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Von Kreuzberg nach Neukölln – Ein Streifzug

Es bedarf keines großen Ausflugs um hautnah zu begreifen, dass Berlin aus einer Zusammensetzung vieler Dörfer entstanden ist. Deshalb ist der Unterschied – auch – zwischen benachbachten Bezirken nicht unerheblich: Es geht von der Auswahl an Klamotten, über die Auswahl des Supermarktes bis hin zum Konsumieren von Kultur.

Unterwegs mit dem Fahrrad vom Mehringdamm zur Sonnenallee zeigt sich ein klares Bild von der kulturellen und sozialen Vielfalt dieser Stadt:  Neben dem Eingang des Mehringhofs ist ein Restaurant, an dessen Außentisch sich bereits um 10 Uhr in der Früh Leute finden lassen. Das koreanische Restaurant erholt sich noch von den Strapazen der Nacht davor. Ein paar Schritte weiter dann der Spätkauf, der auch früh schon seine laufende Kundschaft hat. Dort hinter dem Tresen steht – dem sehr rauen Dialekt nach zu urteilen – eine Berlinerin. Der Laden ist groß, wenig beleuchtet und unübersichtlich. Um eine erfrischende Capri Sonne zu bekommen geht man die Treppe hoch, läuft bis hinten durch, öffnet den Kühlschrank und muss wühlen. Alle Sorten Capris sind durcheinander. Währenddessen geht die Unterhaltung mit der Kundin im Rollstuhl unbeirrt weiter. Auf der anderen Seite des Bürgersteigs ist der Swingerclub. Der Name „Zwanglos“ soll vermutlich die ganz Schüchternen ermutigen dort hinein zu gehen. Die Außentür ist immer offen für die Neugierigen, die kaum erwarten können, jemanden der herein oder heraus kommt, zu erwischen und gleich den „Scannerblick“ einzusetzen und schnellstmöglich ein Urteil zu bilden. Wenn jemand vor der Glasvitrine am Eingang steht, dann sind es ganz sicher Touristen. Kiezbewohner trauen sich nicht.

Weiter zur Ecke Zossener Str.: Dort ist ein Billigladen zum Telefonieren in die ganze Welt. Die Kabinen wie in den Zeiten vom Postmeldeamt gibt es dort nocht immer. Gleich daneben  der Falafelladen. Dort treffen sich Studis, Touristen und jede Menge Freunde der arabischen Küche und der lautstarken Unterhaltung. Die Bedienung ist nicht sonderlich freundlich, aber der Humus kann sich sehen lassen.

Weiter in Richtung Hermannplatz gibt’s mehrere verlassene Hinterhöfe, die hier und dort noch eine kleine Firma verstecken. Dann eine typische Berliner Eckkneipe. Auf Plastikstühlen sitzen ältere Herren mit einem verlorenen Blick auf den Mittelstreifen oder dahin wo sich Leben noch finden lässt, gerichtet.

Danach eröffnet sich der Blick auf den wunderschönen Südstern. Edle Restaurants, schnelle Lieferanten wie Call a Pizza, Discounter, Tanzchulen und das Brauhaus Südstern, mit seiner wunderschönen Veranda. Hier sind 61er beinahe gänzlich unter sich im Kiez. Gelegentlich gibt es auch Live-Musik von immer wieder dort auftretende Bands. Gleich danach das hässliche Authohaus, neben dem Mini-Golf-Eingang. Dort trifft man Schüler, Eltern mit Kindern und Männergruppen nach Feierabend.

Auf der gegenüber liegende Seite ist ein türkisches Cafe. Dort im Garten sitzen gemütlich junge Türken und pflegen, mitten in Berlin, ihre Kultur des Wasserpfeiffenrauchens. Ein paar Schritte weiter der Beginn der Hasenheide. Dort, verstreut und gleichermaßen aufmerksam, Drogendealer aller Art, die weltgewandt zweisprachig ihre Produkte anbieten. Nicht nur Passanten, auch Radfahrer werden angesprochen. Vor dem Huxley’s sitzen aufeinander gehockt unzählige Rocker/Punks auf dem Boden. Ein Mann mit nacktem Oberkörper spielt mit seinem Hund. Der daneben sitzt hält einen Hut direkt vor seine Knie. Entgegen  kommen einem allerlei Menschen, aus allen Richtungen, so dass der Bürgersteg kaum passierbar ist – mit oder ohne Fahrrad. Das Fortkommen ist nur durch sehr konzertrierte Ausweichmanöver möglich.

Vor dem U-Bhf Eingang der Trödelladen. Am Eingang der Wissmannstr. wieder eine Eckkneipe. Dort sitzen an diesem Nachmittag Ur-Berliner, die gefühlte 100 Jahre auf die knallige Hitze gewartet haben. Ach, mal raus, Hemd zu Hause lassen und ab ins pralle Leben. Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger kommen von allen Seiten. Ein ziemliches Chaos.

Auf der anderen Seite vom Hermannplatz der seit ewig bestehende Matratzenladen. Am Kottbusser Tor entlang (von der linken Seite), mehrere Dönnerläden, dann der billige Friseur für 10 Euro, der Pizzaladen, das Reformhaus, welches noch in bester Westberlinermanier auf eine Mittagspause zwischen 13 und 14 Uhr beharrt. Danach ein türkischer Laden mit wahrscheinlich den besten Süssigkeiten des Bezirks. Der ist ja nun kein Geheimtipp mehr. Sonntagnachmittags treffen sich hier Kiezbewohner auf der Suche nach den edlen türkischen Spezialitäten mit Pistazien, Marzipan- oder Walnußfüllungen, zum selbst Verzehren oder schön verpackt zum Verschenken.

An einem heißen Donnerstag Nachmittag sitzt ein Paar zwischen Ladeneingang und jeder Menge Baugerüste. Der Geruch von Baustaub stört nicht weiter. Hauptsache (endlich) draußen sitzen können. Der Mann hält das kleine Baby in den Armen und schaut in die Umgebung, während das Kind von dem einem zum anderen Arm getragen wird. Daneben eine regelrechte Oase: Optiker Fielmann. Dort wird man freundlich begrüßt, die Menschen hinter dem Tresen sind sehr gut ausgebildet, vor allem aber können sie schnell reagieren: Die einen wollen Kontaklinsen nachbestellen, die anderen das Pflegemittel dazu, die anderen eine ganz neue Brille. Die dortige Geschäftsführerin hat alles im Griff – mit viel Charme und Kompetenz. Es ist dem Megaunternehmen Fielmann gelungen, ein perfektes Unternehmenskonzept zu erstellen. Das Fielmannteam besteht zugegebenermaßen meistens aus deutschem Personal, ist aber für unterschiedliche kulturelle Eigenschaften durchaus vorbereitet. In den Stoßzeiten kann sich dort ein kultureller Kosmos sammeln, ohne dass der Lärmpegel strapaziert wird. Beim Weggehen wird einem die Tür aufgemacht, aufgehalten und man wird per Handdruck verabschiedet – und das an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Die Überraschung über so viel Freundlichkeit packt einen immer wieder aufs Neue. Caos und Ordnung dicht beieinander, zwischen Kreuzberg und Neukölln.

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  1. Ar-City-Werbung

    Der türkische Süssigkeitsladen ist doch Carik Kuruyemis oder? 🙂
    Genau das macht Berlin aus und genau aus diesem Grund liebe ich diese Stadt. Jeder hat seine Ecke, wo er zufrieden ist und die City ist einfach sehr bunt.

    Gruß

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