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Alte Friedhöfe Berlins – Teil 2

Alte Friedhöfe – Oase der Ruhe, der Stille des Schweigens. Orte der Melancholie, des Abschieds, der Trauer. Aber auch Orte der stillen Einkehr, wo man zu sich selbst kommt, Gedanken fließen lassen kann… Hier nun die Fortsetzung des Auszugs aus der Geschichte „Die Nachtigall und die Rose“ von Oscar Wilde, die wir gestern in unserem Blogartikel begonnen haben:

Der aber rief der Nachtigall zu, dass sie sich fester noch gegen den Dorn presse. „Drück fester, kleine Nachtigall“, rief er, „sonst bricht der Tag an, bevor die Rose vollendet ist.“ Und so drückte die Nachtigall sich fester gegen den Dorn, und lauter und lauter wurde ihr Lied, denn sie sang nun von dem Erwachen der Leidenschaft in der Seele von Mann und Weib. Und ein zartes Rot kam auf die Blätter der Rose, wie das Erröten auf das Antlitz des Bräutigams, wenn er die Lippen seiner Braut küsst.

Aber der Dorn hatte ihr Herz noch nicht getroffen, und so blieb das Herz der Rose weiß, denn bloß einer Nachtigall Herzblut kann das Herz einer Rose färben. Und der Baum rief der Nachtigall zu, dass sie sich fester noch gegen den Dorn drücke. „Drück fester, kleine Nachtigall“, rief er, „sonst ist es Tag, bevor die Rose vollendet ist.“ Und so drückte die Nachtigall sich fester gegen den Dorn, und der Dorn berührte ihr Herz, und ein heftiger Schmerz durchzuckte sie. Bitter, bitter war der Schmerz, und wilder, wilder wurde das Lied, denn sie sang nun von der Liebe, die der Tod verklärt, von der Liebe, die auch im Grab nicht stirbt. Und die wundervolle Rose färbte sich rot wie die Rose des östlichen Himmels. Rot war der Gürtel ihrer Blätter, und rot wie ein Rubin war ihr Herz. Aber die Stimme der Nachtigall wurde schwächer, und ihre kleinen Flügel begannen zu flattern, und ein leichter Schleier kam über ihre Augen. Schwächer und schwächer wurde ihr Lied, und sie fühlte etwas in der Kehle.

Dann schluchzte sie noch einmal auf in letzten Tönen. Der weiße Mond hörte es, und er vergaß unterzugehen und verweilte am Himmel. Die rote Rose hörte es und zitterte ganz vor Wonne und öffnete ihre Blätter dem kühlen Morgenwind. Das Echo trug es in seine Purpurhöhle in den Bergen und weckte Schläfer aus ihren Träumen. Es schwebte über das Schilf am Fluss, und der trug die Botschaft dem Meere zu. „Sieh, sieh!“ rief der Rosenstrauch, „nun ist die Rose fertig“. Aber die Nachtigall gab keine Antwort, denn sie lag tot im hohen Gras, mit dem Dorn im Herzen.

Teil 1 gibt es hier zu nachlesen.

Die Fotos dieser Galerie wurden auf folgenden Friedhöfen Berlins aufgenommen:
– Dorotheenstädtischer-Friedrichswerderscher Friedhof
– Französischer Friedhof
– Friedhof der Georgen-Parochial Gemeinde
– Friedhof der Sophiengemeinde
– Friedhof St. Nicolai und St. Marien
– Saint-Elisabeth Friedhof
– Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee

About sunnykat

War 4 Jahre lang "Berliner" - im Moment hat es mich ins Rheinland verschlagen. Aber mein Herz geht immer noch auf, wenn ich nach Berlin komme! :-)

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3 comments

  1. In Weißensee (Pankow) gibt es ziemlich schöne Friedhöfe!
    Ich glaube der eine ist ein jüdischer Friedof. Alle ziemlich alt und teilweise auch ein wenig runtergekommen.
    Ich geh da manchmal spazieren.

  2. Hallo Sabrina,
    über den jüdischen Friedhof in Weissensee haben wir auch schon einen Artikel geschrieben, schau mal hier:
    http://blog.inberlin.de/2012/09/der-juedische-friedhof-weissensee/

  3. Hallo sunnykat,

    du hast eine schöne Geschichte von Oscar Wilde rausgesucht.

    Ich habe auch ein Bericht über den Dorotheenstädtische Friedhof.
    http://www.mein-reisebericht-online.de/reiseberichte/stadtereisen/berlin/berlin-einmal-anders

    Viele Grüße
    Matze

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