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Tatort Berlinale – Blick zurück – persönliche Momentaufnahmen

Spätestens am Freitag Abend um 18 Uhr im 09. Stock des Filmmuseums, wenn die Preise der internationalen Filmkritiker (FIPRESCI) bekannt gegeben werden, wissen Berlinalesüchtige, das Ende der Zeit des Ausnahmezustandes naht dem Ende. Zu gut wissen wir dies rasch zu verdrängen, nach dem Motto, Samstag ist auch noch ein Tag und der Freitag Abend noch voller Termine und Begegnungen. Die Caligari Preisverleihung, intensives Networking auf der BMW-Lounge und da ist noch der Pflichtbesuch auf der Glashütten-Lounge, die vom 24. Stockwerk, mit aller Wahrscheinlichkeit die schönste Aussicht über der Hauptstadt bietet. Atemberaubend!  In höchst angenehmer Gesprächsrunde mit Kollegen, bekannte wie unbekannte, wird wieder mal sichtbar, welches große Spektrum von Kreativen und Kämpfernaturen diese Stadt zu bieten hat. Je später der Abend desto schöner die Gäste.

Aber auch im 24. Stock über der Stadt lässt sich die Dorfreminiszenzen des Berlins feststellen. Um Mitternacht ist Schluss, kurz darauf wird die wunderschöne brasilianische Lounge-Musik ausgeschaltet und freundlich kommen die Kellner in die Sitzecken, hinweisend, dass der Laden um Mitternacht dicht schliesst und das an einem Freitagabend, wo die internationale Filmwelt sich in Berlin aufhält!

Berlinale 2013
Berlinale 2013

Samstag Mittag, der Blick auf die menschenleere Hyatt-Lounge und auf den abgebauten Info-Stand lassen kein Verdrängen mehr zu. Alle noch übrigen Journalisten sind in den Ministergärten und wohnen die „kleinen“ Preisverleihungen bei. Anschließend gibt es 3 verschiedene Suppensorten: Gulasch, Kürbis und Linsensuppe. Eine reichliche Auswahl von Brot liegt daneben. Alle sind, wie immer, auf dem Sprung zum nächsten Film in den zahlreichen Sektionen. Zeit aber für einen schnellen Happen und Austausch über die Filme, die man noch unbedingt sehen musst, auch. In den Ministergärten treffe ich eine – dem lateinamerikanischen Film verfallene – Kollegin. Wir sprechen über „Gloria“, den chilenischen Wettbewerbsbeitrag, der vom Publikum und Kritikern mit Begeisterung aufgenommen wurde. Der schlussendliche Preis des silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin für Paulinia García bestätigte das.

Schon auf dem Fahrrad auf dem Weg ins Haus der Kulturen der Welt,  erblicke ich Sebastián Leilo, dem Regiesseur des prämierten Werkes beim Reingehen. Ich drehe um, stelle das Fahrrad wieder hin, gehe wieder hinein und biete um eine kurzes Statement über die bevorstehenden Preisverleihung, was er prompt zustimmt „Allein dass der Film für den Wettbewerb ausgewählt wurde, ist bereits eine Ausszeichnung. Nach der Reaktionen der Medien haben wir unzählige Fragen von anderen internationalen Festivals, die den Film ebenso zeigen wollen. Sicher ist jetzt auch dass der Film in vielen Ländern zu sehen wird. Was der Preisverleihung anbelangt ist alles unvorhersehbar“, sagte er.

Just als ich  die Sprachmemo ausgeschaltet habe und mich beim Regisseur für das Statement bedankte, hörte ich eine Stimme von hinten kommend, die im perfekten Spanischen sagt : Flirte doch nicht dem Regisseur! In solchen Momenten, Contenance bewahren ist der einzige Weg. Schnell ergriff ich die Flucht. Bei der abendlichen Bärenverleihung zeigte sich das Multitalent Anke Engelke – im Gegensatz zur Eröffnungsgala- in Bestform. Sie flirtete mit JuryPräsidenten Won Kar Wai und übersetzte nicht immer wortwörtlich ins Englische. Als sie dem wortkargen Kar Wai fragte, wie er die Filme gefunden habe sagte er: „Wir wollen die Filme nicht urteilen. Wir wollen das Kino zelebrieren, erklärte er  und brachte Anke zum endgültigen Schmelzen.
In diesem Jahr wurde bei der Berlinale auffällig viel eingespart. Die traditionell in der Volksbühne stattfindende Party der Sektion „Forum“ fiel aus. Die „Panorama“-Party folge dem Modus „The same procedure as every year“ und der Abschlussempfang fand nicht, wie gewöhnlich, im Berlinale Palast statt sondern in dem angesagten Club Cookies, Eingang Friedrichstraße, so der Hinweis auf der persönlichen Einladung.

Anstatt Food und Small Talk in den 5. Etagen des Berlinale Palastes als Abschluss gab es eine ausgiebige Party im Szenelokal. Getränke gab es gratis. In der Suppenküche gab es in Marmeladegläsern etwas Warmes für einen günstigen Preis. Mehrere Souterrains, mehrere Eingänge  und zwei Tanzflächen mit 1a DJ’s. Auffällig allerdings, dass die älteren Jahrgänge den Club schon gegen Mitternacht verlassen haben. Ein Journalist sagte an langen Schlange an der Garderobe: „I just want to leave this terrible place!“.
Diesmal gab es eine begehrte Liste, auf der viele Kollegen nicht standen. Genau diese Kollegen, bin ich allesamt in bester Laune begegnet. Berlinale Journalisten, egal welcher Provenienz  sind Kämpfernaturen. Von mir gefragt, wie sie reingekommen sind, sagte eine liebe Kollegin: „Da war eine 7-köpfige türkische Gruppe…Ich gehörte dann dazu…“erklärte sie in köstlicher Leichtigkeit. Der andere, von einem Nachrichtenportal sagte mir: „Ich sage immer X-TV und komme rein mit der ganzen Crew. Als wir einen Kameramann immer dabei hatten, klappte es leichter, aber so geht es auch, erklärte er. Ein anderer Kollege wiederum war pragmatischer: „Wo ein Wille ist, ist immer ein Weg nicht wahr?“.

Am Sonntag um den Potsdamer Platz herum, gab es noch ein Highlight: Der Panorama Publikumspreis. Viele Journalisten, die nicht wussten dass seit neulich eine Extrakarte notwendig ist – trotz langer Zeit in der Schlange weil die Hoffnung stirbt ja zuletzt –  bleiben der gemeinsamen Verleihung von Tip und Radio Eins, fern. Die Arroganz mancher Mitarbeiter des Cinemaxx 7 widerspricht den Geist des Festivals. Viel freundlicher war das Personal von Cinemaxx 8, welche die Sektion Retrospektive samt Berlinale Classics beheimatete. Sonntag Nachmittags, im Berlinale Kinotag gibt es den Pflichtrundgang, eine Art Therapie um aufgrund der fehlenden bekannten Gesichtern und der erheblichen Verringerung der Fremdsprachen um einen herum: Olga, Weissrussin und Peking lebend rief vom Flugzeug an um sich zu verabschieden. José, der portugiesische Journalist schrieb bereits am Freitag schon von Lissabon aus und zeigte sich noch immer entzückt von der Rolle der Martina Gedeck im „Nachtzug nach Lissabon“. Der Londoner Kollege ist auch schon weg.  Auch die Salzburgerin, die mich als Beraterin in Sache „Prominamen“ zu sich nahm ist auch schon fort.

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Dieses Jahr kann sich mein persönlicher Abschluss sehen lassen: Ich entschied mich für „Manche mögen es heiss“ vom Meister Billy Wilder, der 1993, noch im ZooPalast den Ehrenbären erhielt und sich wie folgt bedankte: „Als ich davon erfuhr, dass ich honoriert werde fragte ich mich am ersten Tag….Verdiene ich das überhaupt ? Am zweiten Tag dachte ich, ja..könnte sein..und am dritten wachte ich auf und sagte, ja, ich verdiene es!“ und erntete ausgelassenes Lachen vom Publikum. Berlinale Classics, die Rubrik die unter Retrospektive steht, war einer der wenigen Highlights der diesjährigen Berlinale. „Manche mögen es heiss“ macht noch mal sichtbar die Dialogenreiche im Blitztempo, die Liebe zum Detail des Regisseurs und die entzückende Sugar, gespielt vom Sexsymbol schlechthin, Marilyn Monroe.

Meine Begleitung dabei war Irina, geboren in Berlin und seit mehr als zwei Jahrzehnten in Griechenland zu Hause. Um den Berlinale Abschied richtig abzurunden schlug ich einen Besuch an Billy Wilder’s Cafe vor. Danach fuhr der Weg zwangsweise an den Berlinale Palast, vor dem es eine riesige Schlange für den 22 Uhr Film gab. Mit einem peripherischen Auge schaute ich noch ein letztes Mal auf den hängenden Bären und verschwand Richtung Heim.  Ein Kollege rief noch um 23 Uhr an und fragte ob ich noch zur Verleihung der „Short Films“ gehen wolle, was ich ablehnte: Einmal Abschied genügt.
Erst dann wenn alle Spuren der Berlinale verwischt sind, wage ich wieder zum Potsdamer Platz.

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One comment

  1. Tatiana Rosenstein

    Hi Fatima

    Unterhaltsame Geschichten!

    Liebe Grüße nach Berlin
    Tatiana

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