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Cycle Love – Fahrradliebe Allerlei

Wer in einer Stadt aufgewachsen ist, wo das Radfahren überwiegend im Rahmen der Freizeitgestaltung praktiziert wird, kann sich glücklich schätzen, in Berlin das Fahrrad – als Dauerbegleitung in allen Lebenslagen – täglich nutzen zu können. Auch wenn manche hiesige Fahrradwege eher einem Schweizer Käse ähneln, gilt: Aus der Fahrradperspektive ist Berlin am schönsten. Nicht etwa weil damit mancher urbaner Malheur leichter zu übersehen ist. Das pulsierende Herz der Stadt Berlin lässt sich mit dem Fahrrad intensiver erahnen und erleben. In Sommernächten, die Straßen von Berlin unsicher machen oder durch den gerade vom Regen beschenkten vor allem menschenleeren Tiergarten zu fahren, dabei Fairy laut hören, die kalte Luft durch die Nasenhöhlen zu empfangen während der Kopf immer freier wird, sind einige von vielen Möglichkeiten einer sinnlich gelebten Freiheit auf dem Rad. Auch bei praktischen Anlässen kann das Fahrrad Abhilfe schaffen: Zum Beispiel wenn die Verabredung nicht so gut gelaufen ist, nach dem Motto „Nix wie weg hier (!)“ oder wenn die wiederum lang ersehnte Verabredung bevorsteht, dann wird der Tiergarten schon mal als Nürburgring-Ersatz zweckentfremdet, wenn es nicht schnell genug gehen kann um ans Ziel zu gelangen.

Papagei auf Fatimas (Artikelautorin) Fahrrad
Papagei auf Fátimas (Artikelautorin) Damenrad

Nicht nur als Transportmittel, unabhängig von Bus (und etwaige schlechte Laune des Fahrers) und S-Bahn, wo man nie so richtig einschätzen kann, wann und ob sie kommt. Auch die stickige U-Bahnluft bleibt einem erspart. Wenn Mensch/Rad soviel Zeit miteinander verbringen, sollte man es sich schön machen. So geht es Berlinern wie Zugezogenen, die ihr Zweirad ganz persönlich gestalten. Eine Menge dieser urbaner Zeitgenossen hat Autor Simon Aksinat vorgestellt in einem gerade erschienen Buch mit dem minimalistischen Titel „Cycle Love„. Wäre nicht das elegante – edler Weise – Schindelhauer Rad auf dem Cover, könnte man zunächst vermuten, es gehe in dem Buch um urbane-trendige Modeartikel aus Berlin-Mitte. Dann aber wird auf Seite Eins klar, worum es geht: Mitten in der Stadt, blickt ein Mann – kontemplativ – auf sein Fahrrad. In the middle of nowhere … Nicht er, sondern das Fahrrad steht im Vordergrund. Alles klar.

Viele bunte Fahrräder
Vergessene Fahrräder auf dem Hinterhof

Die Liebe zum Fahrrad hat viele Gesichter: Für Manche steht der Lifestyle im Vordergrund. Für Andere die Umweltfreundliche Botschaft, was ja auch ein Lifestyle-Aspekt ist, und was es nicht alles für Botschaften (direkte, indirekte, politische)  gibt. Die Autorin dieses Textes, auch im Winter eine passionierte Radfahrerin, ist die Bewegungsfreiheit und der unmittelbare Kontakt zur Natur das Wichtigste am Radfahren. Eine besondere Botschaft direkt auf dem Rad gibt es auch. Erst als ich eine Maus (von der WDR-Kultsendung) als Hupe benutzte, wurde mir klar welchen Kultstatus dieses generationsübergreifende Symbol genießt. Allesamt von Jungen und Alten, Einheimischen, Touristen von nah und fern wurde ich auf die Maus angesprochen. Zwei Male wurde sie aus dem Fahrradlenker entwendet oder mutwillig zerstört: Daraufhin musste ich handeln. Das jetzige Merkmal meines Fahrrads ist ein bunter Papagei, über den ich – wenn gefragt – mit einem Schmunzeln antworte: „Aus dem Urwald“. Der Wechsel hat sich als gut erwiesen. Ununterbrochen seit nunmehr 2 Jahren fährt er unbeirrt, auf der linken Seite des Lenkers meines Damenrads der Marke Diamant. Ein Rennrad mit dünnen Rädern gibt es auch, als Reserve, für Besucher oder eben für die ganz rasenden Momente.

Cover des Buches "Cycle Love"
Cover des Buches „Cycle Love“

Simon Akstinat hat im „Cycle Love“allerlei Menschen porträtiert. Auf der kürzlich stattgefundenen Buchparty im Fahrradladen Stilrad, gefragt wie die Porträt-Konstellation zustande kam, erklärte Simon, er habe Leute auf Fahrradmessen, sowie Bekannte aber auch ganz unbekannte Leute auf der Straße angesprochen. Und überhaupt, auf der Buchparty untermauert Simon seine Kommunikationsfähigkeiten: Während seiner mit Spannung gefolgten Rede dankte er dem Münchener Verlag Knesebeck für die …“ wunderbare graphische Zusammensetzung“ und fügte diplomatisch hinzu „… Ich weiß, dass man bei so einem Buch (damit sind die zahlreichen Bilder gemeint) eine Menge falsch machen kann. Ihr habt aber alles richtig gemacht“. Bevor die Dankesrede ganz zu Ende war, dann ein Hinweis: „Habt den Mut, miteinander ins Gespräch zu kommen, auch Unbekannte anzusprechen…“. Während der Satz noch gar nicht zu Ende ausgesprochen wurde, klopfte jemand auf meine Schulter, gab mir einen kräftigen Handdruck und sagte: „Ich bin der Jens“. Marketing erprobt und bewaffnet mit einem guten Produkt, erzählte mir Jens Hübner wie er sage und schreibe ganze 42 Länder mit dem Fahrrad erkundete. Sein wortintensiver Diskurs ist eine gesunde Mischung zwischen Begeisterung für das eigene Produkt und eine unmissverständliche wohl notwendige Portion Marketing. Im Cycle Love wird Jens samt seinem Fahrrad mit zwei auf dem Lenker hängenden Bananen porträtiert. Man könne meinen, die seien eine nette Erinnerung an bereiste „Bananen Republiken“. Mitnichten! Sein gute Laune ist ansteckend und er verkörpert eine der Schlüsselfunktionen des Radfahrens: Land und Leute kennenlernen, möglich auch vor der eigenen Haustür, man muss es nur wollen.

Bunt geschmücktes Rad
Bunt geschmücktes Rad

Ein interessantes Porträt ist das vom dänischen Botschafter Poulsen-Hansen, der sich nicht nehmen lässt – klar zu stellen –  dass Kopenhagen, in Sache Infrastruktur und Fahrradfreundlichkeit bereits das gute alte Amsterdam abgelöst habe. Man nehme sogar hin, dass Kopenhagen jetzt das Problem des Fahrradstaus habe. Das besondere Merkmal an seinem Rad neben dem dänischen Rot versteht sich, ist die Beschriftung „Kgl. Dänische Botschaft“, was sicherlich immer freie Fahrt garantiert und Diebe auf Abstand hält. Auch der Ur-Grüne Hans-Christian Ströbele hat sein Rad als Lebensbegleiter. Aus guter Quelle weiß ich, dass während er auf Demos gekonnt die Volksnähe praktiziert, immer ein „Grüner“ vom Kreisverband auf sein Rad aufpassen muss. Gefragt, wie er dem berühmten Grünen überzeugen konnte beim Buchprojekt mitzumachen antwortete Simon selbstbewusst: „Bei einem solchen Projekt, gehört er dazu. Er musste dabei sein.“ Darauf hin unterlasse ich das Nachfragen, denn wie Helmut Kohl immer zu sagen pflegte: „Was zählt, ist was zum Schluss rauskommt.“

Im „Cycle Love“ zeigen sich futuristische, retro-bewußte und mega-eitele und uneitele RadfahrerInnen. Bei allen Lifestyle-Aspekten darf nicht in Vergessenheit geraten, dass das Losfahren am besten ohne Plan A oder B, am meisten Spaß macht. Da trifft die Aussage der „…sächsischen Frohnatur“ Kristin Ulbricht am Besten zu: „Wenn mir mal langweilig ist, setze ich mich einfach auf meinen Cruiser, radle durch den Kiez und dann geht das ganz schnell wieder vorbei“. Der Draufgängertyp durfte im Buch auch nicht fehlen: Der Fahrradliebhaber mit dem adligen Namen Jürgen Karl Otto Grählert hat sein bestes Stück im Unfallschrott gefunden: Auf dem Korb steht ein blauer Waschkorb mit der seitlichen Beschriftung: „Uns gefällt alles“. Fahrrad kann auch als Brücke zur Kommunikation, zum zwanglosen Kennen lernen, fungieren.

Ein Liebhaberstück
Ein Liebhaberstück/Kostenfaktor 1.800 Euro bei Stilrad

Das ungewöhnlichste und lustigste Rad von allen 90 vorgestellten ist das von Esteban Prendes (siehe Bildergalerie). Ein prächtig zusammengestellter Schrotthaufen mit viel Beinfreiheit. „… der wahrscheinlich weiter hinter seinem Vorderrad sitzt als jeder andere Fahrradfahrer der Stadt“, heißt es als Erklärung zu seinem außergewöhnlichen, ganz persönlichen Modell. Nicht nur die Futuristen und die Egozentriker kommen bei „Cycle Love“ auf ihre Kosten. Auch für die Retrofans ist was dabei. Frank Suhr zum Beispiel, ist kein Unbekannter in der Retroszene der Radfahrer. Sein Modell stammt aus dem Jahr 1895 und fährt mit Karbidlampe. Ein schickes Teil, den er verlassen auf dem Dachboden eines Freundes gefunden haben soll und wieder stilecht und mit viel Liebe zum Detail aufgepeppt hat. Ihm sei die „… Bewegungsunabhängigkeit..“ wichtig, sagte Frank, der zur Buchparty konform gekleidet kam und sich zunächst wortkarg gab. Das Schmuckstück käme aber nur 3 mal jährlich zum Einsatz und sei für den heutigen Straßenverkehr nicht geeignet, hieß es weiter als wir unsere Unterhaltung nach Draußen verlegt hatten. Frank wollte unbedingt mein Fahrrad besichtigen und erklärte mir, dass Diamant eine Marke aus der DDR sei, was für mich keine neue Erkenntnis war. Das Radfahren an sich und die Beziehung zum eigenen Rad ist von höchst persönlicher Natur. Jede/Jeder hat seine Fahrradgeschichte. „Cycle Love“ soll nicht zu Nachahmung dienen, sehr wohl aber als amüsantes Nachschlagewerk über FahrradliebhaberInnen, die so unterschiedlich, eigenartig, durchgeknallt und vielseitig sind, wie die Stadt in der sie leben.

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Cycle Love (Direktlink zur Buchseite des Verlages)
90 Fahrräder und ihre Liebhaber
EUR 16,95, SFR 24.50
Erhältlich in jedem guten Buchhändler oder direkt beim knesebeck-verlag.de

Credit Bildergalerie und Buch-Cover: Simon Akstinat/Knesebeck Verlag

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One comment

  1. Anne Lüdecke

    supertoller Artikel! Bin selbst fahrradverliebt. Ich wohne seit 16 Jahren in Freudenstadt im Schwarzwald und kann sagen, dass ich in der Großstadt Berlin 1000 x besser geradelt bin, denn hier gibt’s so gut wie keine Radwege und man bekommt den Eindruck vermittelt, dass man den Autofahrern im Wege ist. Hier fahren die meisten sport-stylisch teuer verkleidet in der Freizeit im Wald rum oder rasen den Schwarzwald am Wochenende zusammen mit den Motrorradfahrern rauf und runter. Ich werde richtig nostalgisch, wenn ich an meine Berliner Fahrradzeiten denke: entlag an Kanälen, durch Parks und Kiez-Bummelfahrten etc.

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