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Neil Young in der Waldbühne – ein Handwerker der Meisterklasse!

Die Meteorologen haben mal wieder nicht Recht behalten: Das Gewitter kam zum Glück nicht vorbei. Wer die Regenjacke nicht mit einpackte, hat alles richtig gemacht. Der Abend lud ein, den Konzertbesuch mit einer Fahrradtour zu verbinden bis in den tiefsten Westen hinein. Kurz nach 19 Uhr war alles noch überschaubar vor dem Haupteingang. Die große Masse blieb aus – 18.000 kamen in die Waldbühne.

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Neil Young Konzert – Vor dem Eingang zur Waldbühne

Peace Music

Der Geschäftsführer der Agentur „Peace Music“, der 1A Künstler berät, läuft vorm Presse-und VIP-Eingang herum, begrüßt Gäste, spricht mit den Hostessen. Wie kommt es dazu, dass außer Berlin, Leipzig als zweiter Standort für Neil Young gewählt wurde, wollte ich wissen. Leipzig ist zwar geschichtsträchtig und veranstaltet Messen allerlei aber ein Musikstandort per se ist die schöne Stadt nicht. Nicht ohne ein wenig Verblüffung, sagte er: „Es war Sache der Veranstalter“, damit meint er Semmel Concerts, der als Ortsveranstalter fungierte. Meine Frage, ob seitdem Neil Young wieder mit den (Rolling) Stones auf Tour geht, dies sich in den Zuschauerzahlen seiner Konzerte bemerkbar macht, antwortete er mit „Ja“. Es kommen mehr Leute.

Um 19:30 sollte es los gehen. Kurz darauf ertönen von innen leise Töne. Wir ich mir später erzählen ließ, bestieg zuerst der Kanadier die Bühne ganz alleine, ohne seine aktuelle 5-köpfige Band, „Promise of the Real“ der zwei Söhne des Countrystars Willie Nelson angehören. Die ersten zwei Songs „After the Gold Rush“ von 1970 und „Heart of Gold„, sein Nummer 1 Hit (der einzige in seiner schier unendlichen Laufbahn) habe ich verpasst. Ein T-Shirt mit den Schriften „Earth“ (Erde) war die erste politische Botschaft von Neil Young von Beginn an. 

Neil Young ©Benjamin Pritzkuleit
©Benjamin Pritzkuleit

BrasilianerInnen werden nachgesagt, sie seien die unpünktlichsten Wesen unter der Sonne. Diesmal war Heino, mein Kumpel aus Amsterdam, der auf sich warten ließ. Als wir endlich hinein gingen, mussten wir zunächst ausfindig machen, wo die VIP-Area liegt. „Da unten. Es sieht so aus wie ein Balkon“ sagte mir ein Mann mit einer orangen Weste. Der andere verwies uns auf die „andere“ Treppe hin und diese lag am Außenrand. Was tut man nicht alles um den Kult-Kanadier die Ehre zu erweisen, insbesondere weil sein letztes Gastspiel in der Hauptstadt, soweit mein Gedächtnis mich nicht täuscht, schon drei Jahre zurück liegt. Juli 2014 gastierte er zwar im Deutschen Lande, aber lediglich in Ulm, Mönchengladbach und Mainz.

Das Politische

Wir waren gleichermaßen einig und sahen es als sicher an – wie das Amen in der Kirche – dass Neil Young, der zwar mit leisen Tönen begann, irgendwann zu politischen Botschaften kommen wurde. Denn erst ein Tag vorher ist eine Schreckschraube Namens Donald Trump beim Parteitag in Cleveland zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt worden. Darüber hinaus ist der Kanadier ein Verfechter der nachhaltigen Agrarwirtschaft und hat den Chemiekonzern Monsanto auf Platz Eins seiner schwarzen Liste gesetzt. Der Song Nummer 21 „Montsanto Years“ sollte seine Ablehnung erneut bekräftigen. Es war nicht zu viel zu erwarten, dass nicht nur ich, sondern aus die 18.000 Anwesenden eine politische Botschaft hören wollten.

Musiker wie Neil Young zeigen uns immer wieder, dass es nicht vergeblich ist für seine Ideale, Einstellungen aber auch für eine bessere Welt zu kämpfen. „Er macht es noch“, sicherte mir Heino zu. Aber Neil Young tat es nicht. Seine politische Botschaft kam mit kleinen Gesten, wie in Form von Saat, welches – vorm Beginn des Konzertes- auf dem Podium verstreut wurde. Die „Rolling Stone“ sprich von „guten Bauerntöchtern“. Keine Leinwand. Keine Sondereffekte. Keine Pyrotechnik. Kein Schnick-Schnack. Lediglich sechs (ziemlich lädierte) Topfpflanzen am Bühnenrand.

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Die einzige politische Bemerkung des ohnehin wortkargen Kanadiers kam zum Schluss beim Spielen des Ohrwurms (der mich die ganze Strecke mit dem Rad nach Hause noch „verfolgte“) „Rockin‘ in the Free World“. „Schauen wir in die weite Welt und gucken was gerade passiert, dann sieht man das hier„, sagte er gerührt und erntete rauschenden Beifall. Das wollten die Berliner hören. Ich lasse meine sonst erhebliche Skepsis, ob es überhaupt noch eine freie Welt gibt, für einen Moment außer Acht. Der atemberaubende Sommerhimmel über Berlin macht es mir dabei leichter. Wir singen und schwingen. Viel mehr Männer sind im Publikum. Wenn Frauen zu sehen sind, dann meistens um den Liebsten zu seinem Idol zu begleiten. Ganz nachvollziehen, kann ich das nicht.

Die VIP’s

Als wir in die Vip-Area hinein sind, wollte es der Zufall so, dass wir direkt neben einem Trio-Infernale reinkommen und von den Ordnern – zeitgleich – auf die Plätze verwiesen wurden. Eigentlich sahen wir wie eine eingeschworenen Gruppe aus. Der Zufall wollte, dass der Enfant Terrible des deutschen Theaters, Schauspieler und Sänger, Ben Becker, direkt vor mir Platz nimmt. Auf seiner linken Seite, der Schauspieler Oliver Hirschbiegel und seiner unverwechselbare Glatze. Auf Beckers rechten Seite, eine staatliche Figur, die ich meine vom sehen zu kennen, ohne dass ich einen Namen dazu ordnen konnte. Ein Männer-Trio, also zu einem Männerabend untermauert von einem Handwerker der extra klasse, einer der von seinem Werkzeug versteht. Mehr als das. Es liebt es, seine Gitarre zum glühen zu bringen und uns in eine musikalische Extase zu katapultieren.

Neben mir saß Joe Kelly von der Kelly Family. Auf seiner rechten Seite, ein Fernsehmoderator, den ich auch nur vom sehen kenne. Drei Reihen hinter uns, Richtung oben, entdeckte ich einen sehr elegant gekleideten, ruhigen und aufmerksamen Zuschauer. Niemand weniger als Marius-Müller Westernhagen mit seiner unzertrennlichen Sonnenbrille.

Ben Becker

Ich und Heino, der schwört „mit Neil Young aufgewachsen zu sein und mit dem Holzlöffel seiner Mutter in der Küche Luftgitarre gespielt zu haben aber immer mit der Angst, dass der Vater die Küche betreten würde“ die Musik bereits unter seiner Haut zu haben  –  lauschten aufmerksam die Musik. Auch wenn die erste Stunde – für Neil Youngische Verhältnisse ziemlich „gemütlich“ vor sich ging, tobte nebenan Ben Becker herum. Er stand auf, zeigte den Vip-Area-Gästen den Mittelfinger, beschimpfte sie als „langweilig“. Stand auf, klatsche, zeigte immer wieder den Faust nach oben, schaukelte wild den Kopf mit seinen blonden Mähnen. Suchte sich permanent Zuschauer. Für mein Pech war Joey Kelly sein Lieblingsopfer. Unzählige Male streckte er den rechten Arm zu Joey rüber. Dass mein rechtes Knie im Wege war, störte Mr. Becker nicht. Oliver Hirschbiegel, dem Anschein nach, vertraut mit solchem überhöhten Geltungsdrang blieb gelassen, lächelte, machte Photos, genoß das Konzert. Der andere „Riese“rechts blieb, trotz seiner staatlichen Größe, unauffällig. Ist doch klar. Wer will schon beim Egozentriker in Ungnade fallen?!

Westernhagen samt seiner Begleitung verließ die Vip-Area ca. 40 Minuten vorm Ende des Konzertes. Eine Frau bat um ein Selfie, was der Gentleman prompt wie wortlos zustimmte. In eleganter Manier verschwand der Deutsche Mick Jagger während Ben Becker den Kreis seiner unbeliebten Nachbarn erweiterte während die Musik woanders gespielt wurde.

Wiederentdeckung

Es gibt im quasi unübersichtlichen Repertoire des Kanadiers einen wunderschönen Song, der zu lange nicht mehr gespielt worden war. „Alabama“. Die Berliner Fans kamen in den seltenen Genuss das Stück live beizuwohnen. Anscheinend kam, mit der neuen Formation, auch neue Inspiration altes wieder herauszuholen. Ein extra Geschenk für die Fans an einem Abend, der ziemlich nahe an der Perfektion war, wäre da nicht ein selbstverliebter der von der von Neil Young besungenen freien Welt nichts verstanden hat. Wie gut, dass der 70 jährige ganz eigen ist. Kurzum: Neil Youngs beschenkte den Berlinern – ein mit vollen Höhepunkten bestücktes knapp 3 stündiges Konzert und untermauerte erneut, dass er ein Meister seines Handwerks ist. Nach dem Ende dieses Abends ist unsere musikalische Seele mit genug Saatgut verstreut, gemischt mit einer Portion Glück – an diesem perfekten Sommerabend dabei gewesen zu sein. Zum Schluss umarmten sich die Musiker auf der Bühne und  – engumschlungen – hüpften sie wild herum. Eine Zugabe gab es nicht. Die war auch nicht nötig, nach einem drei stündigen Konzerterlebenis.

Die Komplette Setlist:

After the Gold Rush
Heart of Gold
The Needle and the Damage Done
Mother Earth (Natural Anthem)
Out on the Weekend
Unknown Legend
Peace of Mind
Human Highway
Are You Ready for the Country?
Someday
Winterlong
Bad Fog of Loneliness
Alabama
Words (Between the Lines of Age)
Powderfinger
Everybody Knows This Is Nowhere
Down by the River
Western Hero
People Want to Hear About Love
Country Home
Seed Justice
Monsanto Years
Wolf Moon
Love and Only Love
Rockin‘ in the Free World

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3 comments

  1. Schade, ich wäre so gerne dabei gewesen, hatte aber leider Spätdienst, somit keinen Urlaub und konnte leider nicht nach Berlin kommen. Ich hoffe, dass ich noch mal die Möglichkeit bekomme Neil live zu sehen. Bin garantiert beim nächsten Mal dabei!

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