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Der Papst kommt…

… zum 2. Mal. Wie war das erste Mal? Aus aktuellem Anlass habe ich eine Fotoserie vom 21.08.2005 aus dem Archiv geholt. Wie turbulent ich den ersten Besuchs Benedikts XVI auf dem Marienfeld bei Köln erlebt habe, möchte ich hier berichten. Ich war offiziell als Fotografin akkreditiert. Ein aufwändiger Prozess, der Wochen im Voraus umfangreiches Formulare Ausfüllen nötig machte und Personenüberprüfungen durch deutsche und vatikanische Sicherheitsorgane in Gang setzte. Damals gab es von Journalistenseite auch kritische Stimmen hinsichtlich dieser unüblichen „Durchleuchtung“ persönlicher Daten, womöglich Biografien… Nun, ich hatte jedenfalls immer brav meine Knöllchen bezahlt und war auch nie schwarz gefahren, der Papierkram stimmte und man ließ mich gewähren.

Mitten in der Nacht kam ich im Pressezentrum in Köln an, hier gab es die Dokumentchen, Ausweise und einen schicken hellblauen Pilger-Rucksack mit hilfreichen Utensilien wie kompostierbarem Plastikbesteck, Bilder-Sprachführer, Prospekten, Stadtplan und so weiter. Nun lief für mich – im Nachhinein erfreulicherweise – alles weitere nicht nach Plan des Veranstalters. Denn sonst hätte ich nach der flughafenähnlichen Kontrolle die nächsten Stunden mit den anderen Foto-Kollegen abgeschirmt verbracht und meine Bilder wären so garantiert nicht entstanden. Wie das? Ich musste am Pressezentrum noch einmal das Auto um parken, da die Weiterfahrt ja nur gemeinschaftlich erlaubt war. Als ich zurückkam sagte man mir entgegen der 15 Minuten zuvor gemachten Zusicherung „der Fotografenbus ist schon weg!“. „Zonk!“, aber zum Glück fuhr dann noch ein anderes Besucher-Shuttle, die 20 Kilometer zum besagten Feld „in the middle of nowhere“, in dessen Weiten wir dann entlassen wurden.

Die Location war schon sehr eindrucksvoll: 260ha (!) flaches, nach einstigem Braunkohletagebau rekultiviertes Land und am anderen Ende ein 10 Meter hoher Hügel. Dieser wurde eigens aus 80.000 Kubikmeter Erde, darunter symbolische Erdgaben von  70 Nationen, zum Zweck der Altarinstallation aufgeschüttet.

Da musste ich hin! Zwischen uns lag aber ein gerade erwachendes Lager aus 1,2 Millionen Menschen aus aller Herren Länder. Sie hatten nach der Vigil (Nachtwache), die Stunden zuvor hier abgehalten wurde an Ort und Stelle campiert. Das hätte angesichts der Jahreszeit ja ganz nett sein können, war es aber nicht. Denn es war kalt und hatte geregnet. Ich hatte noch nie so viele Menschen gesehen – mit ebenso vielen Schlafsäcken, Regenschirmen, Windjacken und Plastikfolien!

Alles ist friedlich, rücksichtsvoll, langsam. Andächtige Menschen! Oder doch die Kälte? Mir wird warm, ich gehe, das Ziel ragt empor, aber kommt kaum näher… Ich nenne es das Empire State Building Phänomen: Man ist in der 70. Strasse, sieht den Kollos zum Greifen nah, und die nächsten 30 Blocks ziehen sich wie Kaugummi. Alternativ trifft das auch auf den Eifelturm oder den Berliner Fernsehturm zu… Aber zurück nach Köln! Irgendwann stehe ich vor einem Bauzaun mit Schleusenzelt. Man kontrolliert meinen Ausweis, berät sich, kontrolliert meine Kameraausrüstung. Seltsam, ich kann doch nicht die erste Fotografin hier sein. Dann kann ich passieren und erklimme den Hügel. Oben teilen sich eine gigantische Dachkonstruktion mit Altar und kleinen Tribünen dahinter den Platz mit einem unbeschreiblichen Blick auf Menschen, soweit das Auge reicht.

Es sind noch Stunden bis zum Beginn der Messe, wo soll, darf, muss ich stehen? Niemand scheint zuständig, also mache ich ein paar Bilder und setze mich schon mal auf die harte Bank, der sich langsam füllenden Tribüne.

Ich friere und schaue mich um, noch keine Kollegen hier. Seltsam, sie sind doch schon vor mir losgefahren. Es kommen überwiegend junge Leute, Geistliche, Delegierte christlicher Gruppen, Pfadfinder und so weiter. Handverlesen, wie ich später erfahre. Geistliche in schlichten schwarz-weißen und Kardinäle in farbenfrohen Gewändern nehmen die Sitzplätze seitlich des Altars ein.

Neben mir nimmt ein deutscher Zivilpolizist platz, er hat einen Knopf im Ohr, die Pistole beult sein Sakko aus, wir unterhalten uns gut, die Zeit vergeht und mir ist kalt. Irgendwann geht das Spektakel los. Die Menge unten kommt in Bewegung und schmettert Sprechchöre. Es kommen noch mehr Sicherheitsleute, sie tragen schicke schwarze Anzüge und sehen sehr italienisch aus.

Wo sind nun eigentlich die Kollegen? Später höre ich: Unten. Lediglich eine Hand voll Auserwählte unter den Auserwählten befand sich überhaupt auf dem Hügel in einer streng kontrollierten Foto-Zone.

Papst Benedikt ist oben angekommen und feiert die Messe, man kann sehr genau sehen, wie alles vor sich geht, seine Handbewegungen und Rituale, er ist keine 50 Meter entfernt. Nach der Feier geht er nach vorne, Blickt hinab auf das Menschenmeer. Eine Woge von Spannung, Freude, Hysterie ist in der Luft. Seltsam erfasst wird man davon, ob nun Papstverehrer oder nicht. Seitlich rollt das berühmte Papamobil auf den Hügel, es sieht echt witzig aus, genau wie im Fernsehen. Das ist wohl das Ende der Veranstaltung.

Aber der Papst dreht sich um und kommt auf die Tribüne zu. Die Leute drehen fast durch, würden am liebsten losrennen, auf ihn zu, aber noch ist die Ehrfurcht zu groß. Alles läuft nach Protokoll, mit gebührendem Sicherheitsabstand, erstmal.

Warum ich mich Minuten später doch in einer Menschenmenge befinde, die drängt und  schreit und die Hände ausstreckt nach Benedikt, der in einer immer schmaler werdenden Gasse aus Entourage und schwitzenden Sicherheitsleuten nur noch ganz langsam voran kommt, weiß ich nicht. Ich mache Bilder, wie er näher kommt, Menschen herzlich grüßt und berührt, es wird ganz schön eng hier und dann bin ich direkt neben ihm, werde von denen hinter mir fast auf ihn gedrückt. Das geht doch nicht! Ich stemme mich nach hinten, nehme die Kamera nach oben, normales Fotografieren ist das nicht mehr.

Der Pulk bewegt sich weiter in Richtung des schusssicheren Glaskastens auf 4 Rädern, ich mache noch ein paar Bilder über die Köpfe hinweg, die Leute winken, er winkt zurück und lächelt mir direkt in die Kamera, während er im Schneckentempo davon rollt. Wahrscheinlich fällt den Personenschützern gerade ein großer Stein vom Herzen. Alle Zurückgebliebenen sind sichtlich bewegt. Was für eine Begegnung, wirklich kein alltäglicher Termin.

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4 comments

  1. Schöner Beitrag – gefällt mir! Besonders da ich heute morgen schon im Hotel in Darmstadt in der Zeitung Auszüge aus der Rede vor dem deutschen Bundestag gelesen haben. Und da ich Vernetzungen liebe schreibe ich hier jetzt auch noch: es hat mir sehr gut gefallen, dass der Papst auch den Einsatz für die Umwelt/Schöpfung für wichtig und richtig erinnert. Da fiel mir gleich die Berliner Engagementwoche und der 1. berlinweite Aktionstag „Berlin räumt auf!“ ein. Das finde ich wichtig und geht uns alle an. Egal welche Religion und Kultur. Wir haben nur EINE gemeinsame Umwelt. Macht mit!

  2. Tja, Fotografin! Schöner Artikel und zugleich den 1.Platz „Wer hat den längsten Artikel bei Blog@inBerlin“ erobert, es sind über 900 Zeichen! Herzlichen Glückwunsch!

  3. Ich verstehe das Konzept von Panzerglas immer noch nicht so ganz. Hat der gute Mann weder Vertrauen in Gott noch in den Himmel oder warum muss er sich so schützen?

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