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Die Magnetbahn und das Berlin von Einst

Frühjahr 1989, die heutige Einkaufsmeile um den Potsdamer Platz war eine Brachfläche, die am Wochenende den damals lebhaftesten Flohmarkt der Stadt Platz machte. Wo heute der U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park steht, war die Endhaltestelle der Magnetbahn und Ausgangspunkt für den Flohmarkt.Am Gleisdreieck konnte man einsteigen. Die geradezu verwunderten Blicke über das Fehlen eines Fahrers im hochmodernen Zug bot oft eine extra Portion Unterhaltung.

Unzählige Male bin ich – u.a. mit meiner Mama – mit der extra leisen Wunder der Technik gefahren. Als eine passionierte Sammlerin von Gläsern aller Art und Liebhaberin des Feilschen war für sie der Flohmarkt an jedem Wochenende Pflichtprogramm. Für mich wiederum ein willkommener Vorwand, um wieder mit der Magnetbahn zu fahren und Hightechfeeling in einer Umgebung von Niemansland zu spüren. Mit der Absicht, die Fahrt zu filmen, kaufte ich mir eine Super-8 Filmkamera auf dem Flohmarkt. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich das für mich 8. Weltwunder für sage und schreibe 20,oo Mark ergattern konnte. Das Glücksgefühl hielt jedoch nicht lange. Zu meinem Pech musste ich daheim feststellen, dass auch neue Batterien das Ding nicht zum Laufen brachten. Ein Besuch beim Photofachgeschäft in der Köthener Str. brachte die endgültige Gewissheit: Ich wurde auf dem Flohmarkt rein gelegt. Hier dafür ein Blog-Artikel mit einem Video von einer Fahrt mit der Magnetbahn.

Der Flohmarkt auf der Wiese war sowieso eine Welt für sich, ziemlich chaotisch, angemessen mit dem Zeitgeist von Berlin damals: Schreiende Händler, teilweise aus Polen angereist, gierige Kunden auf der Suche nach Schnäppchen. Einmal habe ich mich -beinah – von einem Fernsehapparat verführen lassen. Aber meine Mama riet mich davon ab und dann haben wir beschlossen, kein Gerät auf dem Flohmarkt zu kaufen, ohne vorher vor Ort getestet zu haben, was im Umkehrschluss bedeutetet: Was nicht vor Ort getestet werden kann wird nicht gekauft. Eine Ausnahme gab es trotzdem: Ein gebrauchter Mixer  – samt Zubehör –  für 5,00 DM habe ich riskiert und bis auf die IV und letzte Geschwindigkeitsstufe, läuft er bis heute!

Die Strecke bis zum Potsdamer Platz mit der Magnetbahn bot einen erkenntnisreichen Blick über die Brachfläche im damaligen Niemandsland sowie über das Tun oder sich Langweilen der damaligen DDR-Grenzpolizisten. Aus einer vorteilhaften Perspektive konnte man genau feststellen, wie die Grenze, die Stadt Berlin mit offenen Wunden der Teilung versehen hatte.

Angezogen von Schnäppchen-Angeboten des Flohmarkts war die Magnetbahn eine kleine Arche Noah und sprachlich ein regelrechtes Babylon! Nicht selten, verwundert über das Fehlen eines Fahrers oder sonstiges Personal, fragte jemand mit starker ausländischem Akzent in die Umgebung des Einstiegsbereiches: „Robot?“ was ich immer wieder (inzwischen als Stammbenutzerin der Magnetbahn) genüsslich und mit einem lachenden „Ja!“ beantwortete. Auch das gesamte automatische Prozedere (Ansage aus der Konserve, Tür schliessen und schließlich die Fahrt) verursachte große Augen – und das nicht nur bei den Kleinen.

Die damalige Redaktion der Abendschau berichtete oft von Experten, die unisono von sich gaben, die Magnetbahn sei für so eine kurze Strecke ökonomisch nicht rentabel. Mag auch stimmen. Aber im Herbst ’89 wurde Berlin endlich eins. Mann hätte das Projekt erneut in Betracht ziehen können, wo alles sowieso im Umbruch war. Das hätte die Attraktivität in der Wendezeit, nämlich als der Ost-und der Westteil zusammen wuchsen, erheblich erhöht. Fazit: Selbst wenn Berlin ein Pionierprojekt auf die Beine stellt, gibt es immer die Nörgler vom Dienst, die gut wissen, wie kreative Ideen madig gemacht werden können. Nicht seit einst wissen wir: Das hat in Berlin Schule!

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  1. Da kommt ein wahres Gefühl von Nostalgie auf und du kannst dich denke ich sehr glücklich schätzen, dass du diesen Moment so lebhaft erleben durftest und ihn in deinen Gedanken archiviert hast.

    PS: Magnetschwebebahnen madig machen können wir auch in Bayern 😉

    • Danke für Dein Feedback, Claudia.
      Das damalige West-Berlin war schon was ganz besonders. Es gibt noch viele Erinnerungen aus dieser Zeit und diese Erfahrungen
      möchte ich nicht missen.
      Schön war aber auch die Möglichkeit, diese Erfahrungen hier mit Euch zu teilen.
      Beste Grüße in den Süden!

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