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Das Café Haberland am Bayerischen Platz

Man muss den Senat (sowie die BVG, den rbb, die Lotto-Stiftung etc.) auch mal loben: Am Bayerischen Platz ist ihnen endlich mal was gelungen, was man nicht für möglich gehalten hätte : der Umbau eines bombastischen 70er-Jahre-Bahnhofs. Eigentlich ist der Bahnhof noch älter (von 1910), aber die Linie U 4 fristet mit vier Bahnhöfen und jeweils nur zwei Wagen ein ziemliches Schattendasein, erst im alten WEST:BERLIN mit ihrem S-Bahn-Boykott und dem hoch subventionierten U-Bahnbau wurde er dann zum  Umsteigebahnhof zur U 7, die bis nach Spandau führte. Diese Bahnhöfe der U 7 stammen aus der Zeit des „Brutalismus„, was nur bedingt mit Brutalität zu tun hat, sondern eher mit dem reinen Sichtbeton. Und er stammt aus einer Zeit ungehemmter U-Bahn-Planung, wie man es an den üppigen Bahnhöfen Spandau, Jungfernheide, Schlossstraße, Fehrbelliner Platz u.a. sehen kann. Auch wurden diese Bahnhöfe zeitgemäß in grellen Pop-Farben gestaltet, am Bayerischen Platz logischerweise in weiß-blau.

Der "alte" Bahnhof (Foto von A.Savin)
Der „alte“ Bahnhof (Foto von A.Savin)

Auf die weitere Geschichte des bayerischen Viertels ging man damals nicht ein, dieses holt nun aber das o.a. Café Haberland gewaltig nach, denn es ist gleichzeitig eine frei besuchbare Ausstellung darüber – ohne Verzehrzwang ( so heißt es zumindest).

Schon vorher gab es eine wenig beachtete Installation der Künstler Renata Stih und Frieder Schnock um den Bayerischen Platz, die auf die antisemitischen Gesetze der Nazis hinwies, denn das Viertel hieß im alten Berlin mal die „jüdische Schweiz“, weil hier überproportional wohlhabende Deutsche jüdischen Glaubens wohnten. Diese Gesetze tilgten dann auch die jüdischen Namen aus dem Stadtplan – z.B. die Haberlandstraße – weshalb auch das Café diesen Namen wieder aufgreift und in seinen Räumen eine multimediale Ausstellung über das Bayerische Viertel für Besucher anbietet. Allein schon die Namen ehemaliger Bewohner versprechen eine interessante Erkundungstour durch die Geschichte: Albert Einstein, Egon Erwin Kisch, Emil Kästner, Anna Seghers, Claire Waldoff, Billy Wilder, Coco Schumann u.v.m. Hier kann mal also bei Kaffee und Kuchen seinen Horizont gewaltig erweitern und sich in eine Zeit zurückversetzen, als es in Berlin vor Nobelpreisträgern geradezu wimmelte.

Und nebenbei kann man noch einen Neubau kennenlernen, den es so schon lange nicht gegeben hat: die Aufstockung eines Beton-Bahnhofs um eine attraktive Dachterasse, die bei schönem Wetter sicherlich keine freien Plätze mehr hat. Warum auf dem gerundeten Beton-Monstrum nun ein eckiger Rauchglas-Klotz mit dem Charme eines Zeitungs-Kiosks stehen muss, weiß ich nun auch nicht – vielleicht hatte man wieder den Hausarchitekten des VBB betraut (siehe Ostkreuz u.ä.). Hoffentlich baut der nicht auch noch die Zoo-Terrassen um. Aber allein die Idee, überhaupt umzubauen und dann auch noch zu informieren, ist schon ein großes Lob wert.

 

 

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Uralter Urberliner. Taxifahrer, Eisenbieger, Schneeschipper, Student, Wagenwäscher, Bananenverkäufer, Bauleiter, Ausbilder, Dozent, Hilfsarbeiter, Operator, Systemanalytiker, Autor, Stadtführer, Senior-Experte, Berliner Schnauze, usw. usw. Hab´ich was vergessen ?

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One comment

  1. i miss germany great blog post though

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