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Die Rolling Stones in Rio de Janeiro: Ein Konzert für die Ewigkeit

Immer wenn es um die nächste Tour der britischen Band The Rolling Stones geht – ist die Frage die die eingefleischten Fans quält, immer die gleiche. „Wird es die letzte sein?“ Anfang der Siebziger, bei einem Interview mit dem englischen Sender BBC, wagte der Drummer Charlie Watts eine Prognose: „Ich denke nicht, dass wir das hier lange machen“ antwortete er in Bezug auf den – damals – berüchtigte Musik-Business.

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20-02-2016 – Show Rolling Stones (Foto: Staff Images)

In der Zwischenzeit, mal so sehr hanseatisch ausgedrückt, haben die Stones nun einen 53 Jahre langen Weg im Musik-Business zurückgelegt. Die Tatsache, dass sie kommerziell noch immer erfolgreich sind, spricht für das Konzept, welches immer wieder perfektioniert wird.

On the Road in Lateinamerika

Nach mehreren Jahren Abstinenz in diesem Teil der Welt, kündigte das Management eine „umfangreiche Tour“ an, die am 03.02. in Santiago de Chile begann, am 14.03. in Mexiko enden soll und dem zwischenzeitlichen Höhepunkt am vergangenen Samstag (20) in Rio de Janeiro erreichte. Dort, im Stadium in dem vor gar nicht allzu langer Zeit, das Tor vom Bayern-Stürmer Mario Götze die deutsche Nationalelf, Jogi-Jungs zur vierten Fußballweltmeisterschaft führte.

Zur Zeit wird aber der Fußball Olymp, Maracanã“, in dem immerhin schon zwei Weltmeisterschaften ausrichtet wurden, 1950 und 2014, nun für die im August stattfindende Olympische Spiele vorbereitet. Die Fußballspiele der laufenden Saison aus der regionalen Liga werden dafür in andere Städte verlegt. Nun kam die Ausnahme der Ausnahmen – die Rolling Stones. Rio ist die vierte Station einer Tour, die durch 9 Städte geht durch Lateinamerika geht. Das letzte Mal waren sie hier im Jahr 2006, am dem weltberühmten Strand von Copacabana.

Berlin und Rio

Im Gegensatz zum Auftritt in der Waldbühne im Juni 2014, als Mick Jagger & Co eher Dienst nach Vorschrift machten, ist das Konzert in Rio ein einziger Elektrizitätskessel gewesen. Geradezu im Rausch und ununterbrochen, bescherte die beste Band der Welt, den von nah und fern angereisten Fans, ein unvergleichliches Konzerterlebnis, ein musikalisches Bankett. Unter anderem hat auch die Fangruppe „40 Licks“ aus Amsterdam, den weiten Weg auf sich genommen und nebenbei vermerkt: die holländische Hauptstadt ist berühmt dafür, die beste Stones Kneipe des alten Kontinenten zu beherbergen aber Stones Fans kennen keine Grenzen und das schon immer.
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Mick Jagger ist mit Brasilen viel mehr verbunden als manche es wissen mögen. Aus einem Seitensprung mit einem damaligen Model, Luciana Gimenez, im Jahre 1995, der seine Ehe mit dem texanischen Model Jaril Hall zum endgültigen Bruch verhalf, ist der heutige 20 jährige Lucas Jagger entstanden. Vermutlich war auch er, der den Frontmann der Stones mehrere Stunden portugiesischen Unterricht gab. Selbstbewusst, überraschte der unangefochten beste Liveperformer aller Zeiten, immer wieder mit langen, grammatikalisch korrekten Sätzen und fast akzentfreies Portugiesisch wie „Ihr seid eine total verrückte Truppe“, oder „Ihr seid super Sänger!“, am Ende des Dauerbrenners „Honky Tonk Woman“.

Nach einer Bemerkung meinerseits, dass ein Stück aus dem Album „Voodoo Lounge“ ja wohl gefehlt habe, erwiderte ein eingefleischter Fan links von mir im sarkastischen Ton: „Es fehlten alle!“. Der selbige meinte, von allen Stones Konzerte, die er erlebte, inklusive Europa und USA, sei dieses „das Beste von allen“. Zwei Stunden vergingen wie im Flug an einem unvergesslichen Abend. Wer dabei war, wird dies bis zu seinem Lebensabend nicht vergessen (können).

Start me Up!!!

Wie in der Waldbühne war auch in Rio „Start me up“ de Eröffnungssong. Nicht jedoch vorher ein fulminantes Video thematisch auf die Lateinamerikatour einstimmend, auf der Leinwand laufen zu lassen um die Fans noch heißer zu machen und die Warterei ein einem Gefühlsausbruch der Erlösung zu verwandeln.

Im Vorfeld konnte man auf der Homepage ein von 5 angegebenen Songs, welche die in Rio spielen sollten. „Like a Rolling Stone“, machte das Rennen. Wie könnte es anders sein?

Nichts dem Zufall überlassen

Die Garderobe der 4 Stones war genau abgestimmt mit den Farben der brasilianischen Flagge.

Charlie Watts, der ruhigste von allen, trug, von Anfang an, eine blaue Hose und ein gelbes T-Shirt. Schlicht, wie wir ihnen kennen und lieben. Der musikalische Fels in der Brandung ist gerne in Hintergrund und hat immer a hard time, wenn er vorgestellt wird und die Fans ihn mit minutenlangen „Charlie! Charlie!“ bejubeln.

Keith Richards, behielt sein „Piraten aus der Karibik-Design“ mit dem Kopftuch und eine sehr schöne lange Silberkette die seitlich der Hose hing. Er trug in der zweiten Hälfte ein grünes Seidenhemd, und zwar genau in dem selben Ton, wie es auf der brasilianischen Flagge zu bewundern gibt. Gleichzeitig trug Mick Jagger ein blaues Seidenhemd. Der Frontmann Jagger war, mit Abstand, welcher öfters Backstage musste, um sich umzuziehen. Um die Farben vollständig zu machen, fehlte nur noch das Weiße. Anstatt dessen kam Mick Jagger mit einen knalligen roten Kostüm zum obligatorischen „Sympathy for the Devil“. Schwierig die Höhepunkte dieses unvergesslichen Konzertes zu benennen – die Jungs waren so heiß darauf, in Rio zu spielen, dass sie selbst für Stones Maßstäbe, noch eins drauf gelegt haben: Intensiv, genüsslich, provokant, sexy und die Prise musikalischer Unvollkommenheit, was diese Band macht, was sie ist: Cult!
Ein Höhepunkt folgte dem anderen – bei „Honky Tonk Woman“, lief Jagger – wie im Marathon und wild gestikulierend – zur rechten Seite der Bühne, wo ich mich mit einer Videokamera befand. Nachdem er, provokativ, immerhin als 74 jähriger, seinen Ground-Zero-Bauch zeigt, hielt er sich direkt vor meiner Nase auf. Wer sagt denn? Volltreffer!!! Das Ergebnis, siehe YouTube Links unten.

Keith Richards war sehr nah dem Zustand der totalen Glückseligkeit. Mehrmals lief er die Bühne rauf und runter, kniete sich vor Publikum, haute besonders hart auf die Gitarrenseite, klopfte mit der rechten Hand auf seiner Brust, an der Stelle wo das Herz steht, lächelt dankbar und dieses nimmt man ihn voll und ganz ab. Ronn Wood, mit 68 der jüngste im Bund ist, hielt eine Gitarre in der Hand, die den Namen Sally trug. Ein Jackett, an der linken Seite bunt gestrickt, zeigte erneut den modenbewussten, der immer wieder versuchte Mick Jagger zu einem „Bühnen-Duo“ zu bewegen: Mit mäßigen Erfolg. Es war für jeden Einzelnen auf der Bühne, ein Abend im Ausnahmezustand.

„Das Maskottchen“ Ron Wood

Mick Jagger macht sich einen Spaß daraus, wenn er seine Kumpels, im Einzeln, dem Publikum vorstellt, diesmal auf Portugiesisch und nicht zu knapp. Er kennt es genau, wie man die Brasilianer glücklich macht, auch dann wenn er ein gefürchteter Gast auf jeglicher Fußballstation VIP-Tribühne ist. „Charlie Watts hat Samba in der Halle von Mangueira (eine traditionsreiche Sambaschule) getanzt“, hat Capoeira (Tanzsport) gemacht und „kann jetzt auch Caipirinha vorbereiten“, verriet Jagger.

Bei Ron Wood lief es so: „Das Maskottchen der Olympischen Spiele“ scherzte Jagger vermutlich auf die hervorstechende und unverwechselbaren Nase seines Bandkumpels hinweisend. Bei Keith Richards war, wie üblich, wie auch in der Berliner Waldbühne im Übrigen, der gerollte (im bayerischen Manier) und der verlängerte R von Richards, der Scherz. „Keith Rrrrrrrriciiicharrrrrrrrrrds!“

Als Mick Jagger so tat, als wäre das Konzert vorbei mit einem „Boa noite“ (Gute Nacht) ohne den Dauerbrenner „Satisfaction“ zu spielen, nahmen das die Brasilianer gelassen. Natüüüüüürlich müsste die Band zurückkommen – und dies tat sie. Bei den ersten Akkorden, explodierte das Stadion. Wenn man diesen Abend stichwörtlich beschreiben kann, dann dürften Begriffe wie Glückseligkeit, Elektrizität, grenzenlose Passion (ich vermeide bewusst das Wort Leidenschaft) und Dankbarkeit und ja, Liebe. Von beiden Seiten.

Auch die Autorin dieses Textes hat die Stones mehrfach erlebt. Unzählige Male in Berlin, in Prag und sich jetzt einen Lebenstraum erfüllt. Die Stones in der eigenen Heimatstadt und vor einer solchen Kulisse. Jede auch noch so lange Stunde im Flugzeug über dem Atlantik auf dem Weg nach Rio hat sich gelohnt. Als erprobter Musikfan des Montreux Jazz Festivals (und dort trifft man ja nun wirklich Dinosaurier) kann ich behaupten, ein solches Konzert habe ich noch nie erlebt. Eben ein Konzert für die Ewigkeit. Es gibt Momente wo man weiß, wo man war als was bestimmtes passierte: Zum Beispiel – wie der erste Mensch den Mond bestieg oder als Charles und Diana heirateten, oder an dem Tag als die Prinzessin der Herzes in Paris starb oder aber auch der Märchensonntag als die Jungs von Jogi mit einem gefährlichen und schnellen Fußball begeisterten und verdient den Pokal nach Hause mitnehmen durften. Unter diesem selben Dach wurden 66.000 Menschen, inkl. meiner Person, Zeuge einen unvergesslichen Abends. In Jahren, wenn die 4 schon zu den Sternen im Himmel gehören, werden wir darüber sprechen und uns gegenseitig fragen wer in Rio 2016 dabei war.

In den nächsten Tagen haben sowohl die Brasilianer aus der Finanzmetropole Sao Paulo am 24. und 27. und aus der südlich liegenden Stadt, Porto Alegre am 02.03.2016, erneut die Chance die beste Band der Welt im heimischen Gefilde zu erleben. Im Übrigen einer der häufigsten Kommentare auf dem Weg vom Konzert zurück zum Presseraum war: „Ich fahre nach Sao Paulo, „Ich fahre nach Sao Paulo“.
Das ist eben der „Stones Effekt“: Einmal ist kein Mal. Man kann nicht davon genug kriegen. Wie denn auch? Jede noch so erschöpfende Stunde in einem 10:30 Stunden Flüge, um die Stones in meiner Heimatstadt zu erleben, war und wird es mir immer wert sein.

Links: rollingstones.com

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2 comments

  1. Schade dass die Tonqualität der Videos so schlecht ist. Ich habe die Stones letztes Jahr in Düsseldorf zum …ich glaube 4. oder 5. mal in meinem Leben gesehen. Schon beim ersten Mal in den 80ern war eigentlich meine Intention Sie zu sehen, es könnte das letzte Mal sein. Aber ich glaube, wenn von denen keiner mehr vom Baum fällt, ist das immer noch nicht die letzte Tour. 🙂

    • Tja Fritze… man jammert ja auf höchstem Niveau!

      Die Videos haben keinerlei Anspruch, 1A Bilder zu liefern. Dafür sind ja ganz andere Teams am Werk.

      Dass was ich aus der wilden Menge heraus filmte (mit übrigens einigen Volltreffer mit Jagger direkt vor der Kamera waren auch dabei) haben nicht den
      Anspruch einen technischen Standard zu liefern, sondern viel mehr den Hammeraugenblick festzuhalten.

      Hoffen wir, dass diese nicht die letzte Tour war.

      In diesem Sinne!!

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