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Der Kassenpatient – die Nr. 2 im Gesundheitssystem?

Laut Koalitionsvertrag von Union und SPD dürfen Wartezeiten auf einen Arzttermin künftig die Vierwochenmarke nicht mehr überschreiten. Bekommt ein Patient im Überweisungsfall während dieser Frist keinen Termin (Wunschtermine nicht inbegriffen) so könnte er sich im Krankenhaus behandeln lassen.

Was die Wartezeiten angeht, gibt es kontroverse Diskussionen. Bei einer vorherigen Terminvereinbarung wäre es gar nicht so schlimm (für Privat- wie auch Kassenpatienten) sagen die einen – Worte wie „Patienten 2. Klasse“ gebrauchen die anderen. In Kritik steht zudem, dass diesbezüglich in Auftrag gegebenen Studien nicht selten von Versicherungsunternehmen geordert wurden, welche private Krankenversicherungen verkaufen wollen.

Symbolfoto: Zahnbehandlung Berlin
Symbolfoto: Zahnbehandlung Berlin

Unabhängige Umfragen

Bereits Ende 2013 veröffentlichte „Die Welt“ in ihrer Internetausgabe Ergebnisse durchgeführter „Stichproben“ in Bezug auf Unterschiede in der Terminvergabe seitens der Fachärzte in Berlin, Hamburg und München. Demnach warteten Kassenpatienten im Schnitt länger als 50 Tage auf einen Facharzttermin. Bei Orthopäden beispielsweise bekamen sie ihren Termin vier Wochen später als privat versicherte Patienten, bei Hautärzten waren es sogar sechs bis acht Wochen.

Im selben Jahr telefonierten die Grünen in Brandenburg und Niedersachsen ca. 600 Arztpraxen ab, um annähernd die gleichen Ergebnisse zu erhalten. Hier betrug die längere Wartezeit für gesetzlich versicherte Patienten im Durchschnitt 24 Tage. Zur Ehrenrettung der Facharztpraxen wurde aber auch positiv zur Kenntnis genommen, dass es in ca. jeder dritten Praxis seitens der Terminvergabe nicht auf den Versicherungsstatus ankam. In Zahnarztpraxen (auch bezüglich Berlin) ist im Übrigen sehr schnell ein Termin zu bekommen.

Mögliche Ursachen

Im Bereich der Haus- und Facharztversorgung gibt es noch immer die sogenannte Budgetierung. Das heißt, dass privat versicherte Patienten oftmals doppelt so hohe Sätze bei ihren Versicherungsträgern zur Erstattung einreichen können, wie gesetzlich Versicherte. Für diese gelten festgesetzte Gebührensätze und Pauschaulen zur Abrechnung. Bei Privatpatienten können auch Behandlungsmethoden abgerechnet werden, die aufgrund noch fehlender Studien nicht in den Behandlungskatalog der gesetzlichen Versicherungen aufgenommen wurden (IGeL-Leistungen).

Susanne Mauersberg vom Bundesverband der Verbraucherzentralen sieht die Ursachen in den Honorierungsunterschieden. Privatpatienten wären demnach „lukrativer“ was zu „Fehlanreizen“ führte.

Lösungsansätze

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, forderte bereits Ende 2013 die sogenannte „dringliche Überweisung“. Diese würde Hausärzten die Möglichkeit verschaffen, Kassenpatienten schneller einen Facharzttermin bereitzustellen.

In Mecklenburg-Vorpommern fand 2013 ein Modellversuch statt, initiiert von der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung und der AOK Nordost. A- und B-Überweisungen – deren Zusätze auf die Dringlichkeit bezogen sind – sollten eine zeitnahe Behandlung bei einem Facharzt ermöglichen. Kategorie A sollte die Übernahme des Patienten innerhalb eines Werktages sicherstellen, Kategorie B innerhalb einer Woche. Honorarmäßig schlüge die Erstere mit 8 Euro für den Überweisenden und 10 Euro für den übernehmenden Arzt zu Buche, die Zweite mit 5 bzw. 6 Euro. Das Ergebnis zeigte jedoch, dass im Jahr 2013 nur 1,3 % aller Überweisungen in Mecklenburg-Vorpommern derart gekennzeichnet waren.

Fazit:

Das Problem längerer Wartezeiten gibt es nicht nur in Berlin und je weiter ländlich die entsprechende Region liegt, desto größer scheint es zu werden. Es geschieht nicht ohne Grund, dass sich junge Ärzte nicht mehr niederlassen oder in größere Städte abwandern. Die vermeintliche „Profitgier“ ist (überzogen ausgedrückt) oftmals ein „Kampf um das Überleben“. Selten können Fallpauschalen alle Therapiekosten decken. Und sind es nicht genau diese, welche Patienten vom Individuum zu Nummern machen?

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  1. Ich denke, die „dringliche Überweisung“ würde nicht viel bringen. Auf bitten und flehen würden diese dann einfach inflationär ausgestellt und verfehlen dadurch ihren Sinn. Das Problem der Wartezeiten wird sich, gerade in Ballungsgebieten, nie und nimmer lösen lassen. Auf einen Arzt kommen etliche Patienten, welche dann auf Grund Zeitmangels wie Tiere abgefertigt werden.

  2. Berliner Zahnärzte

    So lange die gesetzlichen Krankenkassen weiterhin, wie in den vergangen Jahren bereits erfolgreich geschehen, die Leistungen der Ärzte nicht nur immer geringer vergüten, sondern auch noch aus dem Leistungskatalog streichen, ist der Patient 2. Klasse ein Objekt dieser Gesellschaft.

  3. Zahnarzt aus Berlin

    Da die gesetzlichen Leistungen der Krankenkassen stetig gekürzt werden und obendrein Begleichungen offener Rechnungsforderungen mühsam erstritten werden müssen, sollte es nicht verwundern, dass Zahnärzte bevorzugt privat versicherte Patienten bevorzugen.

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