Der Bahnhof Friedrichstraße und der "Tränenpalast"

gehören zusammen wie Mielke und Stasi – oder wie Checkpoint und Charlie. Das ist möglicherweise nicht Jedem klar, die Ausstellung im Tränenpalast ist auch nicht gerade stark nachgefragt, obwohl sie gratis ist (oder vielleicht gerade deswegen ?).

Der Tränenpalast war ein vorverlegter Abfertigungsraum für die Ausreise aus der DDR, hier flossen viele Tränen (eben !) und wahrscheinlich hatte diese gesamte Bahnhofskatakombe den zweifelhaften Ruhm, Ort der häufigsten Herzattacken und Weinkrämpfe in Deutschland zu sein, denn als kapitalistisch verseuchter Besucher hatte man eigentlich immer Irgendetwas falsch gemacht (gesagt, geschrieben, eingepackt, umgetauscht usw.).

Hier war tatsächlich mal ein "eiserner" Vorhang, bzw. Trennwand
Hier war tatsächlich mal ein „eiserner“ Vorhang, bzw. Trennwand

Den genauen Modus des Grenzübertritts kann man sich am besten bei einer Führung erklären lassen, ich will hier eigentlich nur auf eine nicht minder spannende Geschichte hinweisen, die am Bahnhof nicht erzählt wird – trotz meiner mehrfachen Hinweise im Gästebuch :

Die Flucht halber Klassenverbände von Ost nach West mit dem Moskau-Paris-Express. Karl-Heinz Richter (= Kalle) hat das in einem Büchlein festgehalten – und mir bei einem Bier die Details erzählt, denn das Buch ist etwas dürftig illustriert, d.h. die entscheidende Stelle am Bahnhof muss man sich mühsam heraussuchen.

Er hatte den Tipp von einem Freund bekommen, dass am Schiffbauerdamm 12, am Fernbahngleis der Bahnbrücke über die Spree, eine Stelle war, die von den Grenzern schlecht einzusehen war und nachts die Gelegenheit bot, auf den abgefertigten und langsam (Dampfloks !) anfahrenden Moskau-Paris-Express aufzuspringen. Ausgerechnet Kalle

Band 1 von Karl-Heinz Richter
Band 1 von Karl-Heinz Richter

hat das nun nicht geschafft – etliche Freunde vorher schon – er ist dann sogar abgestürzt und hat seine Hand- und Beinbrüche dann im Stasi-Knast auskurieren dürfen. Immerhin bot das nun Stoff für zwei Paperbacks, Kalle macht heutzutage nun auch Führungen durch den Stasi-Knast Hohenschönhausen, den er dadurch bestens kennengelernt hat.

Beim Lesen dieser Geschichte wird einem bewusst, in welcher Medien-Steinzeit man 1964 im geteilten Berlin noch gelebt hat : Briefe wurden zensiert und dauerten Tage und Wochen, Telefon von West nach Ost war fast unmöglich, kein Fax, keine SMS, kein Twitter, kein Whatsapp, nur Gerüchte vom Hörensagen, und da konnte man auch nie sicher sein, ob das eine konstruierte Falle der Stasi war. (Einige Tipps bekam er von geflüchteten Freunden per Postkarte (!!) aus dem Westen).

An diesem Pfeiler kletterten die "Flüchtlinge" auf den Bahndamm
An diesem Pfeiler kletterten die „Flüchtlinge“ auf den Bahndamm

Irgendwie ist es aber schade, dass der Ort und die Geschichte dazu weder an der Bahnbrücke noch im Tränenpalast erwähnt wird, gewinnen doch Orte immer erst Bedeutung, wenn man ihre Historie kennt. Ich plädiere deshalb für eine kleine Erinnerungstafel, ähnlich den in den Boden eingelassenen Schildern an der Mauergedenkstätte. Fluchtversuche fanden eben  nicht nur dort statt, sondern überall zu Wasser, zu Lande und in der Luft (einer der letzten Mauertoten stürzte im März 1989 von seinem Gas-Ballon in einen Zehlendorfer Vorgarten).

Es fahren wieder Züge nach Moskau
Es fahren wieder Züge nach Moskau

Den durchgehenden Zug von Paris bis Moskau gibt´s nicht mehr, aber den gab es eigentlich nie, denn Russland hat eine andere Spurweite, man musste also umsteigen. Und auch heute ist er nur etwas für ganz Geduldige, hier ist der Weg das Ziel.

One comment

  1. Georg Friesinger

    Was eine Tragik, dass ausgerechnet Kalle es nicht geschafft hat und jetzt aber Führungen gibt. Ich bin neu in Berlin, das ist auf jeden Fall ein Anlaufpunkt. Da lernt man das wahre Berlin kennen 🙂

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