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Berliner Biographien im Schatten sozialer Kälte

Nach einer Langzeitbeobachtung habe ich beschlossen, nun im Vorfeld der Bundestagswahl, diesen Artikel zu schreiben. Wenn von Berlin die Rede ist, gerade in einem Portal, welches die Vorzüge der Stadt anpreist, ist von der Weltmetropole, zu einem Ort wo alle einen Koffer hinterlegen wollen, die Rede. Zudem eine von Kultur geprägte Stadt für alle Geschmäcker und damit ganz ohne Zweifel ist Berlin die pulsierendste Metropole Europas.

Symbolbild: Die Schattenseiten der modernen Gesellschaft
Symbolbild: Die Schattenseiten der modernen Gesellschaft

Wenn die abwechslungsreichen Wochenenden vorbei sind, taucht man wieder in den Berliner Alltag ein und sieht vieles, was man nicht unbedingt mit einer glänzenden Metropole vom reichsten Land Europas, verbindet. Das soziale Berlin vor allem aber die Solidarität unter Menschen unterschiedlichen Couleur hat in den letzten Jahren (auch auf dem Hintergrund der Gentrifizierung) stark abgenommen . Ganz zu schweigen von der eklatanten Einsamkeit – vor allem derer, die den Tiefpunkt des sozialen Netzes erreicht haben: Die Obdachlosen, zum Beispiel. Mittlerweile sind die Bürgerämter, Bibliotheken (insbesondere die Amerika-Gedenk-Bibliothek am Halleschen-Tor) tagsüber ein Zufluchtsort für Obdachlose; Sei es um Zeitungen zu lesen, die Handys aufzuladen oder einfach im Trockenen zu sitzen. Wie der Zufall wollte, traf ich im frühen Sommer bei einer Open-Air-Veranstaltung auf Rainer (Name geändert). Unmittelbar nach Beginn unseres Gespräches sagte er geradeaus: „Seit 17 Jahren lebe ich auf der Straße“ und blickt neugierig, gespannt auf meine Reaktion. Die wiederum war von einer Überraschung versehen, diese solche, die den Atem erst einmal ins Stocken bringt, die einem ins Bewusstsein ruft, dass viele dieser Schicksale um uns herum sind.

Nun aber sind wir Berliner mit allen Wassern gewaschen und man möchte nicht als Weltfremd und Spießig dastehen. Nun aber stand ich dermaßen unter Schock, dass mir die Erinnerungen an den weiteren Verlauf des Gespräches an jenem Abend, völlig weg sind. Rainer ist 43 Jahre alt, UrBerliner, hat keine Familie und hat eine Behinderung am rechten Bein, was nach eigenen Angaben zur Folge hat, dass er sich nur auf Damenräder  fortbewegen kann. Das eine Damenrad habe er auf einer Auktion der BVG für 60,00 Euro ergattert. Es sind viele Geschichten, die er mir wie ein Junge, der ein bisschen aus der Reihe tanzt, will heißen, sich als ein Exot vermarkten will und meine Reaktionen auf seine Erzählungen immer wieder testen möchte. Einige wenige Male sind wir uns bei der selben Veranstaltung begegnet.

Sicher kenne ich die soziale Härte, die in Berlin herrscht. Das kennt man aus dem Bekanntenkreis, aber bis dato kannte ich, persönlich, keinen Obdachlosen, vor allem, der schon so lange Zeit auf der Straße lebt. In den Tagen nach unserer ersten Begegnung, sind mir die Konsequenzen dieser knallharten Biographie ernst bewusst geworden: Viel mehr als der Wunsch nach dem Luxus, die Hände mit der Lieblingsseife waschen zu wollen, gibt es auch der Wunsch nach Privatsphäre aber auch den schlichten Wunsch nach Hause zu kommen, die Tür zu verbarrikadieren nach dem Motto, die Welt da draußen kann mir gestohlen bleiben. Durch die Gespräche bei den vielen sommerlich bedingten Veranstaltungen formierte sich für mich ein Mosaik über diese versteckte Biographie: Ein Mosaik-Teil kommt von seinem Kumpel aus dem SO36, bzgl. Rainers festen Schlafplatz, dieser läge mitten im neuen Zentrum Berlins. Will heißen: Im reichsten Land Europas, geht jeden Abend Rainer zu seinem Schlafplatz, im Freien, auf harten Boden bei Wind und Wetter. Diese Vorstellung erzeugte in mir eine immense Wut, darüber wie es sein kann, dass mangels politischer Willen es vermasselt wird, diese Menschen in die Gesellschaft zurück zu holen. Dass es ihnen ermöglicht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sicherlich gibt es welche, und Rainer ist einer davon, der nicht bereit ist sich „zu biegen“ zum Beispiel in dem er ein ganzes Jahr in einer 5er Männer-WG unter Aufsicht der Behörde wohnen müsste, um Sozialhilfe überhaupt zu erhalten. „Ich bin kein Stück Vieh“, sagt er im halb ironischen und halb resignierten Ton.

Sein Brot verdient er nach eigenen Angaben mit den (blöden) Touristen, in dem er ihnen ins Hotel oder zum Ort-X begleitet und Tipps gibt. Insbesondere sein Wissen über Kulinarisches in der Hauptstadt ist verblüffend. Englisch spricht er auch. Je mehr ich von seiner Geschichte höre, desto mehr frage ich mich, was passieren kann, damit es überhaupt so weit kommt. Bei vielen ist es sicherlich ein schleichender Prozess, bei anderen ein Schlüsselerlebnis. Es könne viele Ursachen geben. Selbst wenn Rainer sich mehr oder weniger überzeugend als Exot darstellt, dahinter steckt eine knallharte Lebenswirklichkeit die im Sommer wie im Winter jeden Tag aufs Neue ansteht. Zugegeben, sein Optimismus oder gar Resignation ist für mich verfremdend (wie konnte es anders sein?). Klar ist: Sein Optimismus ist nicht nur legitim, für ihn allemal, aber lebensnotwendig. In meiner Bemühung, Rainer zu helfen, recherchierte ich über Obdachlose im Internet und lass, das gerade bei ihnen die gesundheitliche Versorgung sehr rudimentär und unregelmäßig sei.

Voller Tatendrang suchte ich im Internet nach Ärzten, die sich die medizinische Versorgung von Obdachlosen auf die Fahne geschrieben haben. Eine die ich gefunden habe, ist eine französische Ärztin mit einer respektablen Webpräsenz. Die andere Einrichtung war die Caritas. Alle zwei habe ich ausgedruckt, in einen Briefumschlag hübsch verpackt und Rainer gegeben. In aller meiner Naivität rechnete ich mit einem positiven Zeichen für meine solidarische Bemühung. Anstatt dessen habe ich gehört: „Die eine Ärztin ist bei Scientology und das andere kenne ich auch.“ Mir wurde auf Anhieb klar, wie fremd mir diese knallharte Lebenswirklichkeit ist und wie naiv Rainer mich gehalten haben mag. Nach einem Gefühl des Unbehagens wurde mir klar, dass es immer besser ist, naiv als herzenskalt zu sein. Noch mit mehr Abstand habe ich verstanden, dass nach 17 Jahren auf der Straße und das Zusammenbrechen von sozialen Kontakten es sicher schwer ist, irgend etwas von Außen anzunehmen oder gar willkommen zu heißen.

Obdachlose hat es sicher immer gegeben und weiß Gott nicht nur in Berlin. Aber die Häufigkeit, in der der soziale Abstieg in der Hauptstadt mir ins Auge sticht, ist beängstigend. Die Bundestagswahl ist nicht mehr weit. Es ist höchst Zeit – und nicht nur bei den noch Unentschlossenen –  darüber nachzudenken, wem wir unsere Stimme geben. Es ist enorm wichtig, eine Stimme für ein friedliches und gerechtes Berlin zu erheben. Aber aufgepasst: Der soziale Umgang, das soziale Bewusstsein kann und wird allein nicht von den Politikern kommen. Es liegt auch an uns, im täglichen Leben gegen Ungerechtigkeit die Stimme zu erheben, sei es gegen die Willkür der Behörde oder dem unverschämten unfreundlichen Ton des Taxifahrers oder eben der unerträgliche Zustand, dass ein Berliner seinen Schlafplatz nähe der Glanzmeile, unter uns, mitten in der Stadt hat.

Rainer strahlt eine Haltung der Gleichgültigkeit aus: Gegenüber dieser Gesellschaft aber auch gegenüber seiner Situation, die er offenbar als unausweichlich ansieht. Oft vergessen wir im mondänen Berlin, dass diese auch Biographien sind, die mit der Zeit und mit der zunehmenden sozialen Kälte der Politik und Gleichgültigkeit mancher Mitmenschen, mit der Zeit, unsichtbar werden.

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  1. Ich finde den Artikel von Fatima Lacerda sehr wichtig und realitätsnah. Sie hat den Mut, den „Unberührbaren“ unserer Gesellschaft auf Augenhöhe zu begegnen. Respekt!

  2. Fatima Lacerda hat den Mut, denen, die aus Gründen, die wir nicht kennen durch das Netz der Mainstream-Gesellschaft, des Angepaßtseins, gefallenen sind, auf Augenhöhe zu begegnen – würdevoll. Respekt!

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