das die richtige Veranstaltung für mich ist-es hat sowas von Kindergeburtstag. Schon klar, wer heutzutage zu AnnenMayKantereit geht, muss sich auf Mainstream einstellen. Dementsprechend zusammengewürfelt ist auch das Publikum. Vater, Mutter, Kinder, Oma, Opa, WG-Bewohner, Sekretärinnen beim Betriebsausflug, Studentinnen, Pärchen, die unverkennbar bald zu dritt sind. Manche haben eine Picknickdecke dabei und sichern sich einen Platz auf dem spärlichen Rasen.Vor den Verpflegungsständen bilden sich lange Schlangen. Wer Durst hat, muss Geduld haben. Kameraleute laufen umher und testen ihre Technik, das Konzert wird auf Facebook gestreamt. Das ist wohl der Fortschritt.

Gegen 19.00 Uhr geht es los. „Von wegen Lisbeth“, eine junge Band aus Berlin, eröffnen den Abend und entpuppen sich gleich als kleines Highlight. Endlich mal wieder eine Band mit Triangel und Xylophon im Instrumentarium, das finde ich schon mal gut. Der Sänger hat mit seinem bunt gestreiftem Hemd Mut zur Farbe.

AMK - 2016 in der Berliner Zitadelle
Matze von Von Wegen Lisbeth

„Von wegen Lisbeth“ machen frischen unprätentiösen, deutschen Pop mit treibenden Beats und fein klingenden elektronischen Spielereien. Sie sind, gerade in Berlin, keine ganz Unbekannten mehr. Ihre Lieder „Meine Kneipe“, „Bitch“, „Cherie“, laufen im Radio und so gibt es einige in den ersten Reihen, die laut und textsicher mitsingen können (was nicht schwer ist, besonders kompliziert sind die Texte nicht). Sicher eine Band, die man sich merken sollte und die man auch mal allein hören kann. Ich würde ein Besuch ihres Konzertes im September im Lido empfehlen, doch das ist bereits ausverkauft. Wohl nicht ganz ohne Grund. Sie haben Spaß gemacht.

Danach wird die Bühne mit einem Vorhang verhüllt, es kündigt sich ein Überraschungsgast an. Natürlich ist es kein Geheimnis mehr, die sozialen Netzwerke haben es längst enthüllt: „Bilderbuch“ treten auf.

„Bilderbuch“ ist eine Band aus Österreich, die man entweder mag oder nicht. Wer die Musik der selbst darstellerischen Exzentriker mag, wird sich über die Überraschung gefreut haben, die anderen müssen sich weiter in Geduld üben, was nicht ganz leicht ist, denn es ist mittlerweile wirklich voll geworden.

Doch irgendwann ist es dann soweit, die Spannung erreicht ihren Höhepunkt und so braust ein Jubel der Begeisterung auf, als endlich AnnenMayKantereit die Bühne betreten. Es ist schon faszinierend, wie eine Stimme augenblicklich Tausende von Menschen einnehmen kann. Schon bei den ersten Tönen, hatte er sie. Henning singt mit seiner rauchigen, warmen Stimme „Wohin du gehst“ und alle singen mit.

Bei „Gypsy“ richtet sich der Lichtkegel auf Ferdinand Schwarz an der Trompete, der immer mal wieder für ein paar Lieder dazu kommt und eine echte Bereicherung ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass Hennings Stimme eigentlich im Jazz seine Heimat hat, so brilliant klingt das zusammen und so schleichen sich Bilder von New Orleans in den Kopf.

AMK - 2016 in der Berliner Zitadelle
Ferdinand Schwarz an der Trompete

AnnenMayKantereit singen sonst über alles, was Mittzwanziger so bewegt: Aufbruch, Loslösung, Liebeslust und Trennungsfrust („Jeden Morgen“, „Mir wär lieber du weinst“, „Bitte bleib“), Versuche ein eigenen Lebensweg zu finden („Neues Zimmer“, „3.Stock“), Fernbeziehungsprobleme und die Sehnsucht nach Nähe: „Ich würd gern mit dir in ’ner Altbauwohnung wohn, zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon“. Großes Glück braucht wenig Raum. Dazwischen immer mal wieder englischsprachige Lieder, auch Tanzklassiker wie „Sunny“ (Bobby Hebb-Cover) mit der glasklaren Trompete von Ferdinand perfektioniert.

In die Songtexte fließen Erfahrungen und Erlebnisse die beim Leben auf Tour gewonnen wurden („Krokodil“) und wie scheiße es sich anfühlt, beim Singen eines Liebesliedes von unzähligen Handys gefilmt zu werden: „Du bist überall.(Aber nicht bei mir.)“. Tatsächlich werden die Handys zumindestens während des nächsten Liedes in den Taschen gelassen. Beeindruckend und sehr entspannend.

Es ist mittlerweile Nacht geworden, Lichterketten ragen von der Bühne aus übers Gelände. Es ist kein Durchkommen mehr, die Leute stehen dicht an dicht. Ich löse mich aus dem Gemenge, um endlich wieder etwas mehr Luft zu bekommen. Weiter hinten ist es unwesentlich, aber doch etwas besser, es stehen nur wenige bei den Buden an und mein Bauch entscheidet, dass es Zeit für ein Brot mit Tomaten wäre. Die Bühne ist jetzt so weit weg, dass die Band nur noch kleine Punkte in der Ferne sind.

Das Fräulein schichtet Tomaten aufs Röstbrot, Henning kündigt derweilen ein Lied an, das er für seinen Vater geschrieben habe.“Oft gesagt“gehört wohl zu den bekanntesten Liedern der Band. „Das ist es.“ sagt sie zu ihrem Kollegen, hält inne und reckt ihren Hals Richtung Bühne: „Das Lied erinnert mich so sehr an meine Mutter“.  Henning singt:“Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen…“, die Tomaten rutschen ihr vom Brot.  Sie ist sichtlich gerührt. Sie entschuldigt sich, ich winke ab: „Schon gut.“ Ich wünschte mir so sehr, ich könnte sie ablösen, damit sie sich ihr Lied in Ruhe anhören kann. Doch sie ist schon beim nächsten Kunden.

AMK - 2016 in der Berliner Zitadelle
Henning May am Klavier

Mit dem Tomatenbrot in den Backen genieße ich „Barfuß am Klavier“ und man spürt, dass das Konzert sich dem Ende zuneigt. Bei „Pocahontas“, bereits im Zugabeblock, tanzt hier hinten eine Gruppe von Mädchen in langen Röcken einen wilden Tanz. Wenn morgen gutes Wetter wird, liegt es wohl an denen.

Ganz am Schluss, wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, bringen AnnenMayKantereit noch die Jungs von K.I.Z mit auf die Bühne und performen begeistert „Hurra, die Welt geht unter“. Die Leute strecken noch einmal ihre Hände in die Höhe und wippen mit.

Es war ein berauschender Abend.
Gut, dabei gewesen zu sein.

Fotos: Alex von inBerlin.de

Das Konzert ist auf der Facebook-Seite von AnnenMayKantereit komplett abrufbar:
https://www.facebook.com/AnnenMayKantereit/

Weitere Infos zu den Bands:
http://annenmaykantereit.com/
http://www.bilderbuch-musik.at/
http://www.vonwegenlisbeth.de/
http://www.k-i-z.com

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