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Der ewige Kampf um das Tacheles

Das Tacheles ist wohl so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund – auch über die Grenzen Berlins hinaus. Es ist ein selbstbestimmtes, kollektives Kunst- und Veranstaltungszentrum in einem Gebäude mit besonderem Charme – andere würden es wohl abbruchreif nennen.

Historisches Tacheles

Das Gelände liegt an der Oranienburger Straße in Mitte und ist Teil des ehemaligen Kaufhauses Wertheim. Das Gebäude an sich wurde 1908 fertig gestellt und als Kaufhaus „Friedrichstraßenpassage“ eröffnet. Es war zu der Zeit die zweitgrößte Einkaufspasspage Berlins. Bereits ein halbes Jahr später musste jeodch Konkurs angemeldet werden. Wolf Wertheim übernahm das Gebäude, sein Kaufhaus bestand von 1909 – 1914. Vor dem Ersten Weltkrieg musste das Gebäude dann zwangsversteigert werden. Spätere Nutzer waren ab 1928 die AEG, die dort Schau- und Verkaufsräume einrichtete. Im sog. „Haus der Technik“ fand Ende der 1930er Jahre die weltweit erste Fernsehübertragung statt.

Zur Zeit der NSDAP wurde das Gebäude zunehmend durch deren Organe genutzt, z.B. durch die Deutsche Arbeitsfront und die SS. Geplant war, dort französische Kriegsgefangene unterzubringen, wozu es jedoch nicht kam. Zur Zeiten der DDR verkam das Gebäude mehr und mehr. Es sollte schließlich abgerissen werden, geplant war der Neubau einer Straße über das Gelände als Abkürzung zwischen Oranienburger Straße und Friedrichstraße. Der Abbau begann 1980, der noch heute stehende Gebäudeteil sollte planmäßig im April 1990 abgerissen werden.

Kurz vor der Sprengung wurde das Haus jedoch durch etwa 50 Künstler der Künstlerinitiative Tacheles besetzt, um den Abriss zu verhindern. Der Name kommt von der Redewendung „Tacheles reden“ – also jemandem unverblümt sagen, was man von etwas hält / Klartext reden. Die Künstler gaben sich diesen Namen aufgrund des Problems der freien Meinungsäußerung in der ehemaligen DDR – vieles musste damals versteckt gesagt/ ausgedrückt werden. Die Künstlergruppe konnte erreichen, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde – der Abriss war somit vorläufig gestoppt.

Tacheles 1990
Tacheles 1995

Der Name der Gruppe ging irgendwann auf das Gebäude über. In den folgenden Jahren wurden viele alternative Aktionen gestartet, das Gebäude angemalt, Ausstellungen und Lesungen organisiert, über 30 Ateliers und Verkaufsräume sowie ein Programmkino und Café eingerichtet. Der „Goldenen Saal“ – die erste Etage – wurde für Theateraufführungen und Partyevents genutzt. Die Künstler bekamen Raum, um sich frei zu entfalten und zu verwirklichen.

Entwurf für die Neubebauung des Tacheles-Geländes 2001

Es gab jedoch immer wieder schwierige Verhandlungen um den Erhalt und die Nutzung des 1250 qm großen Grundstücks. Räumungsandrohungen, Klagewellen, ausbleibende öffentliche Fördergelder, die Einführung einer „Kulturmark“ als Unterstützung der Besucher für den Erhalt, innere Streitigkeiten und nicht abnehmen wollender Druck auf die Künstler. 1998 konnte zwar ein 10jähriger Mietvertrag bis Ende 2008 ausgehandelt werden für die symbolische Miete von 1 Mark/qm, dies jedoch auch nur, da der Eigentümer für seine Pläne vom „Quartier am Johannishof“ keine Investoren fand. Danach konnte man sich jedoch nicht auf einen neuen Mietvertrag einigen und der Eigentümer stellte einen Antrag auf Zwangsräumung.

Aufgrund der vom Eigentümer geforderten Nutzungsentschädigung von über 100.000 EUR musste der Trägerverein Tacheles e.V. Ende 2009 Insolvenz anmelden. Eine im April 2011 angesetzte Zwangsversteigerung wurde kurzfristig wieder abgesagt. Einen Tag später verließen sämtliche Gastronomiebetreiber gegen eine Abfindung das Gebäude, Kino, Hinterhof und Erdgeschoss wurden geräumt. Etwa 80 Künstler verzichteten jedoch darauf, sich ihren Abzug erkaufen zu lassen und verblieben mit ihren Ateliers und Werkstätten im Gebäude. Eine Woche später wurde vom Zwangsverwalter der Bau einer 3m hohen Mauer veranlasst, die den Durchgang von der Oranienburger Straße zum Hof mit den Werkstätten trennt. Die bereits angerückten Bagger wurden von Fröschen und Eidechsen gestoppt – aufgrund deren Seltenheit im Feuchtbiotop wurde diese Freifläche durch den Artenschutzbeauftragten des Bezirks vor der Zerstörung geschützt. Eine Demo im Mai 2011 zur Erhalt des Tacheles war ein weiterer verzweifelter Versuch, die Öffentlichkeit aufzurütteln und um Unterstützung zu kämpfen, wie auch die diversen Support-Partys.

Tacheles 2011
Tacheles – östliche Wand

 

 

 

 

 

 

 

 Im Dezember 2011 brachen etwa 30 Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma in die Räume der 5. Etage ein. Der weißrussische Künstler Alexander Rodin wurde „hinaus begleitet“, ohne seine persönlichen Gegenstände oder seine 15 großformatigen Bilder mitnehmen zu können. Der Künstler versucht immer noch, sein Eigentum zurück zu bekommen.

Im März 2012 wurde das Tacheles nach einem Räumungsversuch des Zwangsverwalters für Besucher gesperrt – Kunstwerke, Inneneinrichtung und Elektrogeräte wurden dabei mutwillig zerstört. Etwas später gab das Landgericht Berlin bekannt, dass die Räumung rechtswidrig war, da keine Räumungsgenehmigung vorlag. Das Gericht erließ eine einstweilige Verfügung an den Zwangsverwalter, die Räume des Tacheles umgehend wieder herauszugeben, was auch geschah. Seit dem 31. Juli ist das Tacheles nun für Besucher geschlossen und die Nutzer durch die Bauaufsicht aufgefordert, die Mängel beim Brandschutz zu beseitigen, bevor eine Öffnung wieder möglich ist. Die bemängelten Maßnahmen wurden laut eines Sprechers des Tacheles jedoch teilweise vom Zwangsverwalter selber veranlasst – wie die Sperrung des Notausgangs durch eine Kette und die Abstellung des Stroms vor 2 Wochen, der dazu führte, dass die Notbeleuchtung nicht mehr funktioniert. Die Künstler behelfen sich zur Zeit mit Generatoren.

Die große Frage, die sich immer wieder stellt, ist, wie es mit dem Tacheles und den dort noch verbleibenden Künstlern mit ihren 30 Ateliers weiter geht. Für den 4. September 2012 ist die nächste Zwangsräumung angesetzt… Wie ist eure Meinung dazu?

About sunnykat

War 4 Jahre lang "Berliner" - im Moment hat es mich ins Rheinland verschlagen. Aber mein Herz geht immer noch auf, wenn ich nach Berlin komme! :-)

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6 comments

  1. ich finde es ist eine derart asoziale und geistig gestörte idee das tacheles schließen zu wollen. ich war vor einem jahr dort und ich finde es atemberaubend wie viele künstlerische werke in diesem haus sind und wie jeder einzelne raum gestaltet ist. ich denke dass jeder, der schonmal dort war und auch nur ein bischen verstand besitzt gegen eine schließung/räumung vom tacheles ist. meiner meinung nach ist es allein das tacheles schon wert mal berlin zu besuchen.
    aber was kann man schon gegen geldgeile politiker und den staat machen…

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