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Der Anhalter Bahnhof und was davon übrig blieb

In der Nähe des Tempodroms am Askanischen Platz stehen die kläglichen Überreste des Anhalter Bahnhofs – eine Portalfassade, von der Seite des Platzes sogar ziemlich unschön anzusehen. Wenigstens die andere Seite sieht mit den Rundbögen noch ganz schick aus. Dabei war der 1841 fertig gestellte Kopfbahnhof der Sächsischen (später Berlin-Anhaltischen) Eisenbahn früher ein Ort voller Trubel und einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Berlins. Der Bahnhof am Anhalter Tor vor der Berliner Zollmauer wurde auch „Tor zum Süden“ genannt – von hier fuhren die Züge z.B. nach Wien, Rom, Marseille und Athen.

Bald schon wurde der Platz zu klein, 1880 eröffnete schon ein monumentaler Neubau. Die Haupthalle war 170m lang und über 60m breit, die übrig gebliebene Ruine führte früher zu den Wartesälen. Kaiser Wilhelm II. empfing hier im Rahmen großer Staatsempfänge seine ausländischen Staatsgäste. Seit 1928 war der Bahnhof durch den „längsten Hoteltunnel der Welt“ auf direktem Weg mit dem Hotel Excelsior verbunden.

Luftaufnahme von 1919
Luftaufnahme von 1919

Während des 2. Weltkriegs wurde der Bahnhof von den Nazis genutzt, um ab 1942 in 116 Zügen 9.600 Juden nach Theresienstadt und andere KZ‘s in Osteuropa zu bringen. 1945 wurde der Bahnhof durch Bombenangriffe schwer beschädigt, jedoch wurde schon im August 1946 der Betrieb wieder aufgenommen. Die deutsche Teilung führte zu einer Verlagerung des Bahnverkehrs, 1952 wurde der Bahnhof still gelegt.

1959-61 erfolgte der Abbruch des Bahnhofsgebäudes. Bürgerproteste bewirkten, dass wenigstens das jetzt noch bestehende Stück Fassade blieb. Die beiden Figuren hoch oben zu beiden Seiten der ehemaligen Uhr sind Kopien der Originale von Ludwig Brunow und symbolisieren den Tag (in die Ferne schauend) und die Nacht (die Augen geschlossen).

Anhalter Bahnhof 30.06 (2)Anhalter Bahnhof 30.06 (1)

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War 4 Jahre lang "Berliner" - im Moment hat es mich ins Rheinland verschlagen. Aber mein Herz geht immer noch auf, wenn ich nach Berlin komme! :-)

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  1. Was soll ich dazu sagen? Der „Anhalter“ ist Teil meiner Jugend. Habe ihn nie benutzt. Doch die Gegend kenne ich gut. Im letzten Jahr (2012) war ich dort. In der „Stunde Null“ bin ich am Askanischen Platz gewesen, alles Trümmer. Im Exelsior haben wir in den schlimmsten Tag zu Mittag gegessen. Meine Mutter hat im Postamt 11 Briefe sortiert und im Hebbel Theater für die Russen saubergemacht (Mai 1945).

    Beim Marathon, 1997, sind wir auf der alten Auffahrt und unter dem Dach des Portikus gelaufen. Das sind alles Momente der Trauer und der Erinnerung. Es ist gut, dass noch etwas steht. Berlin erlebte am Anhalter Bahnhof eine großartige Zeit.

  2. Übrigens : Die stützenfreie Hallendecke, die damals sehr bestaunt wurde, wurde von einem Statiker berechnet, dessen Name man aus anderem Zusammenhang kennt : von Heinrich Seidel.
    Der hat nämlich auch den Roman „Leberecht Hühnchen“ geschrieben. Allerdings erst nach der Hallenberechnung, und ist dann bei der Schriftstellerei geblieben.

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